Sie waren jung und wollten nur spielen und Spaß haben. Zu verlieren hatten sie nichts – zu gewinnen jede Menge. Teamchef Dominik Thalhammer und seine Truppe haben 2017 nach außen hin klein geredet und intern groß geträumt. Das Ergebnis dieser Träumerei steht in den Annalen des ÖFB: Erstmals qualifizierte sich ein österreichisches Nationalteam für das Halbfinale einer EM-Endrunde. Mit Defensivkonzept und Pressing brachten die Österreicherinnen die Großen ins Wanken und zur Weißglut. Olivier Echouafni, damals Teamchef des klar favorisierten französischen Teams, mokierte sich nach dem 1:1 im zweiten Vorrundenspiel: „Österreich hat nicht wirklich Fußball gespielt, ist hinten drinnen gestanden und hat auf Fehler gewartet.“
Kater nach EM-Party
Fünf Jahre später ist nicht nur der französische Teamchef Geschichte. In Österreich folgte im Sommer 2020 Irene Fuhrmann auf den langjährigen Coach Thalhammer. Die Voraussetzungen vor der EM in England seien ganz andere als 2017 in den Niederlanden, sagt Fuhrmann, die vor fünf Jahren als Co-Trainerin dabei war. Zwar gehe Österreich wieder als klarer Außenseiter ins Rennen, „aber damals hat uns niemand auf der Rechnung gehabt“. Darauf könne man nicht noch einmal hoffen. „Wir haben uns den Respekt der Gegner erarbeitet. Sie werden uns genau analysieren.“
Die Vorrundengegner in England sind höher einzustufen als Frankeich, die Schweiz und Island vor fünf Jahren. England und Norwegen sind die Topkandidaten auf die beiden Viertelfinaltickets, nur gegen Nordirland ist Österreich Favorit. Erwartungsdruck und Medieninteresse sind jedoch deutlich größer als vor fünf Jahren. Das ist die Schattenseite des sogenannten Sommermärchens.
Die Zeit zwischen 2017 und 2022 war eine wechselhafte. Vier Monate nach dem EM-Viertelfinalerfolg gegen Spanien im Elfmeterschießen erlitten die Österreicherinnen in der WM-Qualifikation beim 0:4 in Spanien einen unerklärlichen Leistungsabfall. Spätestens da war der EM-Hype vorbei. Österreich verpasste die Weltmeisterschaft 2019 in Frankreich. Und es folgten weitere enttäuschende Spiele: Der 1:0-Sieg gegen Serbien im Dezember 2020 ermöglichte zwar die EM-Qualifikation – die Leistung in Altach fiel aber ebenso bescheiden aus wie bei der 1:6-Niederlage gegen Schweden im Rahmen des Trainingslagers auf Malta im Februar 2021.
Die ohnehin bereits niedrigen Zuschauerzahlen wurden noch niedriger und erholten sich auch nach der Aufhebung der coronabedingten Beschränkungen nicht. Die Heimspiele wurden in den vergangenen Jahren zumeist in Wiener Neustadt und Maria Enzersdorf ausgetragen. In Wien hat das Team seit 1996 nicht mehr gespielt. Zu den vier Partien zwischen Juni 2021 und April 2022 in Wiener Neustadt kamen im Schnitt gerade einmal 1.025 Zuschauer. Selbst das vorentscheidende WM-Qualifikationsspiel gegen Nordirland, das 3:1 endete, lockte nicht mehr als 1.200 Fans ins Stadion. Dabei waren die Österreicherinnen zu dieser Zeit spielerisch wieder deutlich besser. Eines der besten Matches der vergangenen Jahre lieferte das Team im Rahmen des Trainingslagers im Februar 2022 in Marbella ab: Gegen die höher eingestuften Schweizerinnen gelang ein 3:0-Sieg.
Jung und routiniert
Irene Fuhrmann musste in den vergangenen Monaten immer wieder auf routinierte Stammkräfte verzichten. Neben der dauerverletzten Kapitänin Viktoria Schnaderbeck fielen Virginia Kirchberger, Katharina Schiechtl, Verena Hanshaw und Laura Feiersinger kurz- und längerfristig aus. Fuhrmann machte aus der Not eine Tugend. Zahlreiche junge Spielerinnen kamen zum Einsatz. Einige von ihnen ergatterten einen Stammplatz oder spielen regelmäßig – darunter Barbara Dunst, Marie Höbinger, Maria Plattner und Laura Wienroither. „Die Jungen haben sich super präsentiert“, sagt Fuhrmann. Dennoch ist ein Gros des 2017er-Teams noch immer unentbehrlich: Torfrau Manuela Zinsberger, Innenverteidigerin Carina Wenninger, Mittelfeldspielerin Sarah Puntigam, Regisseurin Sarah Zadrazil und Stürmerin Nicole Billa sind nicht gleichwertig zu ersetzen.