Er begann seine berühmteste Rede mit der Fußballmetapher „Ich betrete das Feld“, er wählte den Schlachtruf „Forza Italia“ als Parteinamen und erlangte aufgrund der Titel des AC Milan breitenwirksam das Image eines Machers. Silvio Berlusconi verknüpfte seine politische Karriere ab seinem Einstieg mit dem Fußball, er beendete sie als längstdienender Ministerpräsident in der republikanischen Geschichte Italiens und als Präsident der AC Monza, die er erstmals in die Serie A geführt hat. Am 12. Juni 2023 starb Berlusconi im 87. Lebensjahr.
Die Kondolenzbekundungen kamen aus der ganzen Welt – und aus dem Fußball. Ob von ehemaligen Milan-Spielern wie Andrea Pirlo und -Trainern wie Carlo Ancelotti oder von konkurrierenden Präsidenten wie Aurelio De Laurentiis. Der Gemeinderat von Monza formulierte in einer Sitzung sogar den Wunsch, das lokale Stadion nach dem ehemaligen Präsidenten zu benennen. Auch die Kurven zeigten sich betroffen und schrieben Banner im Gedenken, die Curva Sud von Milan mobilisierte tausende Fans zum Begräbnis.
Die einen – so wie die Lazio-Ultras – mögen durch den Tod Berlusconis einen Mitstreiter im Kampf gegen Linke verloren haben, die anderen – so wie die Fans von Milan und Monza – den erfolgreichsten Klubpräsidenten ihrer Vereinsgeschichte. So unterschiedlich die Motive auch sein mögen, so widersprüchlich bleibt die Anteilnahme der Fans, schließlich gehört der Kampf gegen den modernen Fußball zum Gründungsmythos der Ultras. Und wollte man dem modernen Fußball ein Gesicht geben, wäre es jenes Silvio Berlusconis.
Berlusconi war Ende der 1980er Jahre einer der Antreiber der größten Revolution im Fußball. Der Medienunternehmer erkannte die Möglichkeiten des Fernsehens – und machte den Sport fernsehtauglich. Er erkannte die Sicherheiten neuer Wettbewerbe, die den großen Klubs wirtschaftliche Stabilität versprachen – und erpresste die UEFA zur Gründung der Champions League. Er erkannte den Werbewert von Superstars – und tätigte eine Rekordverpflichtung nach der anderen. Er erkannte den Stellenwert des Spektakels – und ließ Arrigo Sacchi eine der attraktivsten Mannschaften der Geschichte aufbauen. Berlusconi erkannte das wirtschaftliche Potenzial des Fußballs – und er trat eine beispiellose Umverteilung nach oben los.
Der Glanz der so erfolgreichen Milan-Mannschaften ist heute nur noch im Klubmuseum zu bewundern, die Serie A hat ihre marktdominierende Stellung lange eingebüßt, die Revolution hat ihren Vater gefressen. Die Player mögen sich geändert haben, die Dynamiken des modernen Fußballs jedoch nicht. Eine kleine Gruppe an Klubs wird reicher, während die Luft für die Verfolger immer dünner wird.
Silvio Berlusconi hat nicht nur die italienische Politik, sondern ebenso den internationalen Fußball verändert. Er hat es sich verdient, dass man sich auch im Sport an ihn erinnert. Nicht aus Nostalgie, weil Milan und Monza dank ihm große Erfolge gefeiert haben, nicht aus Verklärung, weil der Milliardär sich im Bad mit der Menge als einer der ihren präsentiert hat, sondern als Mahnung.