Als das kanadische Nationalteam Ende September in Wien gastiert, ist der größte Teil der violetten Sessel auf den Rängen leer. Die Mannschaft von John Herdman bestreitet im Stadion der Wiener Austria ihr erstes von zwei Testspielen in Vorbereitung auf die WM in Katar. Eingeladen hat der Turniergastgeber und heutige Gegner Katar. Der kanadische Teamchef hofft, in diesem Duell weiter Selbstbewusstsein zu tanken, um zwei Monate später gegen Belgien erfolgreich in das erste Großturnier seit Langem zu starten. 1986 in Mexiko war ein Männerteam zuletzt bei einer Weltmeisterschaftsendrunde dabei. Dieses Turnier ist heute nur noch eine ferne Erinnerung. Die Mannschaft um Alphonso Davies vom FC Bayern schaut nicht in die Vergangenheit. Nach der Qualifikation als bestes CONCACAF-Team will Kanada auch in Katar für Furore sorgen.
Tempo, Pressing und Herdman
Knapp drei Minuten nach Anpfiff erzielt Cyle Larin in Wien den ersten Treffer der Kanadier per Kopf. Der 27-jährige Stürmer des FC Brügge ist mit seinen 24 Treffern erfolgreichster Torschütze des Teams. Mit nur drei Toren weniger ist ihm sein 22-jähriger Teamkollege Jonathan David vom OSC Lille allerdings dicht auf den Fersen. In der 13. Spielminute erhöht er auf 2:0. Gemeinsam mit Bayerns Flügelspieler Davies bilden die beiden das Offensivtrio des Teams. Der 2:0-Sieg gegen Katar stärkt den Optimismus der jungen Kanadier von Teamchef Herdman. Der 47-jährige Engländer gilt als Katalysator des Aufschwungs der letzten Jahre. 2017 stand das Team noch auf Platz 120 der FIFA-Weltrangliste, unter Herdman, der das Amt im Jänner 2018 übernahm, kletterte es auf Rang 41. Seit der letzten WM gelang unter den heurigen Turnierteilnehmern nur Katar, das 2019 Asienmeister wurde, ein ähnlich großer Sprung.
Herdman trainierte zuvor das Nationalteam der Frauen, das unter ihm 2012 und 2016 die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen gewann. Er genießt in seiner neuen Heimat großes Vertrauen und Ansehen. Das Team fügt sich nicht in die Rolle des defensiv ausgerichteten Underdogs. Anstatt den eigenen Strafraum mit aller Kraft abzusichern, setzt der Trainer auf hohes und aggressives Pressing. Das temporeiche und angriffsorientierte Spiel im 3-4-3 findet bei den Fans ebenso Anklang wie bei den Spielern. Auf die Frage nach dem Erfolgsrezept der Mannschaft sagte Tormann Milan Borjan: „Da genügen zwei Wörter: John Herdman.“
Beim letzten WM-Auftritt war ein Großteil des aktuellen Kaders noch nicht einmal geboren. Die Gruppenphase der WM 1986 beendete Kanada als Gruppenletzter punkte- und torlos hinter der Sowjetunion, Frankreich und Ungarn. Im Gespräch mit fifa.com berichtet Herdman, was er den Spielern bei Amtsantritt gesagt habe: „Ich bereite euch darauf vor, in vier Jahren die ersten Tore bei einer WM zu schießen, zu punkten und aufzusteigen.“
Vor Mexiko und den USA
In der ersten Runde der CONCACAF-Qualifikation blieb Kanada über vier Gruppenspiele ungeschlagen, erzielte 27 Tore und musste nur einen Gegentreffer in Kauf nehmen. In der zweiten Qualifikationsrunde konnte sich das Team 4:0 gegen Haiti durchsetzen. In der dritten Runde trafen die acht besten Teams aufeinander. Auch diese Phase beendete Kanada an der Tabellenspitze mit 28 Punkten und 23 Toren in 14 Spielen. Die Favoriten aus Mexiko und den USA landeten auf Platz zwei und drei.
Herdman verfügt über eine Vielzahl an Talenten. Der 22-jährige Jonathan David traf in der Qualifikation neunmal, der ein Jahr ältere Tajon Buchanan wurde 2021 zum besten Jungtalent des CONCACAF-Gold-Cup gekürt. Als großes Fragezeichen gilt Ismaël Kone. Der 20-Jährige gab sein Profidebüt beim CF Montreal erst im Februar, wurde rasch Stammspieler und spielte im März erstmals im Nationalteam. Seine WM-Nominierung ist nicht fix, doch als Joker könnte er wichtige Impulse setzen. Inmitten dieser Talente ist Rekordspieler Atiba Hutchinson eine Kontrastfigur. Sein Einsatz in Katar ist aufgrund einer Verletzung ebenfalls fraglich, aber sollte er sein Team begleiten, wäre der 39-Jährige möglicherweise der älteste Spieler des Turniers. „Wenn es einen Spieler gibt, den du bei einer Weltmeisterschaft sehen willst, ist es Atiba Hutchinson“, sagte Herdman.
Diverser Sport
Neben Stephen Eustaquio vom FC Porto gilt Bayerns Davies als bester Spieler und Gesicht des Teams. 2020 gewann er mit dem Klub das Triple und wurde in Kanada zum Sportler des Jahres gewählt. Für die Nationalmannschaft lief er erstmals im Juni 2017 auf, was ihn zum jüngsten Teamspieler der Geschichte machte. Während Davies in der deutschen Bundesliga zumeist als linker Außenverteidiger startet, setzt Herdman ihn eher am Flügel ein. Seine Leistung in Katar wird über den Erfolg der Kanadier entscheiden, sie könnte seine Rolle als Star der Mannschaft endgültig bestätigen, erst recht wenn Kanada in der Gruppe mit Belgien, Kroatien und Marokko weiterkommt. Die WM-Qualifikation überraschte zumindest den Ausrüster der Kanadier.
Im Gegensatz zu den übrigen 31 WM-Teilnehmern werden die „Reds“ nicht in eigens für das Turnier entworfenen Dressen auflaufen, sondern die bisherigen Trikots tragen. Design und Produktion gingen sich für Nike nicht aus. In Kanada ist die Identifikation mit der Mannschaft dennoch hoch. Im Interview mit der New York Times sagte der ehemalige Teamspieler Dwayne De Rosario: „Wenn man sich die aktuelle demografische Landschaft im kanadischen Fußball vor Augen führt, ist sie sehr divers und multikulturell. Das ist wunderbar, denn es spricht für den Zustand unseres Landes.“ Die Qualifikation für die WM sollte zum Standard werden, hofft De Rosario.
Bestärkt durch die Erfolge der Frauen, die 2020 Olympiasiegerinnen wurden, könnten Herdman und seine Mannschaft durch einen erfolgreichen WM-Auftritt einen Fußballboom auslösen. Rechtzeitig für die WM 2026 im eigenen Land. „Als ich angefangen habe, haben die Spieler sich noch gefragt ‚Was will der Typ?‘“, sagte Herdman. „Aber jetzt glauben sie auch daran.“