Der Fußballmanager
Am 29. April 2022 lud der ÖFB zu einer Präsentation, die keine war. Denn derjenige, um den es ging, war gar nicht im Wiener Hotel Marriott. Mit Ehrfurcht verkündete ÖFB-Präsident Gerhard Milletich die Bestellung von Ralf Rangnick zum neuen Teamchef. Sportdirektor Peter Schöttel erzählte, wie aus einer unverbindlichen Anfrage ein fixes Engagement des Deutschen wurde, der noch wenige Wochen Manchester United trainieren und dann, rechtzeitig zur Vorbereitung auf die Nations League, seinen ersten Lehrgang leiten würde.
Nach der verpassten WM-Qualifikation unter Franco Foda konnte sich der ÖFB keinen Fehlgriff leisten, musste aber auch Weltoffenheit zeigen. Der letzte Meistertrainer der Wiener Austria, Peter Stöger, schien dank seiner Erfolge in Köln und Dortmund als der logische Kandidat. Doch seit diesem Titel vor zehn Jahren hat sich der Fußball verändert. Österreich ist nicht mehr Nachzügler, sondern zur Spitze aufgeschlossen. Viele Nationalteamspieler stammen aus Red-Bull-Teams, alle kennen deren Spielweise. Mit Umschaltspiel und Gegenpressing haben die Salzburger Österreich verändert – und der Verantwortliche soll nun das Nationalteam auf Vordermann bringen. „Eigentlich undenkbar“, fasste Schöttel die gelungene Verpflichtung zusammen. Dabei ist die Situation wie gemacht für Rangnick. 2024 findet die Europameisterschaft statt, und das österreichische Team hat den Anspruch, in Deutschland eine gute Rolle zu spielen.
„Ähnlich wie bei Jürgen Klopp ist unser Fußball Heavy Metal und Rock’n’Roll, kein langsamer Walzer.“„The Coaches’ Voice“, 2021
Ralf Rangnick trainierte in seiner Karriere Außenseiter und Platzhirsche – manchmal sogar gleichzeitig. Im Oktober 2017 stürmte der Leipziger Sportdirektor im Cupspiel gegen den FC Bayern mit dem Smartphone in der Hand auf den Schiedsrichter zu, um mittels Video eine Fehlentscheidung zu beweisen. Nach der Niederlage seines Teams entschuldigte er sich dafür, beklagte jedoch die vermeintliche Benachteiligung. Schon als Trainer der TSG Hoffenheim lieferte sich Rangnick verbale Scharmützel mit BayernPräsident Uli Hoeneß, als dieser den neureichen Aufsteiger allzu hart kritisierte. „Wenn Sie flotte Sprüche haben wollen, gehen Sie nach München. Wenn Sie flotten Fußball sehen wollen, sind Sie hier richtig“, sagte Rangnick vor dem ersten Duell in der Bundesliga. Woraufhin Hoeneß konterte, das größte Problem für Hoffenheim sei Rangnicks Besserwisserei. „Bisher hat er im ersten Jahr immer super Leistungen gebracht, und ein Jahr später war er entlassen“, sagte er.
Aber Rangnick ist kein Quereinsteiger ins Trainergeschäft. Als Spieler kam der Sechser alter Schule mit Ulm, Heilbronn und Stuttgarts Amateuren nicht über die dritte Liga hinaus, mit Mitte 20 schlug er den Weg zum Fußballlehrer ein. Schon als Sechsjähriger habe er beim Kicken mit Neunjährigen die Älteren einteilen wollen, erklärte er, warum er so früh die Rolle als Spielertrainer bei seinem Heimatverein Viktoria Backnang übernahm. 1985 heuerte er wieder in Stuttgart an, wo er Sport und Englisch studiert hatte. Beim VfB lernte er die Basis des Profifußballs kennen und konnte mit einem Mann arbeiten, den er beim Württembergischen Fußballverband kennengelernt hatte und den er noch heute als Mentor bezeichnet: Helmut Groß. Er trainierte zwar nie einen großen Verein, hatte aber als einer der Ersten konsequent darauf gesetzt, mit einer Viererkette den Raum statt den Mann zu verteidigen. Die Inspiration dafür hatte Groß bei Ernst Happel und dem Nationalteam der Niederlande, bei Waleri Lobanowskis Dynamo Kiew und Arrigo Sacchis Milan gefunden. Als Groß Sportdirektor im Nachwuchs des VfB wurde, holte er Rangnick für die U19. Gemeinsam wollten sie einen klubübergreifenden Spielstil entwickeln.
