Als der Parma FC im März 2015 Konkurs anmeldete und sich mit großem Getöse aus der Serie A verabschiedete, sprach Italiens Verbandspräsident Carlo Tavecchio von einer epochalen Wende. Schärfere Kontrollen würden zukünftig einen Konkurs im laufenden Spielbetrieb verhindern. In der letzten Sommerpause ist allerdings ein Dutzend Vereine aus dem italienischen Profibetrieb verschwunden, aktuell bedroht das Konkursverfahren eines Versicherers mit Sitz auf den Cayman Islands die Bürgschaften eines Drittels der Drittligavereine. Das erste Saisonspiel der Serie B zwischen Ternana und Pisa musste verschoben werden, weil die Gäste kein Geld für den Bus hatten. Dies sei aber wirklich die letzte Ausnahme gewesen, verkündete Tavecchio. Aber von Anfang an.
Verhandlungsmarathon
Im Sommer 2009 war Pisa letztmals in Konkurs gegangen und in der Serie D neu gegründet worden. Nach dem sofortigen Wiederaufstieg durfte der Verein eine Leistungsstufe überspringen und landete in der drittklassigen Lega Pro 1, wo er einige Saisonen verbrachte. Im August 2015 verpflichtete der Klub Gennaro Gattuso als Trainer, der die Mannschaft in die Serie B zurückführte. Jubelbilder von Gattuso auf dem Zaun vor der Fankurve fluteten die sozialen Netzwerke. Doch die Freude währte nur kurz, der Verein hatte die Saison auf Kredit gespielt. Anders ausgedrückt, er dürfte schlicht nicht gezahlt haben – weder Spieler und Angestellte noch Zulieferer. Klubbesitzer Fabio Petroni wurde am 22. Juli wegen mutmaßlicher Betrügereien mit seiner Firma Terravision festgenommen. Millionen sollen auf den Konten von Frau und Tochter gelandet sein.
Es folgten Verkaufsverhandlungen zwischen dem Konsortium der Familie Petroni und dem Investmentfonds Equitativa mit Sitz in Dubai. Die Gespräche zogen sich hin, in der Zwischenzeit stellten sich Bankbürgschaften als falsch heraus, woraufhin die für die Zweitligatauglichkeit notwendigen Sanierungsarbeiten am Stadion auf Eis gelegt wurden. Schließlich legte Trainer Gattuso Ende Juli sein Amt nieder. Mannschaft, Fans und selbst Bürgermeister Marco Filippeschi drückten bald ihre Hoffnung auf einen erfolgreichen Verkauf aus. Doch obwohl zahlreiche Gläubiger bereit waren, im Verkaufsfall auf ihre Ansprüche zu verzichten, kam es zu keiner Einigung. Schließlich bot eine Gruppe lokaler Unternehmer sogar an, 300.000 Euro zu investieren, um den Fortbestand des Vereins zu sichern – zudem wollte sie eine Faninitiative unterstützen, die weitere 200.000 Euro jährlich für den Verein bereitstellen würde. Die Verhandlungen bewegten sich dennoch nicht, schließlich besetzten am 30. August rund 500 Fans den Bahnhof und legten den Bahnverkehr lahm, um auf die Situation ihres Klubs hinzuweisen.
Die ewige Wiederkehr
Die Aktionen der Fans blieben ebenso erfolglos wie die Vermittlungsversuche des Präsidenten der Serie B und des Bürgermeisters. Einige Spieler suchten sich neue Vereine, der Rest boykottierte das Training. Wenige Tage vor Ligastart stand Pisa ohne vollständige Mannschaft da, ohne Trainer, ohne Training und ohne Stadion. Am 31. August vermeldeten die Nachrichtenagenturen das endgültige Scheitern der Verhandlungen. Man hatte sich zwar auf den Kaufpreis von 6,2 Millionen Euro geeinigt, nicht aber auf die Zahlungsmodalitäten.
Der Transfermarkt war nun geschlossen, auch am Tag darauf warteten die Fans vergeblich auf weißen Rauch aus dem Vereinssitz. Die Ultras forderten in einem Kommuniqué Klarheit ein, doch Lorenzo Petroni, Sohn des inhaftierten Präsidenten, stiftete noch mehr Verwirrung. Er bekräftigte, nicht an den Investmentfonds zu verkaufen und brachte einen neuen potenziellen Käufer ins Spiel. Erst als dieser versicherte, überhaupt kein Interesse am Erwerb eines Fußballklubs zu haben, gab die Familie Petroni dem Druck nach. Gegen 22.30 Uhr traf die Nachricht ein, dass die Parteien eine Einigung getroffen hatten. 20 Minuten später gab Gattuso zu Protokoll: „Wir sehen uns morgen, Training in der Arena.“ Jubel allerorten.
Doch drei Wochen später war die vereinbarte Anzahlung von 310.000 Euro immer noch nicht überwiesen, am 29. September vermeldete Lorenzo Petroni, dass er nach neuen Partnern suchen werde. In der Zwischenzeit hatte Gattuso im Fernsehinterview zum Rundumschlag ausgeholt. Die Situation sei nicht auszuhalten, Existenzen würden an ausstehenden Gehältern hängen. „Wer kontrolliert denn eigentlich das Ganze? Ich höre seit Jahren von Problemen mit der Wettmafia. Es reicht nicht zu reden, man muss kontrollieren. Sonst passieren merkwürdige Sachen.“
Harte Hand nur gegen Fans
Zwielichtige Vereinseigentümer, gefälschte Bürgschaften, kreative Finanzbuchhaltung, namenlose Investoren, unbezahlte Rechnungen und Fans am Rande des Nervenzusammenbruchs. Das erinnert nicht nur an Parma, sondern an die Lage vieler Klubs in einem Land, das nun einmal nicht mehr als 100 Profiteams finanzieren kann. Fälle wie Pisa sind unterhalb der Serie A eher die Regel als die Ausnahme. Doch um die Startplätze der Ligen zu füllen, drücken die Verantwortlichen alle Augen zu. Insbesondere, wenn es sich um einen Traditionsklub handelt. Meldungen, dass Drittligaspieler bei asiatischen Wettportalen auf ihre Gegner setzen, locken niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Seriöse Investoren sind ebenso wenig in Sicht wie volle Stadien. Weiter, irgendwie weiter.
Wirklich hart greifen die Behörden dafür in anderen Fällen durch. Nach einer kurzen Auseinandersetzung zwischen Ultras von Pisa und Brescia Mitte September folgten acht Festnahmen, 84 Anzeigen und Stadionverbote für alle beteiligten Pisa-Ultras. In der Kurve ist man sich sicher, dass das eine Strafe für den lauten und kreativen Protest im Sommer war. Schließlich fand dieser in der Stadt viel Unterstützung und brachte unangenehme Dinge an die Öffentlichkeit. Unbeeindruckt von der ganzen Situation zeigt sich indessen die Mannschaft, die mittlerweile in ihrem – für Zuschauer allerdings gesperrten – Stadion in Pisa spielt. Nach sieben Runden belegt der Klub den fünften Platz. Man darf gespannt sein, ob er die Saison regulär beenden wird.