Vor 75 Jahren verunglückte die berühmteste Mannschaft Italiens bei einem Flugzeugabsturz am Turiner Hausberg Superga. Eine Hommage an Präsident Ferruccio Novo, Sportdirektor Ernö Erbstein, Kapitän Valentino Mazzola und sein Team.
Die italienischen Meister: Bacigalupo, Ballarin Aldo, Ballarin Dino, Bongiorni, Castigliano, Fadini, Gabetto, Grava, Grezar, Loik, Maroso, Martelli, unser Kapitän Valentino Mazzola, Menti, Operto, Ossola, Rigamonti, Schubert.“ Es ist ein Ritual, das sich seit Jahren wiederholt. Am 4. Mai pilgern tausende Torino-Fans den Hügel von Superga zu Fuß oder mithilfe der klapprigen Zahnradbahn hinauf. Dort auf der Rückseite der 1731 erbauten Wallfahrtskirche gedenken sie der Toten des „Grande Torino“. Der aktuelle Kapitän stellt sich vor die Mauer der Unglücksstelle und liest laut und ehrfürchtig die Namen der Verstorbenen vor.
Mister Torino
Die Geschichte der vielleicht größten, sicher aber berühmtesten italienischen Mannschaft beginnt 1939. Damals übernimmt der Lederfabrikant Ferruccio Novo das Präsidentenamt bei Torino. In jungen Jahren hat er selbst bei dem Team gekickt, ist über die Reservemannschaft aber nie hinausgekommen, jetzt will er seinen Klub nach englischem Vorbild auf professionelle Beine stellen. Bis dahin haben die Turiner erst eine Meisterschaft gewonnen, Bologna sechs, Stadtrivale Juventus sieben und Genoa sogar schon neun. Novo baut ein Netz von Vertrauten und Scouts auf, die den Klub mit jungen Spielern Jahr für Jahr verstärken. Und er setzt auf den Rat von Fachleuten. Neben Berater Vittorio Pozzo, dem Weltmeistertrainer von 1934 und 1938, ist das vor allem Ernö Egri-Erbstein, der 1939 als Trainer erstmals zur Mannschaft stößt.
Sie haben Anteil daran, ein Team von Weltformat aufzubauen, doch zunächst bestimmt die geopolitische Lage das Schicksal des Vereins. Am 10. Juni 1940 tritt Italien aufseiten von Nazi-Deutschland in den Zweiten Weltkrieg ein, rund drei Jahre später wechselt es die Seiten und zerfällt de facto in zwei Teile. Es sind schwierige Zeiten für die Bevölkerung, aber der Sport geht weiter. Waren bisher der Radsport mit dem Giro d’Italia und der Motorsport mit den Mille Miglia die populärsten Veranstaltungen, gewinnt der Fußball während des Kriegs an Bedeutung. Die Tragödie von Superga am 4. Mai 1949 wird ihn zur uneingeschränkten Nummer eins der Sportfans werden lassen.
Venezianische Verstärkungen
Die Royal Air Force fliegt in den Kriegsjahren 39 Angriffe auf die Industriestadt Turin, die für ihre Autohersteller bekannt ist. Lancia produziert hier ebenso wie FIAT, das den Stadtnamen sogar im Firmennamen trägt. Im Juli 1943 wird bei einem Angriff das klubeigene Stadion an der Via Filadelfia im Süden der Stadt schwer beschädigt. Land und Stadt sind bis dahin von allzu großen Schäden verschont geblieben. Die Saison 1942/43 etwa kann noch regulär zu Ende gespielt werden, der Meister kommt aus Turin und spielt in granatroten Trikots. Auch die Coppa d’Italia geht im selben Jahr an Torino, das damit das erste Double im italienischen Fußball holt.
Zwei Neuzugänge von Venezia im Sommer 1942 haben alles verändert. 1,2 Millionen Lire und zwei Spieler Ablöse zahlt Novo für Valentino Mazzola und Ezio Loik. Mazzola stammt aus der Lombardei, ab 1939 hat er neben seinem Militärdienst bei der Marine in der Lagune für Venezia gespielt und 1941 den Cup gewonnen. Loik ist schon dort an seiner Seite, sein slawischer Name ist mit seiner Heimatstadt verbunden: Rijeka/Fiume, das kurz vor seiner Geburt von italienischen Freischärlern rund um den Dichter Gabriele D’Annunzio, einem Vorboten des Faschismus, besetzt worden ist.
