Vom Ultra zum Forscher: Sebastien Louis verbrachte viele Jahre in der Kurve von Olympique Marseille, bevor er sich dem Phänomen des organisierten tifo wissenschaftlich annäherte. Nun ist seine Abhandlung zur Geschichte der Ultras erstmals auf Deutsch erschienen.
ballesterer: Wie ist Ihre Beziehung zur Ultrabewegung entstanden?
Sebastien Louis: Im September 1991 habe ich im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal ein Stadion betreten. Meine Mannschaft, Olympique Marseille, hat gegen Union Luxembourg gespielt. Dort habe ich die Ultras entdeckt. Bei dem Spiel sind rund 100 Auswärtsfans angereist. Sie haben 90 Minuten lang gesungen und ihre Mannschaft unterstützt, erst da habe ich verstanden, was Ultras sind. Ich habe mir gedacht, dass das die Art ist, wie ich Fan sein will. In den folgenden Jahren habe ich immer mehr Spiele besucht und bin im Juli 1994 dem „Commando Ultra 84“ beigetreten.
Sind Sie heute noch Mitglied?
Nein, aber bis 2007 bin ich durch Frankreich und ganz Europa gereist, um Marseille zu folgen. Als ich in den frühen 2000er Jahren an der Universität ein Thema für meine Diplomarbeit in Geschichte wählen musste, habe ich mich für die Ultras entschieden. Aber nicht für die französischen, sondern die italienischen. Sie waren die Erfinder und Meister dieser Kultur. Dann habe ich alle soziologischen und anthropologischen Arbeiten über Ultras und andere Subkulturen wie die Hooligans gelesen. Ich bin relativ rasch drauf gekommen, dass es klare Verbindungen zwischen gesellschaftlichen Ereignissen und dem Beginn dieser Kultur gibt, deshalb habe ich zuerst meine Diplomarbeit, später meine Dissertation über dieses Thema geschrieben. Da die Forschung meine ganze Zeit in Anspruch genommen hat, konnte ich kein aktiver Ultra mehr sein. Es war nicht möglich, beides zu 100 Prozent zu machen.
Sie beschreiben in Ihrem Buch, in welcher Weise die Entwicklung der Ultras, sogar der Name, eng mit den politischen Unruhen im Italien der späten 1960er und 1970er Jahre verbunden war.
Die 1960er und 1970er Jahre haben eine revolutionäre Generation hervorgebracht. Überall, in Tokio, Dakar, Mexiko, Paris, Rom, Washington und Berlin, waren die Menschen auf der Straße. Sie wollten die Gesellschaft verändern. In vielen Ländern war 1968 das Schlüsseljahr, aber die Revolte hat länger angehalten. Diese Generation wollte alles verändern, nicht nur die wirtschaftlichen Strukturen oder die patriarchale Herrschaft, sondern alles. Und dazu haben auch die Stadien gehört. Sie waren einer der wenigen Räume, in denen diese Revolution funktioniert hat.
Inwiefern?
Die Ultras haben die Kontrolle übernommen und einen Raum – die Kurve – befreit. Dort haben sie es zumindest für die Dauer eines Spiels geschafft, eine andere Gesellschaft aufzubauen. Darin besteht auch die Genialität der italienischen Ultras: Sie haben einige Elemente der politischen Auseinandersetzungen dieser Jahre übernommen, nicht aber das wichtigste, die Ideologie. Den meisten in der ersten Ultrageneration haben einfach die provokanten Aspekte gefallen.
In Ihrem Buch geht es vor allem um Italien und die Geschichte der ursprünglichen Ultras. Stimmt der Eindruck, dass die Bewegung heutzutage in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Österreich viel stärker und lebendiger ist?
Deutschland stellt eine Ausnahme dar, weil es das europäische Land mit der größten Fußballleidenschaft ist. Das lässt die Bewegung stärker aussehen. Trotzdem kann man das nicht mit der Situation in Italien vergleichen, dort verfügen Ultras über eine Erfahrung, wie man sie in keinem anderen Land findet. Sicher, die Ultras in Deutschland, Österreich und der Schweiz machen vielleicht die schöneren Choreografien, aber das ist nur ein Aspekt – genauso wie die Gewalt. Auf dem Balkan gibt es sicher viel gewalttätigere Ultras. Aber in puncto Kreativität, bei Liedern, Philosophie, Organisation und vielen anderen Details sind die Italiener immer noch besser. Es reicht nicht, die beste Choreo oder das beeindruckendste Auswärtsspiel als Maßstab zu nehmen, allein schon, weil die Repression in Italien noch einmal eine ganz andere ist. Für mich sind die italienischen Ultras selbst in der Krise noch beeindruckend. In welchem anderen Land sieht man denn so viele alte Ultras? Es ist keine Modeerscheinung für Leute zwischen 20 und 30 wie in vielen anderen Ländern. Es ist wirklich eine Art zu leben.
Ultras haben im Stadion einen Raum mit eigenen Regeln geschaffen. Aber dadurch sind sie auch Teil des Spektakels des modernen Fußballs und werden für den Verkauf dieses Produkts genutzt. Wie gehen die Ultras mit diesem Widerspruch um?
Diesen Widerspruch gibt es zweifellos. Der moderne Fußball mag die Ultras, denn heutzutage gehen die Leute nicht mehr nur ins Stadion, um ein Fußballspiel zu sehen, sondern um Teil eines Erlebnisses zu werden. Die Ultras sind ein Bestandteil davon. Es ist ein echtes Dilemma, wenn man gegen den modernen Fußball kämpfen und gleichzeitig jedes Spiel gewinnen will. Die Ultras leben also – genauso wie wir alle – in einem Widerspruch. Sie müssen die Antworten darauf finden, was sie gerade noch akzeptieren können.