Mit rund einer Million Einwohnern ist Rosario die drittgrößte Stadt Argentiniens, viele Touristen lockt sie jedoch nicht an. Einzige nennenswerte Sehenswürdigkeit ist das Monumento Nacional a la Bandera zu Ehren der argentinischen Flagge, die 1812 unweit der Stadt erstmals gehisst wurde. Rosario ist geprägt von Industrie und immer gleichen Straßen im Schachbrettmuster. Rundherum die endlosen Weiten der Pampa, im Osten der Fluss Parana, drei Autostunden im Südosten die Hauptstadt Buenos Aires. Hier wurde Lionel Messi 1987 geboren, hier lernte er bis zu seinem Umzug nach Barcelona im Alter von 13 Jahren das Fußballspielen – und hier zeigt sich das ambivalente Verhältnis zwischen dem Fußballer und seinem Heimatland am offensichtlichsten. In seinem Viertel La Bajada erinnern zwar einige Wandgemälde an Messi, doch nach großen Huldigungen sucht man vergeblich. Bis heute gibt es kein Messi-Museum, keine Messi-Statue. Es ist ein Kontrastprogramm zum Cristiano-Ronaldo-Kult auf dessen Heimatinsel Madeira, die er einst im Alter von zwölf Jahren verlassen hat. Deutlich präsenter in Rosarios Stadtbild ist der zweite berühmte Sohn der Stadt: der kommunistische Revolutionär Ernesto „Che“ Guevara.
Endlich an der Wand
Sogar am Stadion seines Heimatklubs Newell’s Old Boys erinnert nichts an Messi. Benannt ist der Bau nach Marcelo Bielsa, die Fankurve nach Diego Armando Maradona. Dessen Beitrag zur Geschichte des Klubs: Bereits von übermäßigem Kokainkonsum gezeichnet, absolvierte er 1993 fünf torlose Pflichtspiele. Maradona wird überall in Argentinien stärker verehrt als Messi, sogar in dessen Heimatstadt. Sein großes Talent gepaart mit einem so fehlbaren Charakter übt eine magische Anziehungskraft aus. Der Mensch hinter dem Fußballer Messi gibt unterdessen kaum etwas preis. Darüber hinaus spielte Messi als Profi nie in Argentinien und am wichtigsten: Maradona schenkte seinem Land 1986 einen WM-Titel, Messi bisher nicht. Das anstehende Turnier in Katar ist wohl die letzte Chance.
Seit einem Jahr ist immerhin klar, dass der nun 35-jährige Messi seine Teamkarriere nicht ohne großen Titel beenden wird. Nach fünf Teilnahmen und drei Finalniederlagen gewann er mit Argentinien 2021 die Copa America. Und siehe da: Wenige Monate später wurde unweit des Fahnendenkmals im Zentrum von Rosario immerhin ein riesiges Wandgemälde zu Ehren Messis enthüllt. Vier Champions-League-Siege mit Barcelona, etliche andere Trophäen und Rekorde für die Ewigkeit haben dafür nicht gereicht. „Ich habe mit dem Gewinn dieses Titels endlich meinen inneren Frieden gefunden, nachdem er mir so lange verwehrt worden war“, sagte Messi einige Wochen nach dem Finalsieg gegen Brasilien. „Meine Kinder singen bis heute dauernd Argentinien-Lieder und sagen: ‚Papa, du bist jetzt ein Champion.‘“ Gleichzeitig beklagte Messi, dass die lange titellosen Teamspieler in der Öffentlichkeit zuvor bisweilen wie Versager behandelt worden seien. Messis Zeit in der Nationalmannschaft ist ein emotionales Auf und Ab, das seinesgleichen sucht.
Aufpassen auf Messi
Nachdem Messi das U20-Team im Sommer 2005 zum WM-Titel geführt hatte, debütierte er im Alter von 18 Jahren für die A-Nationalmannschaft. Bei einem Freundschaftsspiel gegen Ungarn wurde er eingewechselt und sah nach wenigen Sekunden und einer Tätlichkeit die Rote Karte. Bei der WM 2006 in Deutschland stand er im Kader, zählte aber nicht zur Stammelf. Dass Messi beim Viertelfinale gegen Deutschland nicht einmal eingewechselt wurde, sorgte in der Heimat für Unverständnis. 2008 führte Messi Argentinien zum Olympiasieg, 2010 sollte in Südafrika der WM-Titel her. Messi hatte gerade die erste von mittlerweile sieben Ballon-d’Or-Auszeichnungen gewonnen und von Teamchef Maradona dessen Rückennummer 10 verliehen bekommen. Argentinien scheiterte erneut im Viertelfinale an Deutschland, anschließend wurde Messi in seiner Heimat erstmals hart kritisiert: Er würde sich beim FC Barcelona mehr anstrengen als in der Nationalmannschaft und seiner Führungsrolle nicht gerecht werden. Als Argentinien bei der Heim-Copa im Jahr darauf frühzeitig scheiterte, buhten ihn die Fans aus.
Trotzdem machte der neue Teamchef Alejandro Sabella Messi zum Kapitän. Dieser dankte es mit reihenweise starken Leistungen, die 2014 beinahe in die Krönung seiner Karriere gemündet hätten. Bei der WM in Brasilien scheiterte Argentinien erst in der Verlängerung des Endspiels an Deutschland. Anschließend verlor Argentinien in zwei aufeinanderfolgenden Jahren Copa-Finale gegen Chile. Beim zweiten vergab Messi im Elfmeterschießen und erklärte daraufhin seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Es folgte eine bemerkenswerte Kampagne. Rund 50.000 Fans gingen in Buenos Aires auf die Straßen, um ihn dazu zu bringen, seine Entscheidung zu überdenken. Staatspräsident Mauricio Macri sagte: „Messi ist das Großartigste, was Argentinien zu bieten hat. Wir müssen auf ihn aufpassen.“
Messi erklärte den Rücktritt vom Rücktritt. Bei der WM 2018 in Russland folgte jedoch der nächste Tiefschlag: Im Laufe des Turniers eskalierte ein Streit zwischen der Mannschaft und Teamchef Jorge Sampaoli. Viel zu abhängig von Messi scheiterte das Team schon im Achtelfinale an Frankreich. „Messi ist ein unglaublicher Spieler, aber er kann nicht alles alleine regeln“, sagte Luka Modric vom Vorrundengegner Kroatien.
Einer von ihnen
Nach dem Turnier übernahm der bisherige Co-Trainer Lionel Scaloni den Teamchefposten. Er trägt Messis Vornamen, er kommt ebenfalls aus Rosario, er ist ein Glücksfall für Star und Mannschaft. 2021 führte er Argentinien zum lange ersehnten Copa-Triumph. „Scaloni ist einer von uns. Er hat einen großen Anteil am Titel“, sagte Messi. „Er hat diese Mannschaft zusammengestellt, er hat an uns geglaubt, er hat Verantwortung zu einem schwierigen Zeitpunkt übernommen.“
In Scalonis 4-4-2 kommt Messi, der mittlerweile bei Paris Saint-Germain spielt, meist als hängende Spitze neben wechselnden Sturmpartnern zum Einsatz. Auch wenn er immer noch eine zentrale Rolle einnimmt, ist die Mannschaft nicht mehr von Messi abhängig. Im Sommer gewann sie den Kontinentalvergleich mit Europameister Italien, Argentinien ist seit über drei Jahren ungeschlagen.