Der Zufall wollte es, dass Uwe Seelers 85. Geburtstag am 5. November auf dasselbe Wochenende fiel wie die Rückkehr der Sendung „Wetten dass..?“. Beide Ereignisse umgab eine sentimentale Rückschau und eine Würdigung über lebensweltliche Abgründe hinweg: Auf Twitter wurde drei Stunden lang lineares Fernsehen kommentiert, und der FC Sankt Pauli gratulierte dem größten Spieler des Stadtrivalen HSV herzlichst. Seeler ist 45 Jahre älter als die Show, aber nur sechs Jahre älter als ihr Erfinder, und auch das mag eine Rolle spielen: Man möchte die Helden von gestern und vorgestern noch zu Lebzeiten feiern – und sich mit ihnen das eigene Leben und die Gesellschaft drumherum erklären.
Uwe Seeler wuchs im bürgerlichen Hamburger Stadtteil Eppendorf in bescheidenen Verhältnissen auf. Vater Erwin war Hafenarbeiter, dann einer der bekanntesten Fußballer der Zwischenkriegszeit und später Barkassenführer. 1932 wechselte er vom Arbeiterklub SC Lorbeer zum bürgerlichen SC Victoria. Der Fußball bot auch Uwe Seeler Aufstiegschancen, doch auf andere Art als beim neun Jahre jüngeren Franz Beckenbauer. Seeler begann als Amateur und blieb es im Geiste bis zu seinem Karriereende. „Es war nicht einfach, Beruf und Fußball zusammenzubringen“, sagt er in einer NDR-Doku zu seinem 85. Geburtstag. Mit dem Beruf meint er seine Tätigkeit als Sportartikelvertreter bei Adidas, die ihm Teamchef Sepp Herberger 1961 vermittelte. Seeler übte sie nicht nur symbolisch aus und fungierte bis 2011 als Repräsentant der Firma. Zudem betrieb das Ehepaar Seeler eine Tankstelle und ein Modegeschäft. Die Seelers leben seit Jahrzehnten in Norderstedt, im Speckgürtel nördlich von Hamburg. Die familiäre Fußballgeschichte schreibt Enkel Levin Öztunali weiter, der für Union Berlin spielt.
RESPEKT VOR DER KÖNIGIN
Seeler hat im deutschen Fußball alles und international nichts gewonnen. Er war nie Europa- oder Weltmeister und wurde doch 1972 nach Fritz Walter der zweite Ehrenspielführer der Nationalmannschaft. Diese Auszeichnung samt ihrem reaktionären Muff demonstriert die Bedeutung Seelers. Er gehört zur Generation zwischen den großen Titeln, zu jung für 1954 – sein Teamdebüt war wenige Wochen nach der WM – und zu alt für 1972 und 1974. Seeler nahm an vier Weltmeisterschaften teil, die wichtigste war 1966. Im September 1965 schoss er das entscheidende Tor zur Qualifikation, das 2:1 gegen Schweden. Dabei wäre seine Karriere nach einer Verletzung sieben Monate zuvor fast vorbei gewesen. Der Knall soll beim Spiel gegen Eintracht Frankfurt noch auf den Zuschauerrängen des Waldstadions zu hören gewesen sein. „Alle Spieler, denen damals die Achillessehne gerissen war, beendeten ihre Laufbahn“, sagte Seeler später. Er kämpfte sich zurück, auch dank eines besonderen Schuhs, den Adidas für ihn fertigte, und schoss das Team zur WM.
Wie andere Spieler der westdeutschen Mannschaft kann sich der damalige Kapitän Seeler auch heute noch über die Wertung des 3:2 von Geoffrey Hurst echauffieren. Am Platz war davon kaum etwas zu merken. „Die Königin war im Stadion, da wollte keiner meckern und groß Theater machen“, sagt er in der NDR-Doku. Gordon Banks, Bobby Charlton, Hurst und Bobby Moore kamen 1972 zu seinem Abschiedsspiel nach Hamburg. Die englischen Spieler schätzten Seeler. „Unglaublich, dass ein so kleiner Mann so hoch springen konnte“, sagte Jack Charlton in einer BBC-Sendung – und dachte dabei wohl auch an das berühmteste von vielen Kopfballtoren des 1,68 Meter großen Seeler. Im WM-Viertelfinale 1970 gegen England traf er mit dem Hinterkopf zum 2:2.
