Wer will, kann auch heute noch an der Adresse 61–65 Great Queen Street im Londoner West End ein Treffen organisieren. In den Grand Connaught Rooms ist vom Konferenzraum mit schnellem Internet bis zur großen Halle mit Kronleuchter für 750 Gäste alles verfügbar. Vor 160 Jahren stand an dieser Stelle die Freemasons’ Tavern. Der Sitz der Freimaurerloge war auch für andere Gruppen zugänglich, Sportler zum Beispiel. Am 26. Oktober 1863 fand hier das Gründungstreffen der Football Association, kurz FA, statt, des englischen Fußballverbands. Anwesend waren vor allem Männer von Klubs und Privatschulen aus dem Großraum London. Die weiteste Anreise hatten die Vertreter des ältesten Klubs, des Sheffield FC von 1857. Das Ziel formulierte Ebenezer Morley vom Londoner Barnes FC in seinem Antrag: „Ein Fußballverband soll gegründet werden, um sich auf ein einheitliches Regelwerk zu verständigen.“
Eine Frage der Klasse
Wie viele Anträge klang auch dieser einfacher als seine Umsetzung. Denn bislang wurde Fußball – in den jungen Klubs, in Schulen und Universitäten – in ganz unterschiedlichen Varianten gespielt. Lokale Gegebenheiten bestimmten die Größe der Plätze, und es herrschte darüber Uneinigkeit, ob und wann der Ball getragen und gefangen werden durfte, ob Beinstellen und Tritte aufs Schienbein zulässig waren. Ebenfalls für Konfliktstoff sorgte das Abseits. In Sheffield etwa wurde darauf verzichtet und der lange Pass sowie das Kopfballspiel zu früher Perfektion gebracht. Es brauchte mehr als eine Besprechung, um schließlich zu 13 Regeln zu gelangen. Balltragen und Tritte wurden untersagt, was zum Rückzug des Blackheath FC führte. Das sei unenglisch, auf diese Weise könnten sogar Franzosen mit etwas Übung Spiele gewinnen, sagte dessen Vertreter. Blackheath wurde 1871 Gründungsmitglied der Rugby Football Union.
Sheffield trat der FA erst beim vierten Treffen im November 1863 bei, die Skepsis des Klubs aus der Stahlstadt hatte jedoch andere Gründe. Die Funktionäre betrachteten die FA als Londoner Angelegenheit. Jahrelang wurde der Verband in den Zeitungen in Yorkshire als London Football Association bezeichnet. Mit Arthur Pember und Morley wurden zwei Londoner Präsident und Sekretär der Organisation, die nichts weniger getan hatte, als den Fußball zu erfinden. Die Männer in der Freemasons’ Tavern wären wohl erstaunt bis entsetzt gewesen, hätten sie erfahren, dass in den folgenden 155 Jahren nicht nur Franzosen, sondern auch Argentinier, Brasilianer, Deutsche und Italiener häufiger das weltbeste Team stellen sollten als Engländer, dass Frauen in kurzen Hosen diesen Sport ausüben und dass sich damit einmal Millionen von Pfund verdienen lassen würden.
Manche dieser Veränderungen deuteten sich früh an. Die FA hatte nicht nur Regeln, sondern 1871 mit dem FA Cup auch einen Bewerb geschaffen. Er wurde zunächst von Londoner Klubs wie dem Wanderers FC und Universitätsteams wie den Old Etonians dominiert. 1883 geriet diese Fußballwelt aber ins Wanken. Der Blackburn Olympic FC, ein Team von Fabrikarbeitern und Wirten aus dem Norden, schlug die Eton-Absolventen 2:1. Kein Wunder, sollte Blackburn doch sogar ein Trainingslager abgehalten haben. „Wie, so wurde gefragt, konnten Vollbeschäftigte sich derart viel Freizeit leisten, ohne illegal bezahlt zu werden?“, schreibt Steve Tongue in seinem Buch „Turf Wars“ über Londons Fußballgeschichte. Für Geld spielen, das gehörte nicht zum Plan der Amateure in der Freemasons’ Tavern. Aber die Zeit der wohlsituierten Herren, die an Schulen und Universitäten den Fußball entdeckt hatten und ihn in ihrer reichlich bemessenen Freizeit pflegten, näherte sich dem Ende.
Denn die Fußballer aus der Arbeiterschicht waren genauso talentiert – und deutlich in der Überzahl. Sie mussten jedoch bezahlt werden, um nicht nur an den freien Samstagen spielen zu können. 1885 wurde auf Druck der Klubs aus dem Norden der Berufsfußball eingeführt. Drei Jahre später fand im Anderton’s Hotel in der Londoner Fleet Street ein weiteres Treffen statt, bei dem der Grundstein für die Football League gelegt wurde, die erste Profiliga der Welt. Zwölf Klubs nahmen im September 1888 den Spielbetrieb auf. Sie kamen aus Nordengland und den Midlands. Die Hauptstadt und ihre Amateure waren abgehängt.
Londoner Wunderteams
104 Jahre später entstand eine neue Liga: Die 22 Klubs der damaligen First Divsion kehrten der Football League den Rücken und gründeten die Premier League als neue erste Spielklasse. Ihr Motiv: Geld. Die Klubs wollten die Erlöse aus den TV-Rechten unter sich verteilen und nicht mehr, wie bisher, die unteren Ligen mitfinanzieren. Das Gleichgewicht von Norden und Süden hatte sich verändert: Sechs der 22 Klubs kamen aus London. Kein Verein ist seit 1888 ununterbrochen erstklassig geblieben, doch Arsenal, Chelsea und Tottenham Hotspur spielen neben Everton, Liverpool und Manchester United seit 1992 durchgehend in der Premier League. Auch Crystal Palace, die Queens Park Rangers und Wimbledon gehörten 1992 zu den Gründungsmitgliedern.