Von Anfang an verfolgten Groß und Rangnick die Idee eines dynamischen, durch Raumdeckung und frühes Anlaufen definierten Fußballs. „Die größte Chance, nach Balleroberung ein Tor zu erzielen, besteht innerhalb von zehn Sekunden“, sagte Rangnick später. Das Konzept widerspricht dem Fußball, mit dem Deutschland zweimal Weltmeister wurde und in dem Liberos wie Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus den Spielaufbau, eisenharte Manndecker wie Berti Vogts und Jürgen Kohler die Gegenspieler übernahmen. Groß und Rangnick fügten den drei Verteidigern einen Spieler hinzu und verteilten die Aufgaben des Liberos auf den jeweils freien Rückraumspieler. So konnte die Physis der eigenen Mannschaft weitaus effizienter ausgenutzt werden.
Für die Bundesliga kam diese Idee zu früh – auch weil der VfB 1992 mit Christoph Daum Meister wurde und Rangnick bei den Profis nicht benötigte. Also verließ dieser den Verein, trainierte zunächst den SSV Reutlingen und ab 1997 den Drittligisten SSV Ulm. Sein ehemaliger Schützling Oliver Unsöld, der heute den Ulmer Nachwuchs betreut, erinnert sich: „Ralf war schon in der Jugend mein Trainer. Bei der ersten Mannschaft haben wir etwas Zeit benötigt, um zu verstehen, was er möchte. Dann ist es aber sehr gut gelaufen.“ Ulm stieg 1998 in die zweite Bundesliga auf und wurde dort auch gleich Herbstmeister. Der Erfolgslauf machte die Öffentlichkeit hellhörig, die nach dem WM-Viertelfinalausscheiden der deutschen Mannschaft vergangener Größe nachtrauerte. Viel wurde über den Siegeszug des Systems über die Einzelkönner geschrieben, der Trainer als „Fußballprofessor“ tituliert. Im Winter 1998 wurde Rangnicks geplante Rückkehr zum VfB publik, Ulm fiel in der Tabelle zurück, und im März 1999 nahm er den Hut. Der Durchmarsch in die Bundesliga gelang trotzdem. „Obwohl wir mit Martin Andermatt aufgestiegen sind, haben wir die Grundidee von Ralf Rangnick verinnerlicht und extrem davon profitiert“, sagt Unsöld dem ballesterer. „Was er gemacht hat, war sensationell.“
Mit dem Wechsel in die Landeshauptstadt verlor Rangnicks Karriere an Schwung. Beim VfB geriet er mit der Klubführung aneinander. Der Verein befand sich im Umbruch, und der Rückkehrer wollte mitreden. Auf dem Platz lief es nicht nach Wunsch. Besonders sein Verhältnis zu Krassimir Balakow war angespannt. Hatte Rangnick den Bulgaren zunächst noch zum Kapitän gemacht, ließ er ihn nach schwachen Leistungen immer seltener spielen. Der 34-jährige Spielmacher hatte sichtlich Mühe mit der neuen Philosophie. „Willst Du nicht gewinnen oder was? Leck mich am Arsch“, warf er seinem Trainer nach einer Auswechslung an den Kopf. Rangnick schmiss ihn aus dem Kader. Kurz danach, im Frühjahr 2001, musste auch der Trainer gehen. Rang acht und eine Handvoll Spiele im Europacup war alles, was Rangnick in Stuttgart erreichte. Rückblickend hätte er in Ulm bleiben müssen, sagte er später mehrmals. Ohne ihn stieg der SSV direkt wieder ab und fand sich wegen Finanzproblemen 2001 in der fünftklassigen Verbandsliga wieder.