Serienmeister – Der „Grande Torino“ gewann fünf Titel in Folge
Die mehr als 20-jährige Herrschaft der Faschisten steht vor ihrem Ende, als die amerikanische Armee im Sommer 1943 in Sizilien landet. Während im Süden die Alliierten vorrücken, besetzt die deutsche Wehrmacht Nord- und Mittelitalien, der gestürzte Diktatur Benito Mussolini wird als Kopf einer Marionettenregierung eingesetzt. In den turbulenten Wochen kommt die Serie A zum Erliegen, doch schon im Herbst wird überall dort, wo es die Kriegswirren erlauben, in lokalen Meisterschaften wieder gespielt. Torino-Präsident Novo ist es gelungen, den Großteil der Mannschaft offiziell bei FIAT anstellen zu lassen. Somit sind sie für den Fronteinsatz unabkömmlich und können weiter trainieren. Daraus schlägt der Klub große Vorteile.
Nachkriegsmeister
Die erste Meisterschaft nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt am 14. Oktober 1945. In Turin startet sie im Stadio Comunale vor 40.000 Zuschauern mit einem Derby, Juventus gewinnt zwar 2:1, am Ende der Saison heißt der Meister aber wieder Torino. Zu verdanken hat er das auch dem Shoa-Überlebenden und ehemaligen Trainer Erbstein. Der ungarische Jude war wegen der italienischen „Rassengesetze“ zur Flucht gezwungen. Der Kontakt zum Präsidenten ist aber nie abgerissen. Erbstein flieht gegen Kriegsende aus einem Lager bei Budapest und kehrt nach Italien zurück. Dort wird er von Novo versteckt und übernimmt dann das Amt des Sportdirektors. Gemeinsam mit seinem Assistenten, dem Engländer Leslie Lievesley, der nun Trainer wird, formt er eine Mannschaft, die ihrer Zeit voraus ist. Torino profitiert von modernen Trainingsmethoden und hartem Konditionstraining und praktiziert ein aggressives Forechecking. Taktisch kombinieren die Turiner Herbert Chapmans WM-System mit Elementen des Donaufußballs.
Im Tor steht in jenen Jahren Valerio Bacigalupo, die Stammverteidigung bilden Aldo Ballarin, Virgilio Maroso und Mario Rigamonti. Zusammen mit Letzterem und Ersatzspieler Danilo Martelli bildet Bacigalupo eine Junggesellen-WG in einer Pension in der Via Nizza, das „Trio Nizza“ ist für seine Aktivitäten außerhalb des Spielfelds berüchtigt. Im defensiven Mittelfeld agieren Giuseppe Grezar und Eusebio Castigliano, das Prunkstück des Teams bildet aber die Reihe davor mit Loik und Mazzola sowie den Flügelspielern Romeo Menti und Franco Ossola. Vor ihnen stürmt Guglielmo Gabetto, der bei Juventus ausgemustert worden ist und dem man ob der perfekten Pomade und des eleganten Auftretens den Spitznamen „Barone“ gibt. Für Torino schießt er in über 200 Partien mehr als 100 Tore. Zusammen mit Ossola besitzt er die Bar Vittoria im Stadtzentrum, einen beliebten Treffpunkt für Spieler, Fans und Sportjournalisten.
Toro-Viertelstunde
Zwischen 1943 und 1949 bleibt Torino in 88 Spielen im Stadio Filadelfia ungeschlagen, am Ende der Saison 1948/49 stehen 125 geschossene Tore und 65 Punkte zu Buche. Milan, Juventus und Triestina werden weit abgeschlagen punktegleich Zweite. Es ist der vierte Meistertitel en suite für Torino. Auch eine „Toro-Viertelstunde“ entsteht in jener Zeit. Anhänger Oreste Bolmida, der bei der Bahn arbeitet und kein Heimspiel verpasst, bringt sein Arbeitsgerät, ein Signalhorn, regelmäßig ins Stadion mit. Damit bläst er in der letzten Viertelstunde oder immer dann, wenn die Mannschaft in Bedrängnis ist, zum Angriff. Kapitän Mazzola krempelt der Legende nach die Ärmel hoch und gibt seinen Mitspielern das Signal, noch einmal alles in die Waagschale zu werfen.
