Es war einmal eine Bundeskanzlerin …
Wer heute Fotos rund um die Bewerbung für die EM 2024 und die Vergabe an Deutschland im September 2018 anschaut, gerät vielleicht ins Grübeln: Wer war noch einmal der groß gewachsene Mann mit der Brille, wer sein Begleiter mit den dunklen Locken und dem glattrasierten Gesicht? – Der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel und Generalsekretär Friedrich Curtius sind in diesen Funktionen längst Geschichte. Wenigstens die Frau im Hosenanzug dürfte noch im Gedächtnis sein, ebenso wie der Mann im schwarzen Rollkragenpulli, ihre Ämter bekleiden allerdings auch Angela Merkel und Joachim Löw nicht mehr.
… Aschenputtel
Die frühere Bundeskanzlerin hat in ihrer langen Amtszeit ein glückliches Händchen bei Fußballgroßereignissen gehabt: Mit der WM 2006 fiel ihr das „Sommermärchen“ in den Schoß, gekeilt hatte dafür Vorgänger Gerhard Schröder zwischen Zürich und Doha. Der Kanzler hatte die WM-Organisation zur Chefsache erklärt, in die Kabine und auf die Tribüne durfte im Sommer 2006 aber dann die sechs Monate zuvor gewählte Merkel. Sie hatte immerhin im Frühjahr zum Telefon gegriffen, als der Teamchef medial in der Kritik stand. „Jürgen, wie kann ich helfen?“, habe sie gefragt, erzählte Klinsmann Jahre später, und ein Meeting zwischen ihm und mehreren Chefredakteuren organisiert, um für bessere Stimmung zu sorgen. „Offenbar haben viele nicht damit gerechnet, dass ich mich für Fußball interessiere“, sagte Merkel einmal. „Bis 2006 hat mich in meinem politischen Leben auch kaum einer danach gefragt.“
Von den späteren Korruptionsenthüllungen des Spiegel um die WM-Vergabe fiel auf Merkel kein Schatten. Die WM 2011 wiederum verlief reibungslos, wenn auch sportlich nicht erfolgreich für die Gastgeberinnen und brachte vorübergehend einen Schub für den Fußball der Frauen. Für die EM 2024 legte sich Merkel nicht so enthusiastisch ins Zeug wie Schröder und seine Regierung für die WM 2006. „Ganz herzlichen Glückwunsch an alle, die es geschafft haben, die EM 2024 zu uns nach Deutschland zu holen“, sagte sie nach dem Zuschlag. Vielleicht hat Merkel eine VIP-Karte für ein EM-Match, sonst wird sie das Turnier wohl in Berlin oder im Wochenendhaus in der Uckermark verfolgen, sofern es inzwischen einen Fernseher hat. Womöglich taucht sogar Gerhard Schröder, der heute als inoffizieller Botschafter Putins unterwegs ist, in einem Stadion auf. Die positiven und negativen Begleiterscheinungen des Turniers wird aber ein anderer ernten oder ausbaden: Olaf Scholz. Fußballfachsimpeleien, Tribünen- und Kabinenbesuche sind nicht sein Metier, als Finanzminister unter Merkel hat er aber die Investitionen, finanziellen Garantien und Steuererleichterungen für die UEFA rund um die EM verantwortet.
… Die goldene Gans
Rund 2,5 Millionen Fans werden zwischen dem 14. Juni und dem 14. Juli bei den Spielen in den zehn Austragungsorten erwartet, bis zu zwölf Millionen in den Fanzonen der Städte mit Public Viewing, Unterhaltung und Kommerz. 2018 punktete die Bewerbung des DFB gegenüber der Konkurrenz aus der Türkei mit dem Argument der bestehenden Stadioninfrastruktur und dem Versprechen ökologischer Nachhaltigkeit, so sollen alle zehn Stadien vollständig mit erneuerbarer Energie versorgt werden. Die Spielorte sind regional geclustert, sodass Fans wie Teams die Wege dazwischen einfach per Bus oder Bahn zurücklegen können. Mit einer Menschenrechtserklärung will sich der DFB Zielen wie Vielfalt, Inklusion und freier Meinungsäußerung verpflichten. Die Bewerbungsbroschüre beschwört die „einzigartige Integrationskraft des Fußballs“ neben Fotos von weiblichen Fans und Kindern mit schwarz-rot-goldenen Fanartikeln. An das Turnier von 2006 erinnert Turnierdirektor Philipp Lahm – der einzige Prominente rund um die Bewerbung, der noch im Amt ist – mit den Worten: „Deutschland hat sich als gastfreundliches, modernes Land und guter Organisator präsentiert.“ Das solle wieder gelingen.
Die Vergabe ist knapp sechs Jahre her. Die Zeit bis zur Austragung des Turniers war turbulent, eine Pandemie und zwei Kriege mit globalen Auswirkungen haben Deutschland, Europa und die Welt verändert. Zeitenwende ist das Wort, das Scholz dafür in einer Rede nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine gefunden hat. Das Motto der EM-Bewerbung – „United by Football. Vereint im Herzen Europas“ – klingt heute noch um einiges illusorischer als 2018. Das Teilnehmerfeld lässt sich entlang von Bruchlinien des Kontinents gruppieren: Sie ziehen sich von England nach dem Brexit durch die EU-Kernländer Deutschland und Frankreich über das umstrittene Mitglied Ungarn und die Türkei, die wohl noch lange keines werden wird, bis nach Georgien, wo Demonstranten EU-Fahnen gegen Wasserwerfer schwenken. Vom links regierten Spanien zum Italien unter der Postfaschistin Giorgia Meloni. Von der Schweiz, einem der reichsten Länder Europas, bis zu Albanien, einem der ärmsten. Die Ukraine ist ebenso dabei wie Tschechien, eines ihrer größten Unterstützerländer, und Serbien, der vielleicht wichtigste russische Verbündete in Europa. Sie treffen in einem Gastgeberland zusammen, das fußballerisch und politisch von Konflikten geprägt ist.