„Auch wenn wir uns vor Spielen in Hotels treffen und den gleichen Trainingsanzug tragen, wir sind keine Profis“, sagt Klaus Augenthaler. Seit dieser Saison betreut der langjährige deutsche Nationalteamspieler und Bayern-Profi den SV Donaustauf. In der sechstklassigen Landesliga Mitte trifft sein neues Team auch auf Mannschaften aus Augenthalers niederbayerischer Heimat. Der Saisonauftakt findet in Waldkirchen unweit der österreichischen Grenze statt. Drei Stunden vor Anpfiff wirkt Klaus Augenthaler beim Interviewtermin noch sehr entspannt und kommt ins Plaudern.
ballesterer: Das Interesse beim heutigen Spiel gilt vor allem Ihnen, Sie sind der erfolgreichste Fußballer aus der Region Niederbayern. Erfüllt Sie das mit Stolz
Klaus Augenthaler: Ich mache mir da keine Gedanken. Aber ich merke es immer, wenn ich in der Region bin und mich die Menschen nach Autogrammen fragen, egal ob an der Tankstelle oder bei einer Veranstaltung. Ich habe den Hype um mich nie verstanden, weil ich immer eher ruhig gewesen bin. Trotzdem ist es schön und zeugt davon, dass man meine Leistungen für den FC Bayern würdigt.
Liegt das an Ihren Leistungen für den FC Bayern oder an Ihrem Weltmeistertitel 1990?
Es kommt schon vor, dass ein Vater seinem kleinen Jungen sagt: „Schau, das ist der Augenthaler, der Weltmeister von 1990.“ Aber ich glaube, hier in der Region werden die Leistungen für Bayern München höher eingeschätzt.
Rudi Völler hat einmal gesagt, deutsche Meisterschaften würden irgendwann aus den Köpfen der Menschen verschwinden, Weltmeister würde man aber für immer bleiben.
Na ja, vielleicht hat er das gesagt, weil er nicht so oft Meister geworden ist.
Wie ist der Kontakt zwischen Ihnen und dem FC Bayern damals zustande gekommen?
Das ist eine ganz einfache Geschichte: Ich bin mit 17 Jahren in der Junioren-Bayernliga Süd, der höchsten Spielklasse, mit dem FC Vilshofen Meister geworden. Da haben wir auch gegen den FC Bayern gespielt und gewonnen – in Vilshofen vor 5.000 Zuschauern, in München auf dem Nebenplatz des Olympiastadions. Ob es damals schon ein Scouting gegeben hat, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass der damalige Co-Trainer und langjährige Kapitän des FC Bayern, Werner Olk, mich empfohlen hat. Dann sind wir zu viert zum Probetraining eingeladen worden, anschließend sind der Alfred Arbinger und ich verpflichtet worden.
Sie hatten die erfolgreichere Karriere. Lag das an der Position, die Sie gespielt haben?
Ich wurde ja nicht als Libero geholt. In Vilshofen habe ich Mittelstürmer gespielt und auch immer die meisten Tore geschossen. Arbinger war Außenstürmer. Es hat damals bei Bayern einige junge Spieler gegeben, die mehr Talent hatten und bessere Fußballer waren als ich. Aber ich habe halt den größeren Willen gehabt. Ich habe mir immer das Ziel gesetzt, Profi zu werden. Etwas anderes wollte ich nie.
Wie schwierig war es, sich an die neue Position als Libero zu gewöhnen?
Es gibt viele Spieler, die während der Karriere umgeschult werden. Auch heute immer wieder. Ich bin als Mittelstürmer geholt worden, in den Jugendmannschaften des DFB habe ich aber immer im Mittelfeld gespielt.
Damals hat es noch keine Akademien gegeben. Ist die Belastung für Jungprofis höher gewesen?
Bei der Leistungsdiagnostik waren wir damals natürlich noch nicht so weit. Ich kann mich noch sehr gut ans Trainingslager in Herzogenaurach vor dem ersten Profijahr erinnern. Da hatten wir jungen Spieler das gleiche Programm wie die Etablierten, nur, dass wir vorneweg laufen mussten. Nach drei Tagen hast du einen Muskelkater ohne Ende gehabt.
Haben Sie aufgrund Ihrer bayerischen Herkunft ein besonderes Standing bei den Fans gehabt?
Nein, ich glaube, das liegt eher daran, dass ich nur einen Verein gehabt habe. Ich war 15 Jahre lang Spieler bei Bayern, sieben davon Kapitän. Das haben die Fans gewürdigt.
Und wie sah es teamintern aus?
Da bin ich anfangs schon gehänselt worden.
Wegen des Dialekts?
Ja, durchaus. Damals habe ich im niederbayerischen Dialekt gesprochen, der ist ja ganz anders als der oberbayerische. Da habe ich dann zu hören bekommen, dass ich erst einmal lernen soll, mit Messer und Gabel zu essen und ordentlich Deutsch zu sprechen. Werner Olk hat mich dann zur Seite genommen und gemeint, wenn ich mir kein anderes Auftreten zulege und die Ellenbogen ausfahre, könne ich wieder nach Hause fahren. Daran habe ich mich gehalten.