Granatrote Azzurri – Im Nationalteam waren fast nur Torino-Spieler tätig
Das spektakuläre und dominante Spiel von Torino wirkt über die Stadt hinaus, es lässt die Italiener zuversichtlicher in eine ungewisse Zukunft schauen. Das Team wird ebenso wie die Radfahrrivalen Fausto Coppi und Gino Bartali zum Symbol des Wiederaufbaus. Der Journalist und Schriftsteller Gianni Mina sagte einmal: „Wenn du alles verloren hast und wieder aufbauen musst, hältst du dich an etwas fest, das dich nicht enttäuscht und auf das du dich verlassen kannst – so wie die Mannschaft des Grande Torino.“
Die Besten Italiens
Auch das Nationalteam besteht zum Großteil aus Torino-Spielern, beim Match gegen Ungarn im Mai 1947 sind es sogar alle zehn Feldspieler. Die granatroten „Azzurri“ gewinnen 3:2. Weniger gut läuft es für Italien, wenn Teamchef Pozzo die Mannschaft durcheinanderwürfelt und auf Altstars wie Silvio Piola und Talente wie Giampiero Boniperti setzt. So gewinnt Österreich gegen die Italiener im November 1947 vor 60.000 Zuschauern in Wien 5:1. Der Wiener Kurier schreibt: „Die italienischen Zeitungskommentare über den gestrigen Länderkampf stehen natürlich unter dem Eindruck der hohen Niederlage. Einheitlich wird der Meinung Ausdruck gegeben, dass die italienische Mannschaft vollkommen versagt hat.“ Die Weltpresse zeigt sich wenig überzeugt von Italiens neuem WM-System: „Wir haben nun gestern vom ‚System‘ nichts gesehen, höchstens, dass auch diese Systemspielerei dem italienischen Fußball das Beste, was ihn auszeichnete, nämlich seinen Schwung und sein verwirrendes Stürmer-Zusammenspiel, verloren gegangen sind.“
1948 folgen zwei Länderspiele gegen ehemalige Kriegsgegner. In Paris wird Frankreich im April 3:1 geschlagen, wenige Wochen später gehen die Italiener mit sieben Torino-Spielern in der Startformation im Stadio Comunale gegen England 0:4 unter. Derartige Ergebnisse lassen Experten mangels internationaler Klubwettbewerbe auch heute noch darüber streiten, ob der „Grande Torino“ nun wirklich die damals beste Mannschaft der Welt gewesen sei.
Nebel über Turin
Nicht einmal ein Jahr später besiegt Italien mit sieben Torino-Spielern Portugal 4:1. Folgenreicher als das Spiel ist das anschließende Bankett in Genua, dort stecken Mazzola und Benfica-Kapitän Francisco Ferreira die Köpfe zusammen, um ein Freundschaftsspiel in Lissabon zu vereinbaren. Der Europacup ist noch nicht erfunden, den alten Mitropa-Cup gibt es nicht mehr, es braucht internationale Freundschaftsspiele, um Geld in die Klubkassen zu spülen. Mazzola verspricht, beim Präsidenten vorstellig zu werden. Zunächst erteilt Novo dem Wunsch eine Absage, weil die Meisterschaft noch im Gange ist. Die Wochen vergehen, aber Mazzola lässt nicht locker. Schlussendlich kommt es zu einem Deal. Sollte Torino am 30. April das Spiel beim direkten Verfolger Inter nicht verlieren, geht es ein paar Tage später nach Lissabon. Das Match in San Siro endet vor 40.000 Zuschauern dank Bacigalupo 0:0. Der Tormann avanciert wieder einmal zum besten Spieler und ermöglicht so den Flug nach Portugal. Kapitän Mazzola erlebt in jenen Wochen einige private Turbulenzen. Da Scheidungen in Italien noch nicht möglich sind, erstreitet er über ein rumänisches Gericht die Annullierung seiner Ehe mit Emilia Rinaldi, aus der zwei Söhne hervorgegangen sind. Am 20. April, zwischen dem Heimspiel gegen Modena und dem Auswärtsspiel in Bari, heiratet er in Wien seine Geliebte Giuseppina Cutrone. Beim Spiel in Mailand fehlt er krankheitsbedingt, den Flug nach Lissabon tritt er trotzdem an. Zu den 18 Spielern an Bord gehört auch Dino Ballarin aus Chioggia. Während sein Bruder Aldo als Verteidiger einen Stammplatz hat, ist Dino nur dritter Tormann. Der Ausflug ist eine Belohnung für seinen Trainingseinsatz, Reservegoalie Renato Gandolfi bleibt deshalb zu Hause.
