„Wenn sie ihn holen, suche ich mir einen anderen Job.“ Der ehemalige Mittelfeldspieler Salvatore Bagni arbeitet als Scout, zusätzlich verkündet er seine Meinung häufig in Fernsehen, Radio und Zeitungen. Als im Juni Gerüchte über das Interesse von Napoli an der Verpflichtung des 25-jährigen Fenerbahce-Innenverteidigers Kim Min-jae auftauchten, hatte er keine Zweifel: „Er ist körperlich stark, gut im Eins-gegen-eins, aber technisch schwach.“ Doch der Klub hörte nicht auf seinen ehemaligen Spieler, sondern auf die eigenen Scouts. Als Napoli Kim Ende Juli präsentierte, legte Bagni nach: „Wer hat sich denn sonst um ihn bemüht? Manchester City, Arsenal, Real Madrid? Nein, Rennes.“
Die Skepsis von Bagni passt zum italienischen Selbstverständnis: In keiner anderen Topliga wird derart viel Wert auf die Defensive gelegt, nirgends ein derart hoher Anspruch an die taktische Schulung gestellt, nirgends ein derartiger Kult um das Verschieben betrieben. Wer als Verteidiger in die Serie A kommt, hat üblicherweise Anpassungsschwierigkeiten, egal ob er Mert Müldür oder Matthijs de Ligt heißt. Nicht jedoch Kim Min-jae. Er ist seit Saisonbeginn nicht nur gesetzt, im September wurde er von der Liga zum Spieler des Monats gewählt. Die 2019 eingeführte Auszeichnung wurde zum 28. Mal vergeben, Kim ist erst der zweite Verteidiger, der sie erhält. Das gelang bisher nur dem Mann, den er bei Napoli ersetzt: Kalidou Koulibaly.
Klären wie auf dem Wandbild
Der 1,90 Meter große Verteidiger führt zu Redaktionsschluss nicht nur die Rangliste der erfolgreichen Kopfballduelle an, sondern verfügt auch über Tempo, eine gute Zweikampfquote und eine zentrale Rolle im Spielaufbau. Er ist der Napoli-Spieler mit den meisten gespielten Pässen, von denen 87,8 Prozent ankommen. Bei Standardsituationen ist er torgefährlich, in den ersten zehn Runden traf er zweimal per Kopf. Es sind aber nicht nur diese Zahlen, die ihn unter den Fans schnell beliebt machten, sondern Szenen, die eine Mischung aus Ehrgeiz, Konzentration und Leichtigkeit vermitteln. So machte in den Social-Media-Kanälen ein Video die Runde, das ihn schreiend und mit geballter Faust zeigt, als er beim 2:1-Sieg seiner Mannschaft bei Milan einen der letzten Angriffe des Meisters entschärft. Wenig später tauchte die Szene als Wandgemälde in Neapels Altstadt auf. Am darauffolgenden Spieltag sorgte beim 3:1-Sieg gegen Torino eine Situation für lauten Applaus im Stadion, als Kim unter Bedrängnis einen klärenden Pass anbrachte – per Ferserl.
Auch sein Trainer Luciano Spalletti ist voll des Lobes: „Schon bei seiner Vorstellung vor versammelter Mannschaft hat er gezeigt, was er alles mitbringt“, sagte er. „Persönlichkeit, Ruhe, Führungsstärke.“ War sein Transfer im Sommer noch umstritten, ist es nun die Klausel, die ihm im Sommer 2023 einen Auslandswechsel um 50 Millionen Euro erlauben würde. Manchester United soll schon vorsichtiges Interesse bekundet haben.
Bei der WM könnte Kim seinen Marktwert im Trikot der Republik Korea weiter erhöhen. Das Team zählt in Gruppe H mit Ghana, Portugal und Uruguay zu den Außenseitern, verfügt aber mit Hwang Hee-chan von den Wolverhampton Wanderers und Kapitän Son Heung-min von Tottenham Hotspur über einen in der Premier League erprobten Sturm. Hinten soll es Kim gemeinsam mit Kim Young-gwon von Ulsan Hyundai regeln. Die Defensive war es auch, die Korea die souveräne WM-Qualifikation ermöglichte. Mit nur einem Gegentor in den sechs Spielen der ersten Gruppenphase und drei in den zehn Spielen der zweiten verfügten die Koreaner über die stärkste Verteidigung des Kontinents. Kim war in der Innenverteidigung gesetzt, versäumte jedoch ein Spiel wegen einer untypischen Gelbsperre. Denn auch seine Disziplin zeichnet Kim aus, in mehr als 200 Pflichtspielen sah er trotz seiner Position noch nie direkt Rot, lediglich zweimal musste er mit Gelb-Rot vom Platz. „Er ist ein fantastischer Spieler“, sagte Teamchef Paulo Bento im September. „Mit seinem Wechsel zu Napoli hat er noch einen Schritt nach vorne gemacht.“
Landesverteidigung statt Präsenzdienst
Sollte keine Verletzung dazwischenkommen, wird Kim also am 24. November beim Spiel gegen Uruguay sein WM-Debüt feiern. „Alle träumen davon, einmal bei einer WM zu spielen“, sagte er. „Ich bin ein bisschen aufgeregt und nervös.“ Das Turnier 2018 versäumte er nach einem Ermüdungsbruch am Schienbein, koreanische Sportgeschichte hat Kim dennoch schon geschrieben. 2018 gewann er mit seiner Mannschaft bei den Asienspielen in Indonesien die Goldmedaille, neben dem Ruhm hatte das ganz praktische Vorteile: Er und seine Mannschaftskollegen wurden von dem üblicherweise rund zweijährigen Militärdienst weitgehend befreit. 2017 und 2018 gewann er mit Jeonbuk Hyundai Motors den koreanischen Meistertitel und wurde jeweils ins Team der Saison gewählt, ehe er 2019 als 22-Jähriger mit dem Engagement bei Beijing Guoan in der Chinese Super League seine Karriere im Ausland startete. Seinem Spitznamen „Monster“ wurde er im Dezember 2019 gerecht, als er mit dem Nationalteam die Ostasienmeisterschaft holte und zum Verteidiger des Turniers gewählt wurde.
Von einer Qualifikation für die K.-o.-Runde bei der WM will in Korea hingegen noch niemand träumen. „Uruguay und Portugal sind die Favoriten“, sagte Teamchef Bento. „Es gibt bei einer WM keine einfachen Spiele. Und das sage ich nicht aus Höflichkeit: Man sollte nicht an Wunder glauben, die es nicht gibt.“ Eine stabile Verteidigung und die richtige Motivation können dennoch nicht schaden. Zu Redaktionsschluss ist Kim mit Napoli seit Saisonstart ungeschlagen, seine Mannschaft führt die Tabelle in der Serie A und der Gruppe A der Champions League an. Salvatore Bagni hat sich übrigens keinen neuen Job gesucht. Er arbeitet immer noch als Scout und kommentiert das sportliche Geschehen. Im September sagte er: „Kim hat mich überrascht.“