21. Oktober 2000
Theodor-Heuß-Platz, Berlin-Westend. Es ist der Beginn einer Freundschaft. Die ist insofern bemerkenswert, als dass sich die Protagonisten aufgrund ihrer Vereine eigentlich nicht ausstehen können. Auf der einen Seite: ich, damals junger Ultra des Hamburger SV. Auf der anderen: Kay Bernstein, junger Ultra und Vorsänger der „Harlekins Berlin“ von der alten, miefigen Tante Hertha. Kay heult mir minutenlang die damals angesagte M65-Armeejacke voll. Es war der Beginn einer Freundschaft.
Und das kam so: Im Sommer 2000 spielten Kays Hertha und mein HSV in Zell am See im Trainingslager gegeneinander. Es war ein Turnier, auch Werder Bremen war dabei. Hertha und der HSV hatten eine ansehnliche Zahl jugendlicher Heißsporne im Schlepptau, die sich im Pyrowettstreit übten. Die Situation drohte etwas zu eskalieren, als ein Herthaner versuchte, die Zaunfahne des „HSV Supporters Club“ abzuziehen. Baumann, so sollte er sich später vorstellen, erlitt dabei eine Prellung des Unterarms – keinen Bruch, wie er mir jüngst versicherte –, die Stimmung war aufgeheizt. Sie wurde entschärft durch Carsten Grab. Berliner, HSV-Fan und Herausgeber des seinen Spitznamen begründenden Fanzines Spreebär – und frisch eingestellt als Hertha-Fanbeauftragter. Er schlichtete die Situation, und nach dem Turnier, dem legendären Seespitz-Cup, endeten Hamburger und Herthaner beim gemeinsamen Umtrunk in einem Wirtshaus. Der guten Ordnung halber sei erwähnt, dass mindestens ein Bremer vor Ort war, der sich das ihm bietende Schauspiel – HSV und Hertha waren eher nicht so gut aufeinander zu sprechen – irritiert, aber auch grinsend, zur Kenntnis nahm und nicht weiter belangt wurde.
Am 17. Oktober des Jahres kam dann die Hiobsbotschaft: „Spreebär“ hatte Suizid begangen. Die Hertha-Fanszene, allen voran Kay, organisierte einen Trauermarsch vom Theodor-Heuß-Platz zum Olympiastadion. Aus diversen Städten der Republik, auch aus Hamburg, kamen Teilnehmer. Mehrere hundert Menschen dürften es gewesen sein. Der Beginn einer Freundschaft, wie gesagt.
21. Jänner 2024
Theodor-Heuß-Platz, Berlin-Westend: Trauermarsch. Dieses Mal für Kay. Es ist das Ende einer Freundschaft. Wobei, das stimmt nicht. Die nimmt uns der Tod nicht, denn es bleiben die Erinnerungen. Erinnerungen an einen Ultra und Menschen, der größer kaum hätte sein können. Klingt das jetzt pathetisch? Und wenn schon. Kay Bernstein war nicht nur Ultra. Er war schon damals ein Macher und hatte sehr viel Empathie. Er organisierte für die, die Hilfe brauchten, und für die, die es nicht mehr gab. Die Suche nach einer Knochenmarkspende für den leukämiekranken Herthaner Benny und die Gedenkturniere, der Spreebär-Cup und der Remember-Benny-Cup, all das gab es nur dank ihm. Und als die Dortmunder und Karlsruher sich irgendwann bei einem dieser Turniere gegenüberstanden und Fäuste fliegen sollten, regelte Kay die Nummer. Nicht ohne darauf zu verweisen, dass Typisierungen für Stammzellenspender weiterhin möglich und wichtig seien.
Kay Bernstein war Organisationstalent, wenn nicht sogar Meister des Ganzen. Die Fandemonstrationen und die großen Fankongresse in Berlin in den 2010er Jahren hätten ohne ihn nicht stattfinden können. Dabei zeigte er immer sein Talent, irgendwelchen Heißspornen auf geschmeidige Art die Luft aus den Segeln zu nehmen. Kay konnte mit seiner Art Konflikte herunterkochen, denn es gab keinerlei Zweifel daran, dass man mit dem Chef sprach. Gleichwohl schien er immer ein etwas unglückliches Händchen zu haben, wenn es um sein Verhältnis zur Polizei ging. Ich glaube, ich habe ihn öfter mit Stadionverbot wegen irgendwelcher herbeifantasierter Vergehen getroffen als im Stadion als Capo gesehen.
Anfangs ließen er und seine „Harlekins“ meine Mitstreiter und mich mangels Unterkunft in der damals noch existierenden Fanbaracke in Hohenschönhausen unter der Zaunfahne ihrer Gruppe schlafen. Das würde heute wohl nicht wieder passieren. Ein paar Jahre später durften wir das Loft des mittlerweile erfolgreichen Mannes in Lichtenberg betreten und dort übernachten: „Eigentlich lasse ich keine Fußballleute in meine Bude“, sagte Kay.
Welche Lücke Kay hinterlässt, konnte man beim Trauermarsch zu seinen Ehren nur erahnen. Etwa 7.000 Menschen sollen es gewesen sein, nicht wenige davon verheult und fassungslos. Die Stimmung später im Stadion lag irgendwo zwischen gespenstisch und feierlich. Sie war auf jeden Fall nichts für schwache Nerven. Als ich am Abend zurück in Hamburg war und in meinem Bett lag, habe ich hemmungslos geheult.
3. Februar 2024
Rüdersdorf bei Berlin. Dann folgte der Abschied. Zwei Tage vorher hatte seine Familie Kay im engsten Kreis beerdigt. Auf dem gleichen Friedhof, wo Benny liegt, den er einst retten wollte und doch nicht retten konnte. Der Friedhof ist so klein, dass sich die Trauernden, Berliner Ultras sowie Gäste aus Karlsruhe, Straßburg, Nürnberg und Hamburg, vorher in einem Gewerbegebiet trafen, wo es genügend Parkplätze gab. Dass der Abschied noch einmal ein bewegender Moment sein würde, war von vornherein klar. Schmerzvoll wurde er, als Bennys Mutter Frauke Kays Wirken Revue passieren ließ, denn sie führte uns noch einmal sein Engagement als Ultra vor Augen, das keine Vereinsgrenzen kannte und von dem Glauben an die gute Sache geprägt war.
Schon länger war Kay Bernstein, mittlerweile Unternehmer und Vater, kein Kurvengänger mehr gewesen, er blieb seiner Gruppe „Harlekins 98“ jedoch immer verbunden. Die Kurve von Hertha verliert einen, der sie geprägt hat und der es als erster deutscher Ultra auf den Präsidentenposten eines Profiklubs geschafft hat. Die Fanszenen verlieren einen, dessen Organisationstalent bei Demonstrationen und der Durchführung von Kongressen großen Anteil an deren Erfolgen hatte und auch daran, dass die Fans in Deutschland heute so gut vernetzt und geschlossen für ihre Interessen einstehen können. Ihre Anteilnahme an seinem Tod legt Zeugnis davon ab, wie wichtig er für die Ultrabewegung war.
Viele verlieren so wie ich mit Kay einen langjährigen Freund. Das ist schmerzvoll, aber nicht mit dem Verlust für seine junge Familie zu vergleichen. Es war mir eine Ehre, dass ich mit Kay Bernstein einen großen Ultra und großartigen Menschen meinen Freund nennen durfte. Ich werde dich vermissen, Kalle. Mach et jut, und grüß die anderen, die viel zu früh gegangen sind.