Der Bagger rollt – jetzt geht’s los“, steht auf der Einladung des Wiener Sport-Club zum Spatenstich am 23. Juni 2020. Es sollte der Beginn der Umbauarbeiten am Sport-Club-Platz sein. Im Juni 2017 hatte die Stadt Wien das Subventionsansuchen des WSC bewilligt und 6,25 Millionen Euro für einen Umbau zur Verfügung gestellt. Die Träume der Fans von einem neuen Stadion in Dornbach sind älter. „Wir haben schon 2009 darauf gepocht, dass der Sport-Club-Platz zumindest saniert wird“, sagt Patrick H. von den „Freund*innen der Friedhofstribüne“, der seinen vollen Namen nicht gedruckt sehen möchte. „Es hat diverse Transparente gegeben wie ‚Man bringe den Spritzbeton‘.“ Bei einer Auswärtsfahrt 2012 trugen die WSC-Fans das Transparent „Rettet den Sport-Club-Platz“ durch Oberwart. Elf Jahre später ist das Projekt noch nicht beendet.
Einsturzgefahr
Dabei hatte Mitte 2020 die erste Bauphase schon begonnen: Die Tribüne in der Kainzgasse wurde abgerissen, um das Spielfeld zu erweitern, und eine Teilsanierung der Hintertortribünen vorgenommen. Doch der Umbau kam nach wenigen Wochen ins Stocken, noch bevor die zweite Phase beginnen konnte. Für den Abbruch der Haupttribüne und die Errichtung einer neuen mit Bundesliga- und UEFA-konformen Funktionsräumen und Medieneinrichtungen, Veranstaltungsraum, Publikumsgastronomie und Flutlichtanlage mit LED-Beleuchtung suchten der WSC und die für den Sport zuständige Magistratsabteilung 51 der Stadt Wien vergeblich ein Bauunternehmen. „Es hat bereits eine Ausschreibung zum Neubau der Haupttribüne gegeben, bei der leider nur ein Angebot abgegeben worden ist, das sehr weit über den veranschlagten Kosten gelegen ist“, sagt Michael Janata von der MA 51. Präziser: Das Angebot lag bei rund neun Millionen Euro. Von den verfügbaren 6,25 Millionen war zu diesem Zeitpunkt laut dem Präsidenten des Wiener Sport-Club, Wolfgang Raml, schon knapp eine Million eingesetzt worden – für Planung, die Teilsanierungen der Blauen Tribüne und der Friedhofstribüne und den Abriss der Tribüne in der Kainzgasse.
Entscheidend für die Fortsetzung des Stadionumbaus ist die Höhe des Beitrags des Vereins. Im Gespräch mit dem ballesterer gibt die MA 51 zu verstehen, dass dieser derzeit noch in Diskussion sei. „Umso höher der Beitrag seitens des Sport-Club, umso einfacher wäre es, das Ziel zu erreichen“, sagt Janata. Ein großer Anteil ist vom WSC aber wohl nicht zu erwarten. In den letzten Jahren ging es dem Verein darum, den Fußballbetrieb kostendeckend sicherzustellen. Die Eigenleistung des Vereins könne in einem Bereich von 100.000 bis maximal 150.000 Euro liegen, sagt Raml.
Im November 2022 schienen die Arbeiter wieder voranzukommen. Bei den beiden letzten Heimspielen der Hinrunde der Regionalliga Ost stützten mehrere Träger das Dach der Haupttribüne. Zum Beginn der Winterpause wurde es komplett abgerissen. Bei den Fans keimte Hoffnung auf. Doch die Abtragung des Dachs war nicht der Beginn der zweiten Bauphase, sondern ein Notfalleinsatz. „Als Verpächter und Grundstückseigentümer müssen wir regelmäßig Überprüfungen durchführen, auch mit dem Sport-Club. Im Zuge einer solchen Überprüfung sind Mängel an der Statik des Dachs aufgefallen, und hier war schnelles Eingreifen erforderlich“, sagt Janata.
Abwurfbereit
Dennoch könnte nun neuer Schwung in das Thema kommen, dank eines Personalwechsels bei der vom WSC eingerichteten Stadionerrichtungs- und Betriebs GmbH. Die bisherigen Geschäftsführer Bernhard Eger und Heinz Palme wurden im Dezember 2022 auf eigenen Wunsch abberufen. Präsident Raml, Vizepräsident David Krapf-Günther und der Schriftführer der Fußballsektion, Thomas Girstmair, sind ihre Nachfolger und neben ihren bisherigen Aufgaben im Verein nun für den Stadionumbau verantwortlich. „Es ist das wichtigste Projekt, es wird an anderen Ecken die Zeit mangeln, aber sicher nicht dort“, sagt Raml. Die Fans stehen dieser Änderung positiv gegenüber. „Die neuen Geschäftsführer sind langjährig im Verein verankert, das war bei der vorigen Geschäftsführung nicht so der Fall“, sagt Fan Patrick H. Weder die Stadt Wien noch der Wiener Sport-Club konnten dem ballesterer Gründe für die Rücktritte nennen.
Zuletzt hat die Stadt Wien eine ihrer Tochterfirmen mit der Prüfung der aktuellen Pläne des WSC beauftragt. Geprüft werden die Faktoren Kostenrahmen, bauliche Umsetzung, Optimierungspotenzial zur Kostensenkung und Bauzeit. Ende Jänner 2023 wurde diese Prüfung abgeschlossen, ein Termin im Februar für neue Gespräche zwischen MA 51 und WSC wird nun festgelegt. Zu Redaktionsschluss ist noch nicht klar, ob der Platz während eines Umbaus weiterbespielt werden kann oder ein Ausweichquartier benötigt wird. Für Präsident Raml ist klar, dass der ursprüngliche Plan nicht mehr umsetzbar ist. „In der Zwischenzeit sind die Preise durch diverse Krisen gestiegen, sodass jetzt sogar eine reduzierte Variante hart an der Kalkulation zur Umsetzung ist“, sagt er. Derzeit definiert der Verein Abwurfmodule, also Elemente, die nicht unbedingt sofort umgesetzt werden müssten. Beispiele sind hier die Rasenheizung und die Flutlichtanlage.
Die Stadt Wien möchte sich derzeit noch nicht auf solche Abwurfmodule einigen, die MA 51 pocht weiterhin auf eine Umsetzung des ursprünglichen Plans. Für die Stadt steht das große Ganze im Vordergrund. Derzeit gibt es in Wien drei bundesligataugliche Stadien sowie zwei Zweitligisten mit Aufstiegsambitionen. Es gehe darum, wie die zukünftige Sportinfrastruktur in Wien aufgestellt sei, sagt Janata. Gern sähe die Stadt eine künftige Mehrfachnutzung des Sport-Club-Platzes. „Prinzipiell ist für uns eine Mehrfachnutzung wünschenswert“, sagt Raml und denkt gleich größer. „Unser Stadion könnte eine Heimat des österreichischen Frauenfußballs werden. Das ist eine schöne Aussicht.“ Die näheren Ziele sind jedoch andere: eine erneute Ausschreibung für die zweite Bauphase und im Optimalfall ein Start der Bauarbeiten im Sommer 2023.