Rangnick zog weiter zu Hannover 96 und führte erneut einen Klub mit schwungvollem Fußball in die Bundesliga. Dort hatte der Aufsteiger große Mühe, sich nach dem Verlust einiger Leistungsträger gegen die Konkurrenz zu behaupten. Nach dem elften Platz in der ersten Saison und erneutem Abstiegskampf verloren Präsident Martin Kind und Sportdirektor Ricardo Moar das Vertrauen in den Trainer. Gerüchte über einen Wechsel zu Hertha BSC wurden laut, woraufhin Rangnick im März 2004 entlassen wurde. Am Ende sollte er weder in Berlin landen noch im Stab von Bundestrainer Jürgen Klinsmann, der seinen schwäbischen Landsmann zum DFB holen wollte.
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„Schalke 04 ist für mich eine Herzensangelegenheit.“Schriftliches Statement, 2021
Stattdessen beerbte Rangnick im September 2004 Jupp Heynckes bei Schalke 04. Von Rudi Assauer als „Rolf Rangnick“ präsentiert, stand der professorale Trainer stets unter Beobachtung des bodenständigen Managers. Diesmal konnte Rangnick liefern. Unter seiner Leitung spielte Schalke modern und offensiv, wurde 2005 Vizemeister und erreichte das DFB-Pokal-Finale. Im Herbst darauf spielte der Klub in der Champions League, schied dort aber in der Gruppenphase aus und kam im DFB-Pokal bei Eintracht Frankfurt 0:6 unter die Räder. In der Meisterschaft spielte Schalke weiter oben mit, doch hinter den Kulissen brodelte es. In der Bild wurde spekuliert, dass Rangnicks Vertrag nach der Saison nicht verlängert werden würde. Vor dem 16. Spieltag war es dann der Trainer, der seinen Abschied ankündigte: „Ich habe keinen Bock auf die Possenspiele im Verein.“ Bei den Schalke-Fans kamen die offenen Worte gut an. Im Heimspiel gegen Mainz 05 protestierten sie gegen den Vorstand und gaben Rangnick Rückendeckung. Der Coach bedankte sich mit einer Ehrenrunde im Stadion. Zwei Tage später wurde er entlassen. „Ich glaube zu 100 Prozent, dass die Mannschaft und ich weiter hätten zusammenarbeiten können“, sagte Rangnick danach. „Es tut weh, dass ich hier nicht mehr arbeiten kann.“
Sein Abschiedsspiel sollte nicht das letzte Mal sein, dass die Schalker Fans Rangnick feierten. Fast fünfeinhalb Jahre später, als Rudi Assauer längst zurückgetreten war, übernahm er abermals das Ruder im Pott. Noch unter Felix Magath war Schalke bis ins Viertelfinale der Champions League vorgedrungen, strauchelte aber in der Liga. Mit Rangnick, der als Erfolgstrainer der TSG Hoffenheim zurückkehrte, sollte die Saison im Frühjahr 2011 gerettet werden. Sie wurde zur Achterbahn. Zuerst warf Schalke mit zwei spektakulären Siegen Titelverteidiger Inter aus der Champions League, hatte danach gegen Manchester United aber keine Chance. Der Kontrast zu Magaths kräfteraubendem Stil war zu groß, um in der Bundesliga noch eine Rolle zu spielen. Der Verein beendete die Saison auf dem 14. Platz. Aber ein Spiel überstrahlte alles: Mit einem 5:0-Sieg über den MSV Duisburg holte sich Schalke 04 den DFB-Pokal. Rangnick, der in seiner Karriere achtmal einen Aufstieg bejubeln durfte, hatte seinen ersten großen Titel geholt. Die Folgesaison begann vielversprechend. Eine verjüngte Mannschaft gewann drei der ersten vier Spiele. Doch der Druck des Neuaufbaus überwältigte den Trainer. Am 22. September 2011 trat Rangnick aufgrund eines Erschöpfungssyndroms zurück. Der offene Umgang mit der Erkrankung verschaffte ihm in der Öffentlichkeit Lob und Respekt. Nach einer Ernährungsumstellung und mehreren Monaten Ruhe kam er wieder zu Kräften. Im Frühjahr 2021 wäre es fast zum zweiten Comeback auf Schalke gekommen. Doch diesmal sagte Rangnick ab, es gebe zu viele Unabwägbarkeiten im Verein.