In der Stadt ist an jenem verhängnisvollen 4. Mai nur ein lauter, dumpfer Knall zu hören, doch die Nachricht von der Katastrophe verbreitet sich wie ein Lauffeuer.
Torino verliert das Spiel gegen Benfica 3:4. Am Tag danach geht es wieder zurück. In Barcelona erfolgt eine Zwischenlandung, wo man auf die AC Milan trifft, die auf dem Weg zu einem Freundschaftsspiel in Madrid ist. Der ursprüngliche Plan hätte eine Landung in Mailand vorgesehen, doch die Spieler überreden den Piloten, direkt nach Turin zu fliegen, um früher zu Hause zu sein. Wie so oft hängt eine dichte Nebelsuppe über der Stadt, als die dreimotorige FIAT G.212 gegen 17.00 Uhr von Osten kommend zur Landung ansetzt. Ein defektes Messgerät zeigt die falsche Höhe an. Um 17.05 zerschellt das Flugzeug an der Rückseite der Basilika von Superga.
Die Toten von Superga
Alle 31 Passagiere sterben an Ort und Stelle. Neben den 18 Spielern sind das Sportdirektor Erbstein, Trainer Lievesley und drei weitere Betreuer, drei Journalisten und fünf Besatzungsmitglieder. Die Beamten der nahegelegenen Carabinieri-Station sind als Erste vor Ort. Sie erkennen Verteidiger Ballarin sofort. Vittorio Pozzo obliegt es, die übrigen Teammitglieder zu identifizieren. Während die Insassen keine Überlebenschance gehabt haben, bleiben die Gläser und Koffer mit den Salben der Masseure, die im Hinterteil der Maschine verstaut sind, unversehrt. Sie befinden sich heute im Museum des „Grande Torino“ am Stadtrand von Turin. Auch die Gepäckstücke überstehen den Absturz. Erbsteins Tochter Susanna Egri wird später eine berühmte Balletttänzerin, dem Magazin Panenka erzählt sie 2019: „Mein Vater hat mir von jeder Auslandsreise ein Mitbringsel mitgebracht. Als ich den Koffer aus der Unglücksmaschine geöffnet habe, habe ich darin eine Stoffpuppe gefunden, die wie die anderen Sachen völlig unbeschädigt war. Ich habe sie seitdem zu jedem meiner Auftritte mitgenommen. Sie ist zu meinem Talisman geworden.“
In der Stadt ist an jenem verhängnisvollen 4. Mai nur ein lauter, dumpfer Knall zu hören, doch die Nachricht von der Katastrophe verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Als sie in der Hauptstadt eintrifft, unterbricht das Parlament eine abendliche Sitzung. Das ganze Land steht unter Schock. Der Totenmesse zwei Tage später wohnt über eine halbe Million Menschen bei. Viele Spieler finden auf dem Cimitero Monumentale in Turin ihre letzte Ruhe, andere, wie die Brüder Ballarin, werden in ihren Heimatorten beigesetzt. Über 30 Stadien und Sportstätten in ganz Italien erinnern heute noch an die Spieler des „Grande Torino“.
Internationale Solidarität
Am 22. Mai 1949 trifft Österreichs Nationalteam unter Walter Nausch in Florenz auf die Italiener, die 3:1 gewinnen. Zuvor haben Vertreter des ÖFB auf dem Friedhof in Turin einen Kranz im Gedenken an die Opfer niedergelegt. Drei Wochen nach der Tragödie überquert die Mannschaft von River Plate mit dem noch weitgehend unbekannten Alfredo Di Stefano auf eigene Kosten den Atlantik, um zuerst den Papst zu treffen und dann mit einem Freundschaftsspiel gegen eine Ligaauswahl in Turin Geld für die Hinterbliebenen der Opfer zu sammeln. 50.000 Zuschauer erleben ein 2:2. Als Zeichen der Verbundenheit spielt Torino deshalb seither immer wieder mit dem für River Plate typischen diagonalen Balken auf seinen Auswärtsdressen.