Während Ihrer aktiven Zeit war der FC Bayern in Deutschland ähnlich dominant wie heute. Dennoch scheint die Mannschaft der 1980er Jahre immer ein wenig im Schatten der Vorgänger in den 1970er Jahren zu stehen. Ärgert Sie das?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben in meiner Anfangszeit vor nur 15.000 Zuschauern im Olympiastadion gespielt. Der FC Bayern war damals finanziell auch nicht so gut aufgestellt. Erst als durch Uli Hoeneß als Manager das Motto „Wir können nicht mehr ausgeben, als wir eingenommen haben“ Einzug gehalten hat, ist es wieder aufwärts gegangen. Alles, was der FC Bayern heute darstellt, hat er sich selbst erarbeitet.
Ist das vielleicht auch der Ursprung der Arroganz, die dem FC Bayern oft vorgeworfen wird?
Gut möglich. Als ich nach München gekommen bin, ist bald der große Umbruch angestanden. Ohne Spieler wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier ist die Mannschaft auseinandergefallen und musste neu aufgebaut werden. Heute hat der FC Bayern einen Kader von 24 Spielern, die alle in etwa das gleiche Niveau haben. Zu meiner Zeit hat man zwölf, 13 gleichwertige Spieler gehabt. Wenn dann zwei, drei verletzt waren, war das ein Problem.
Ihre erste Cheftrainerstelle hat Sie 1997 zum GAK nach Graz geführt. Welche Erinnerungen haben Sie an die österreichische Liga?
Ich habe nur positive Erinnerungen. Es war eine gute Zeit, auch weil wir erfolgreich waren. Außerdem hat man mir die Möglichkeit gegeben, mich zu verwirklichen. Ich hatte damals gerade meinen Trainerschein gemacht und auch verschiedene Angebote aus der deutschen Bundesliga. Dafür habe ich mich aber noch nicht reif gefühlt, obwohl ich als Co-Trainer bei Bayern tolle Lehrmeister gehabt habe.
Viele Ihrer ehemaligen Mitspieler sind dem FC Bayern in verschiedenen Funktionen erhalten geblieben. Hat es für Sie diese Option gegeben?
Ich hätte beim FC Bayern bleiben und Jugendtrainer werden können. Dafür habe ich den Trainerschein aber nicht gemacht, ich wollte schon Verantwortung übernehmen.
Es ist also nicht geplant gewesen, dass Sie Cheftrainer werden?
Das war schon einmal im Gespräch. Ich sollte ausgebildet und aufgebaut werden, um irgendwann einmal Cheftrainer zu werden. Aber da musst du abwägen: Jetzt wird dir etwas versprochen, aber niemand kann dir eine Garantie dafür geben, was in drei Jahren sein wird. Diesem Risiko wollte ich mich nicht aussetzen, deshalb der Schritt nach Graz.
Sie haben erst zu dieser Saison den SV Donaustauf übernommen, wollen Sie noch einmal in den Profifußball zurückkehren?
Eigentlich hatte ich das Trainergeschäft abgeschlossen. Aber wenn man einmal in dieser Mühle des Trainerberufs war, kommt man davon nie ganz los. Nun ist dieses Engagement zustande gekommen, und ich merke, dass es mir unwahrscheinlich viel Spaß macht. Wenn jetzt etwas kommen sollte, was mich interessiert, würde ich sicher überlegen.
Woran könnte es scheitern?
Als ich Leverkusen und Wolfsburg trainiert habe, war ich dort alleine, also ohne Familie. Das ist schon hart. Aber ich brauche den grünen Rasen, und genau das merke ich jetzt wieder – mit fast 60 Jahren.
Zuletzt waren Sie bei der Meisterfeier des FC Bayern eingeladen. Sind Sie mit ehemaligen Kollegen noch in Kontakt?
Ich komme noch manchmal an die Säbener Straße und schaue mir ein Training an. Dann begrüßt mich Philipp Lahm immer mit „Hallo, Chef“, obwohl ich nie mit ihm zusammengearbeitet habe. Aber ich selbst würde mich nie hinstellen und sagen, ich bin eine Legende.
Beneiden Sie ehemalige Mitspieler wie Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge um ihre Bayern-Jobs?
Überhaupt nicht, das entspricht nicht meiner Natur. Neidisch bin ich nur, wenn ich die Trainingsplätze der Bayern sehe.
Klaus Augenthaler (58) verbrachte seine gesamte Profikarriere beim FC Bayern. Er gewann sieben Meistertitel und 1990 die WM mit dem Nationalteam. Als Trainer betreute er unter anderem den GAK, den 1. FC N.rnberg, Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg. Seit diesem Sommer trainiert er den sechstklassigen SV Donaustauf.