„Ich bin hier, weil ich gemerkt habe, dass ich mich hier leichter verwirklichen kann als in manchen Traditionsklubs.“11Freunde, 2015
Wenn Rangnick heute über Traditionsklubs spricht, geschieht das meist aus zwei Blickwinkeln. Einmal als Zeuge romantischer Tage, als Vereine wie Borussia Mönchengladbach und der HSV in Europa reüssierten. Und einmal als leicht spöttischer Manager eines Konkurrenten, der über massig Kapital verfügt. Die zweite Perspektive wirkt glaubwürdiger. Denn bei Traditionsvereinen hatte Rangnick immer Mühe, seine Ideen umzusetzen – zuletzt bei Manchester United, das ihn vor seinem ÖFB-Engagement zuerst als Berater, dann als Interimstrainer in die Premier League holte. Die von Ole-Gunnar Solskjaer ins Mittelmaß gecoachte Mannschaft konnte sich am Experten aus Deutschland nicht aufrichten, Rangnick nichts aufbauen. Von den Eigentümern des Klubs erbte er nicht nur den 36-jährigen Cristiano Ronaldo, sondern den gesamten Betreuerstab. Rangnick beschäftigte seine Mitarbeiter daraufhin auf eigene Faust weiter. Lars Kornetka, noch heute beim ÖFB sein Co, war mit ihm im Sommer 2021 nach Moskau gegangen, um beim FK Lokomotiv eine beratende Funktion einzunehmen. Von dort aus belieferte er seinen Chef mit Videomaterial, während die United-Analytiker in Manchester spazieren gingen. Die ungewöhnliche Konstellation illustriert den Wunsch des Managers Rangnick nach umfassender Kontrolle und Loyalität. Für den Erfolg muss getan werden, was nötig ist. Und nötig ist alles, was sich machen lässt.
Wie das funktionieren kann, zeigte sich nach dem ersten Engagement in Gelsenkirchen. Im Sommer 2006 nahm Rangnick ein Angebot aus der Regionalliga Süd an. Der Softwaremilliardär Dietmar Hopp wollte seinen Jugendverein zum Spitzenteam formen. Die TSG Hoffenheim hatte nichts. Keine Fanbasis, keinen Ballungsraum, kein großes Stadion, aber auch keine Legenden und Vorstände, die sich einmischen konnten. Rangnick war befreit von den Zwängen eines Traditionsklubs und konnte sich dem widmen, womit er schon in Backnang und Ulm erfolgreich war: einen Klub in seiner Gesamtheit zu entwickeln. Er hatte die Ideen, Hopp die Mittel. Der finanzielle Vorteil gegenüber der Konkurrenz ermöglichte es Rangnick, zu Dienstantritt 15 Spieler auszutauschen. Die Verstärkungen kamen fortan aus der zweiten Reihe: Vedad Ibisevic aus Aachen, Chinedu Obasi aus Oslo, Demba Ba aus Mouscron. Keiner von ihnen verließ Hoffenheim ablösefrei. Der Königstransfer war aber Luiz Gustavo. Hoffenheim holte ihn 2007 um eine Million aus dem brasilianischen Unterhaus in die zweite Bundesliga. Kaum vier Jahre später war er den Bayern 17 Millionen wert. Gab es doch einmal Fehlkäufe, federte sie der finanzielle Polster des Mäzens ab. Diese Strategie sollte Rangnick als Sportdirektor auch bei den Red-Bull-Klubs anwenden.