Die vier noch ausstehenden Meisterschaftsspiele der Saison 1948/49 bestreitet die Nachwuchsmannschaft von Torino gegen Gleichaltrige von Genoa, Palermo, Sampdoria und der Fiorentina. Die Turiner gewinnen alle vier Spiele, den Titel hat der Klub aber ohnehin schon vom Verband zugesprochen bekommen. Es ist der fünfte in Serie. Als ein Jahr später die WM in Brasilien stattfindet, entscheidet sich Italien gegen eine Anreise per Flugzeug. Die Mannschaft von Novo, der seit 1949 auch Teamchef ist, nimmt den beschwerlichen Weg per Schiff auf sich und scheidet schon in der Vorrunde aus.
Abschied – Eine halbe Million Menschen kam zur Trauerfeier
Ferruccio Novo tritt zurück, auch der Wiederaufbau der AC Torino wird ihm nicht gelingen. 1953 zieht er sich aus allen Funktionen zurück. Ähnlich wie bei Manchester United einige Jahre später geht der Mythos von Torino auf einen Flugzeugabsturz zurück. Im Gegensatz zu United, das mit einigen Überlebenden der Katastrophe den Europacup holen wird, gewinnen die Turiner in den folgenden Jahren nicht mehr viel. Bis heute folgen nur noch ein Meistertitel und drei Cupsiege.
Turins Team
Juventus und die beiden Mailänder Teams laufen Torino den Rang ab. Bei Inter spielt sich in den 1960er Jahren Sandro Mazzola in den Vordergrund. Er ist sechs Jahre alt, als sein Vater stirbt. Seine Mutter geht nach der Tragödie mit den beiden Söhnen nach Mailand, um ein neues Leben zu beginnen. Die Burschen werden von Inter unter die Fittiche genommen, wo Sandro eine Weltkarriere macht. Nicht nur Mazzolas private Turbulenzen sowie ein Erb- und Sorgerechtsstreit der beiden Witwen sorgen in den Monaten nach dem Flugzeugabsturz für Schlagzeilen. Im Nachgang tauchen wilde Spekulationen über angeblich von der Bordbesatzung geschmuggelte Drogen und Devisen sowie von den Spielern versteckte Diamanten auf, die am Zoll von Mailand vorbei geschleust werden sollten. Die Nachforschungen dazu verlaufen im Sand. An der Unglücksstelle seien keine Hinweise gefunden worden, stellt die Polizei nach einer Untersuchung fest.
Lokalrivale Juventus stützt sich nicht nur auf die sportlichen Erfolge, sondern auch den wirtschaftlichen Aufschwung, den das Land nimmt. Davon profitiert Autohersteller FIAT, der genauso wie Juventus der Familie Agnelli gehört. Zwei Millionen Autos pro Jahr, gebaut von 50.000 Arbeitern, laufen im Werk in Mirafiori, im Süden der Stadt vom Band. Hunderttausende Binnenmigranten aus Süditalien sichern die Produktion und sorgen dafür, dass der Verein im ganzen Land Fans gewinnt. Juventus mag daher seit Jahrzehnten der beliebteste Klub Italiens sein, in Turin ist es aber auch 75 Jahre nach der Katastrophe von Superga immer noch Torino. Die Erinnerung an das „Grande Torino“ bleibt, wie schon der Journalist Indro Montanelli prophezeit hatte: „Helden sind in den Augen derer, die an sie glauben, immer unsterblich“, schrieb er am 7. Mai 1949 im Corriere della Sera. „So können alle Fußballfans, die jetzt trauern, vielleicht daran denken, dass die Mannschaft des Grande Torino nicht tot ist, sondern nur ein Auswärtsspiel bestreitet, bevor sie wiederkehrt.“
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Sebastien Louis forscht und schreibt über die Geschichte der Ultrabewegung. Ein Gespräch über erste Generationen, politische Einflüsse und italienische Kreativität. lesen