„Kann mein Alter Ego den HSV zum Aufstieg führen? Kann ich das besser als der Trainer dort?“ – So umreißt Simon Elsinger den Reiz von Fußballmanagerspielen. Der 34-Jährige leitet seit rund 20 Jahren Mannschaften durch virtuelle Ligen, seit 2013 spielt er den „Football Manager“. Zu seinem Spielerlebnis gehört jedoch wesentlich mehr als eine detaillierte Kaderplanung und Experimente mit taktischen Formationen. Beginnt er ein neues Spiel, müssen etwa auch die Vereine der Liga von San Marino dabei sein. Und wenn Elsinger eine Liga nicht vorfindet, baut er sie ins Spiel ein – so wie auch andere aus dem Meistertrainerforum. In der rund 10.000 Mitglieder starken deutschsprachigen Community des „Football Manager“ wird nicht nur diskutiert, sondern auch die Datenbank des Spiels ständig erweitert. Elsinger ist eine feste Größe in der Community und inzwischen auch als Head Researcher für den Spielhersteller Sports Interactive tätig.
Was unterscheidet Managerspiele von Fußballsimulationen?
Simon Elsinger: Sie sind viel umfangreicher als reine Simulationsspiele wie „FIFA“. Du hast mehr taktische Möglichkeiten und auch den Zwang, die Taktik mehr zu betrachten, mehr auf deine Spieler einzugehen. Passen die einzelnen Attribute eigentlich auf die Rolle, die der Spieler interpretieren soll? Um so etwas musst du dich bei Simulationen weniger kümmern. Da kannst du durch dein Können am Controller viel mehr kaschieren.
Es geht also darum, sich intensiver mit den Spielern zu befassen?
Genau. Dazu versucht ein Managerspiel die Persönlichkeit eines Spielers darzustellen, oder besser gesagt die Datensätze eines Spielers als Persönlichkeit. Das sind immer wieder kleine Mosaiksteinchen, die du in deiner eigenen Welt zurechtrücken musst, um erfolgreich zu sein. Am Ende bleibt es aber ein Spiel. Kein Entwickler der Welt schafft das in der Perfektion, die sich viele Käufer wahrscheinlich wünschen.
Worin besteht Erfolg beim „Football Manager“?
Du baust etwas auf, ob kurz- oder langfristig. Es gibt anders als bei einer Runde „FIFA“ oder „Pro Evolution Soccer“ kein kurzes knackiges Gameplay mit Gewinner und Verlierer. Erfolg liegt in der eigenen Zielbetrachtung. Will ich den Kader verjüngen und trotzdem nicht absteigen? Ist es ein Erfolg, wenn ich in die Regionalliga aufsteige und dort die Klasse halte? Oder nur wenn ich mit den Bayern die Champions League gewinne? Die Ziele, die ich mir als Spieler setze, und die Mittel, wie ich diese verfolge, sind mir überlassen. Das macht den Reiz aus.Wie sind Sie in die „Football Manager“-Community gekommen?
Ich habe mir 2013 die Demoversion des Spiels heruntergeladen und war mit der Vielfalt des Produkts und dem Umfang der Datenbank zuerst völlig überfordert. Ich bin dann auf die Community im Forum zugegangen – mit klassischen Anfängerfragen. Und dann ist es relativ schnell gegangen, 2014 habe ich die ersten Files geliefert, in denen ich die Oberliga-Kader in Deutschland vervollständigt habe. Das waren knapp 5.000 Spieler.Sie sagen, dass Sie Files liefern, wie läuft das ab?
Es gibt eine Datenbasis, die du lokal auf deinem Computer installierst. Diese Datenbank kannst du verändern. Nehmen wir als Beispiel die Stadtligen von Bremen und Hamburg: Da ist von Haus aus keine richtig hohe Priorität darauf gelegt worden, die allerbesten Daten zu haben. Da hat man froh sein können, wenn einige Transfers gepasst haben und überhaupt Spieler vorhanden waren. Ich habe in der Basisdatenbank geschaut: Was gibt es, was fehlt, was ist nicht aktuell? Ich bin ein Verrückter und aktiviere Ligen, da wissen die meisten nicht einmal, zu welchem Land sie gehören. Ich liebe es, eine möglichst umfangreiche, realistische Welt abzudecken.
In den Daten sind auch Freundschaften und Feindschaften der Aktiven erfasst. Wie recherchiert man so etwas?
Da ist die Faktenlage oft nebulös. Die Informationen zieht man im Profibereich meistens aus sozialen Netzwerken. Wenn zum Beispiel Spieler X bei Spieler Y Trauzeuge ist, ist das schon ein starkes Indiz für eine Freundschaft. Ein schwächeres Indiz ist, wenn sich Spieler auf Instagram zum Geburtstag gratulieren. Daraus eine Freundschaft abzuleiten, ist eher fraglich. Bei den Feindschaften ist es noch schwieriger. Wenn sich Spieler, die in einem Team spielen, nicht leiden können, kommt das selten an die Öffentlichkeit. Oft sind es aber eher Abneigungen, die einzutragen sind. Dass Joachim Löw zum Beispiel Mario Gomez nicht gerne aufgestellt hat, war bekannt. Ich glaube, da war eine „geringe Abneigung“ verzeichnet. Das kann auch die Community melden, solange sie mehr als nur Vermutungen liefern kann.
Für den Eintrag ist dann aber der Entwickler zuständig?
Sports Interactive hat für seine Datenbank ein globales Netzwerk von Men schen, die diese aufbauen. Dort bin ich seit 2015 dabei, seit 2020 als Head Researcher. Die Aufgaben ähneln dem, was ich schon als Community-Mitglied gemacht habe. Gewisse Dinge sind Pflicht, andere sind Kür. Zur Pflicht gehören Transfers und Ligenzuweisungen der Auf- und Absteiger. Die Kür ist zum Beispiel, historische Zusammenhänge zu implementieren, also Vorläuferklubs. Die DDR war im Spiel zu Beginn noch ein großer weißer Fleck. Auf das Spielgeschehen hat es ja keinen Einfluss, dass ein Verein vier Vorgängerklubs hat, in der Oberliga erfolgreich war und jetzt in der Berlin-Liga spielt. Aber das sind nette Gimmicks, die eine gewisse Immersion bieten, also ein Eintauchen ins Spiel.
Betreiben Sie auch Spielerscouting vor Ort?
Die Assistant Researcher, die meistens für einen Verein verantwortlich sind und Spielerbewertungen liefern, sollten schon ab und zu im Stadion sein – oder ihren Verein zumindest intensiv verfolgen. Manche sind auch Groundhopper, die in der ganzen Welt Stadien besuchen. Wenn du möchtest, kannst du 24 Stunden am Tag als Researcher verbringen. Im Moment versuche ich, wieder ein gesundes Mittelmaß zu erreichen. Ohne mein Team von Assistant Researchern wäre das gar nicht möglich. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.