Während Hoffenheim in Deutschland mit SAP-Millionen No-Names einkaufte, wurde mit dem Geld von Dietrich Mateschitz noch nach einem anderen Prinzip operiert: In Salzburg bediente man sich bei der schwächelnden Konkurrenz und setzte routinierten Bundesliga-Spielern Kurt Jara als Trainer vor. Weil Mateschitz Franz Beckenbauer als Berater heranzog, ließen ehemalige Bayern-Stars ihre Karriere in Wals-Siezenheim ausklingen. Als Trainer fungierte einmal Giovanni Trapattoni mit Lothar Matthäus, dann Co Adriaanse und Huub Stevens. Red Bull konnte zwar die ersten Meistertitel bejubeln, scheiterte aber kläglich am eigentlichen Ziel, der Qualifikation zur Champions League. Im Herbst 2008 mischte Hoffenheim schon die deutsche Bundesliga auf. Dafür hatte Rangnick auch seinen Mentor Helmut Groß als Scout und Vertrauten ins Team geholt. „Sensationell erfrischend“ nannte der Spiegel das Spiel der Rangnick-Truppe, die sich zum Herbstmeister kürte und dabei Borussia Dortmund mit 4:1 demütigte. Deren neuer Trainer Jürgen Klopp kündigte danach an, Fußball wie die TSG spielen zu wollen. Dabei verfügte der Klub zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal über eine Heimstätte. Bevor die Rhein-Neckar-Arena im Jänner 2009 in Sinsheim eröffnet wurde, wich die TSG nach Mannheim aus. Noch heute schwärmt Rangnick von der Atmosphäre im alten Carl-Benz-Stadion. Die erste Saison in der Bundesliga beendete Hoffenheim auf dem siebten Platz, erreichte im Jahr darauf aber nur den elften Rang. Mäzen Hopp verlor die Geduld und verkaufte mit Luiz Gustavo einen Schlüsselspieler. Rangnick trat daraufhin am Neujahrstag 2011 als Trainer der TSG zurück.
„Ich sehe meinen Job inzwischen vor allem als Entwicklungshelfer.“Red Bulletin, 2021
Im Sommer 2012 wurde Ralf Rangnick als neuer Sportkoordinator bei Red Bull vorgestellt, zuständig für Österreichs Meister und den deutschen Viertligisten Rasenballsport Leipzig. Abermals nahm er Groß als Berater mit. Noch mehr als Hoffenheim war der 2009 etablierte Standort in Ostdeutschland die ideale Arbeitsumgebung für Rangnick: ein unbestelltes Feld. Dagegen musste er in Salzburg erst klar Schiff machen. Dort herrschte noch immer ein konzeptioneller Wildwuchs zwischen einmal offensiv orientierten und dann wieder defensiv geprägten Trainern. Statt Altstars des FC Bayern spielten zwar immer mehr junge Österreicher, an den Profifußball herangeführt wurden sie aber meist woanders: Marc Janko bei der Admira, Jakob Jantscher bei Sturm, Stefan Hierländer bei Austria Kärnten. Legionäre wie David Mendes und Gonzalo Zarate waren zu alt, um große Transfererlöse zu versprechen. Richard Kitzbichler, Ex-Spieler und damals im Betreuerstab des Klubs, erinnert sich: „Die Ankunft von Ralf Rangnick war ein einschneidender Moment für den gesamten Verein und seine DNA. Er hat eine klare, klubübergreifende Philosophie eingeführt.“
Diese äußerte sich in der Wahl zweier wenig bekannter Trainer. In Leipzig folgte Alexander Zorniger aus Großaspach auf Peter Pacult. In Salzburg übernahm Roger Schmidt aus Paderborn, der sich in der Qualifikation zur Champions League gegen Düdelingen gleich bis auf die Knochen blamierte. Dann rührte Rangnick im Kader um. Er holte technisch begabte, junge Spieler von kleineren Vereinen. Kevin Kampl kam aus Aalen, Sadio Mane hatte ein paar Profispiele für Metz in den Beinen. Keine Superstars, aber mit ausreichend Schnelligkeit und Technik ausgestattet, um jedes Team in Österreich zu verstärken. Doch nur eines konnte die sieben Millionen auf den Tisch legen, die sie gekostet hatten. Die neu formierte Salzburger Mannschaft wurde 2013 hinter der Wiener Austria punktbester Vizemeister der Geschichte. Seither gingen alle Meisterteller nach Salzburg.