KERNIGER HAMBURGER
Der Mittelstürmer Seeler machte seine Tore aus vielen Körperhaltungen, aber er machte sie, bis auf ein kurzes Gastspiel bei Cork Celtic sechs Jahre nach Karriereende, alle für einen Verein. Er kam als Zehnjähriger zum HSV und blieb. In 476 Spielen traf er 404-mal. 1960 wurde Seeler Meister, in der ersten Bundesliga-Saison 1963/64 Torschützenkönig. Dasselbe erreichte er 1968 im Cup der Cupsieger, als der HSV das Finale gegen Milan 0:2 verlor. Seeler ermöglichte den Hamburgern die Dominanz in der Oberliga Nord ebenso wie die ersten Jahre in der Profiliga und Auftritte im Europacup. In Titeln gerechnet kam die erfolgreichste Zeit des Klubs nach seiner Karriere, doch einen wichtigeren Spieler als Seeler wird der HSV nicht mehr haben.
Zwei Ereignisse aus dem Jahr 1961 haben dafür eine besondere Bedeutung. Das eine ist das Rückspiel im Viertelfinale des Landesmeistercup gegen den Burnley FC. Das Hinspiel hatte der HSV 1:3 verloren, zum Rückspiel im Volkspark kamen 71.000 – und Millionen saßen vor dem Fernseher, denn das Spiel wurde live übertragen. Am Nachmittag, weil der HSV noch kein Flutlicht hatte. Die Hamburger gewannen 4:1, Seeler schoss zwei Tore und bereitete eines vor. „Uwe ist der Sohn des Landes! Er ist unser Uwe. Welch kerniges Mannsbild!“, soll der Journalist Richard Kirn kommentiert haben. Auf Plattdeutsch wurde daraus der bis heute gebräuchliche Spitzname „Uns Uwe“.
DER FALSCHE PRÄSIDENT
Der Besitzanspruch blieb auch im folgenden Sommer hamburgisch, als Helenio Herrera anreiste und Inter Seeler ein Millionenangebot unterbreitete. Nur eine Handvoll deutscher Fußballer war damals in Italien aktiv, Seeler wäre der erste Teamspieler gewesen. In der NDR-Doku erinnert sich das Ehepaar Seeler an die nicht einfache Entscheidung. Sie hätten schon organisiert, wer das Haus übernehmen und wie der Hund mit nach Mailand reisen könne, erzählt Ilka Seeler. Doch die Inter-Verantwortlichen hätten Verhandlungsfehler gemacht. „Sie haben keine Frauen einbezogen oder mal reingeguckt, wie wir wirklich leben“, sagt sie. „Wir wussten, es gibt mehr Kohle, aber mit mehr Kohle konnte man uns nicht locken.“
Locken konnte man Seeler allerdings mit dem Amt als HSV-Präsident, das er im Herbst 1995 übernahm. Doch geeignet war er dafür nicht. Der Fußball erschloss sich damals neue Geldquellen, von denen das Präsidium durch lukrative Geschäftsverbindungen profitieren wollte. Die Vorwürfe der Freunderlwirtschaft kommentierten die Sankt-Pauli-Fans mit dem Spruchband „Euch Uwe klaut“. Das stimmte zwar nicht, aber Seeler trat 1998 zurück und tat das wohl auch im Groll mit seinem Verein. Die Ehrenpräsidentschaft lehnte er 2013 ab. „Zwei große Fehler habe ich in meinem Leben gemacht: Mir ein Schwimmbad zu bauen und HSV-Präsident zu werden“, sagte er später.
Uwe Seeler ist kein glamouröser Star, er taugt nicht für intellektuelle und politische Fußballdebatten. Mit der Mischung aus Bescheidenheit und Ehrgeiz, die seine Karriere auszeichnete, passt er jedoch nach Hamburg. In der Stadt der Kaufleute hält man nichts von Kaisern und Königen. Wenn Hamburg jemanden auszeichnen will, wird er oder sie Ehrenbürger. 36 gibt es davon, darunter einen Sportler: Uwe Seeler.