RB Leipzig schaffte es aus der vierten Liga innerhalb von fünf Jahren in die Champions League. Wenn es eng wurde, setzte sich Rangnick noch einmal auf die Bank. 2016 führte er den Klub als Nachfolger von Zorniger in die Bundesliga, ehe Ralph Hasenhüttl übernahm. Nach der Trennung im Mai 2018 erreichte Leipzig, wieder unter Rangnick, ein Jahr später erstmals den höchsten europäischen Klubwettbewerb. Auch abseits des Sportlichen hat Rangnick in Leipzig Spuren hinterlassen. Seit 2018 widmet sich seine Stiftung den Bildungschancen kommender Generationen. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf Sport, sondern auf Kreativität, Wissenschaft, Technik und Ernährung. Im Juli 2019 war Rangnicks Werk in Leipzig vollbracht, als er seinen Wunschtrainer Julian Nagelsmann aus Hoffenheim holte. Er trat von seiner Position zurück und übernahm die Rolle des Leiters für Sport und Entwicklung im Bereich Fußball im Red-Bull-Konzern. In dieser Funktion lag sein Hauptaugenmerk auf den Standorten New York und Braganca Paulista. Schon ein Jahr später wurde der noch ein Jahr laufende Vertrag aufgelöst, Rangnick machte sich als Berater selbstständig.
Ohne das Gesicht eines Vereins zu sein, kann Ralf Rangnick sein Image selbst kultivieren und kontrollieren. Mit 65 Jahren tritt er jovial auf, trägt dunkle Pullover oder Sakkos und Sportschuhe. Pressetermine geraten zuweilen zur Geschichtsstunde. Seine Arbeitsweise erklärt er dann anhand einer anderen Fußballwelt. Er erzählt nicht von Leipzig und Manchester, sondern von seinen ersten Tagen in Backnang. Wie es im Unterhaus üblich ist, wurde damals auch bei der Viktoria nach Spielen ein Bier auf den Erfolg getrunken. Der junge Coach sah aber nicht immer einen Grund zu feiern. Einmal nahm er die Bierkiste, schleppte sie aus der Kabine und warf sie über einen Bahndamm. Dem Zeugwart, der nach einem Sieg auf eine Ausnahme drängte, wusch er den Kopf. Der professionelle Anspruch führte zu Erfolgen. Dass Rangnick seither als Kontrollmensch gilt, ist für ihn vernachlässigbar. Er will lieber als jemand gesehen werden, der den Mund aufmacht, wenn es nötig ist. Stimmt der Plan, den sich der Trainer ausbaldowert, kommt Erfolg von alleine. Harmonie ist dabei nicht das Ziel. Rangnick hat sich im Laufe der Jahre nicht allein mit dem Backnanger Zeugwart angelegt. Auch im Profigeschäft hat er so manchen Strauß ausgefochten – nicht nur mit Uli Hoeneß. Darüber reden will heute kaum jemand. Ein ehemaliger deutscher Teamspieler, der unter Rangnick spielte, schreibt dem ballesterer: „Ich möchte über Ralf Rangnick kein Statement abgeben. Wir hatten zum Schluss nicht das beste Verhältnis.“
„Wir versuchen in allen Bereichen, den österreichischen Fußball nach vorne zu bringen.“„Willkommen Österreich“, 2023
„Ich habe ihn als umgänglichen Menschen kennengelernt, der manchmal natürlich sehr ungeduldig werden kann“, sagt Peter Schöttel dem ballesterer. Der Sportdirektor ist Rangnicks unmittelbarer Vorgesetzter beim ÖFB und von der Umtriebigkeit des Teamchefs angetan. „Er ist immer auf der Suche, was man verbessern könnte. Auch über das Sportliche hinaus.“ Dass sich Rangnick im größten Sportverband des Landes einbringt, ist nicht überraschend. Schließlich hat selten jemand Österreichs Fußball so erschüttert wie er.
Das belegen zum einen die Zahlen. Seit seinem Amtsantritt als Sportdirektor gewann Red Bull 17 von 20 möglichen heimischen Titeln. In praktisch allen relevanten Kennzahlen ging es bergauf. Salzburg steigerte den Zuschauerschnitt, überwintert regelmäßig im Europacup und nimmt Millionen mit Spielertransfers ein. In den letzten Jahren hatte nur Benfica höhere Transfererlöse. Mittlerweile hat Red Bull Salzburg 28 Spieler um zweistellige Millionenbeträge verkauft. Erst im Sommer bekam der Verein 20 Millionen für Nicolas Seiwald überwiesen – aus Leipzig. Die zwei Klubs boten Rangnick einen Standortvorteil, denn so kam die Leistung eines Spielers manchmal gleich zwei Klubkassen zugute. Auch Jürgen Klopp bediente sich in den letzten Jahren nach Kräften und holte nach Sadio Mane, der aus Southampton kam, die Ex-Salzburger Naby Keita und Dominik Szoboszlai von Leipzig nach Liverpool. „Die Spieler haben extrem von der Mannschaftstaktik profitiert und wurden auch individuell zunehmend stärker“, sagt Richard Kitzbichler.
Durch Rangnicks Engagement ist nicht nur der Ligakrösus immer reicher geworden, auch der Fußballstandort Österreich konnte seinen Rückstand aufholen. Die Salzburger Spielphilosophie war am Puls der Zeit, als Pressing hierzulande noch ein Fremdwort war. Ab 2011 hatte Marcel Koller als ÖFB-Teamchef damit begonnen, dem Nationalteam die Vorteile physisch intensiver Raumdeckung beizubringen. Der Schweizer feierte in der Qualifikation zur EM 2016 die größten Erfolge gegen höher gesetzte Teams. Physis wurde vom Instrument der Notwehr technisch schwacher Teams zum Wettbewerbsvorteil.
Der Umbau, den Rangnick bei den Red-Bull-Klubs anstieß, wirkte sich auch am Spielfeldrand aus. „Was Pressing und Gegenpressing betrifft, haben Ralf Rangnick und sein Mentor Helmut Groß in meinen Augen einen entscheidenden Einfluss auf die nachfolgenden Trainergenerationen genommen“, sagt Kitzbichler. Die Rangnickianer trugen ihr Wissen durch Europa: Ralph Hasenhüttl wurde erster österreichischer Trainer eines Premier-League-Klubs, Adi Hütter wurde Meister mit dem BSC Young Boys und führte Eintracht Frankfurt ins Semifinale der Europa League, sein Nachfolger Oliver Glasner gewann mit dem Verein den Bewerb, Roger Schmidt wurde Cupsieger mit PSV Eindhoven und Meister mit Benfica, Marco Rose holte nach Zwischenstopps in Mönchengladbach und Dortmund nun mit Leipzig den DFB-Pokal. „Österreich ist ein Gegenpressingland. Das ist definitiv auf Ralf Rangnick und Red Bull zurückzuführen“, sagt auch Schöttel.
Rund ein Jahr nach Amtsantritt des Teamchefs ist die EM-Qualifikation nach dem 3:1-Sieg in Schweden nur noch Formsache. Die Öffentlichkeit ist vorbereitet: Für das Video zu „Hoch gwimmas (n)imma“ der Austropop-Kombo „AUT of ORDA“ treten Teamspieler und Teamchef in einer inszenierten Pressekonferenz auf. Die PR-Aufnahme wurde von Rangnick angestoßen, es ist der Soundtrack zur EM-Qualifikation. Dass sich Österreich bei Erscheinen noch gar nicht qualifiziert hat, tut der ausgelassenen Stimmung keinen Abbruch. „Des is die nächste deppade Frog“, sagt Ralf Rangnick in dem Video etwas hölzern. Steirischer Dialekt gehört zu den wenigen Dingen, die sich seiner Kontrolle entziehen.
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