Ende Oktober empfing Borussia Dortmund in der achten Runde der deutschen Bundesliga Werder Bremen im Westfalenstadion. Als Julian Brandt nach fünf Minuten nahe der Outlinie den Ball annahm, war die Bandenwerbung hinter ihm nicht zu übersehen. Im Stadion und bei der Übertragung in Deutschland pries die Cybersicherheitsfirma ESET ihre Dienste an. „Dein Gaming: Geschützt“ lautete der Slogan. Wer das Spiel im Rest der Welt verfolgte, sah hinter Brandt etwas anderes: eine Werbung für den chinesischen Sportwettenanbieter Bandao.
Der world feed, also eine Spielübertragung für den internationalen Markt, ist nichts Neues, früher unterschied sich diese vor allem durch die Sprache des Kommentars und der Einblendungen. In den letzten Jahren setzen Klubs, Vermarkter und Rechteinhaber jedoch auf virtuelle Bandenwerbung, um die Anzeigen am Spielfeldrand mit anderen Partnern zu überblenden, ohne dass es auffällt. So spielt der BVB in Deutschland vor einer Werbung für Cybersicherheit, während er gleichzeitig im Ausland einen Wettanbieter mit fragwürdigem Image mit sich werben lässt.
Dubioser Hattrick
In der Bundesliga ist diese Werbeform seit der Saison 2018/19 erlaubt. „In Deutschland wissen nicht allzu viele Leute über diese Sponsorings Bescheid, wer schaut schon die Bundesliga über einen VPN-Zugang“, sagt Thomas Melchior aus Dresden. Er war spielsüchtig und betreibt heute eine Kampagne gegen Sportwetten im Fußball.
Der BVB führt die Firma Bandao auf seiner Webseite als regionalen Partner. Bandao behauptet, über eine Lizenz der Malta Gaming Authority, MGA, zu verfügen. Im Register der europäischen Aufsichtsbehörde ist sie allerdings nicht verzeichnet, auch eine Sprecherin der maltesischen Stelle sagt, diese Internetseiten seien nicht lizenziert. „Die MGA wird den Sachverhalt untersuchen und entsprechende Schritte einleiten.“ Auch von der British Gambling Commission ist Bandao weder als Marke noch über die Webseite lizenziert, obwohl die Firma das Logo der Behörde verwendet. Eine Anfrage bei Bandao über Telegram – der einzige aufzufindende Kontakt – ergibt die Information, die Firma sei auf den Philippinen registriert. Auch dafür findet sich kein Beleg.
Borussia Dortmund ist nicht der einzige Klub mit derartigen Geschäftspartnern. Bei Borussia Mönchengladbach etwa waren zu Beginn der Saison drei fragwürdige Wettanbieter im internationalen Stream zu sehen. Seit Dezember 2022 besteht eine Kooperation mit Kaiyun Sports. Das Unternehmen, das auch Kooperationen mit Real Madrid und Nottingham Forest unterhält, firmierte zuvor als Yabo mit einem ähnlichen Geschäftsmodell: Werbung für Sportwetten über den europäischen Fußball für den asiatischen Markt, wo sie vielerorts illegal sind. Yabo arbeitete mit Hertha BSC und dem FC Bayern zusammen und engagierte für Fototermine ein Model, das als Geschäftsführer auftrat. Bei Polizeieinsätzen gegen die Firma in China wurden 2020 und 2021 rund 3.000 Personen festgenommen und ein Netzwerk von etwa 80.000 Mitarbeitern zerschlagen. Nachfolger Kaiyun behauptet wie Bandao, im Besitz einer maltesischen Lizenz zu sein.
„Bei Offshore-Wettanbietern gibt es häufig eine Verbindung zu Spielmanipulation“, sagt die Psychologin Sally Gainsbury, die an der Universität Sydney zu Wetten forscht. Die Firmen seien teilweise in kriminelle Aktivitäten wie Geldwäsche verstrickt, am Verbraucherschutz liege ihnen wenig, daher seien Kunden dem Risiko von Betrug und Identitätsdiebstahl ausgesetzt. „Geschäftsverbindungen zu illegalen Anbietern werfen auch in Hinblick auf die Integrität des Wettbewerbs Fragen auf“, sagt sie. Es ist umso erstaunlicher, dass Borussia Mönchengladbach außerdem für 1XBet wirbt, das seine Lizenz für Russland verloren hat, in der Ukraine sanktioniert ist und in den Niederlanden für insolvent erklärt wurde. Weiters promotet der Bundesligist 1919.com, eine Schwesterfirma von 8XBet, einen Sponsor von Manchester City mit problematischen Geschäftspraktiken.
Versteckte {‚Eigentümer‘}
Zwar ist für die internationalen Übertragungen der Bundesliga-Spiele die DFL zuständig, die virtuelle Vermarktung liege jedoch in den Händen der Klubs, wie der Ligaverband angibt. Von ihnen werde eine strenge Prüfung ihrer Partner erwartet. Ein Teil der Bundesligisten beauftragt Vermarkter wie Infront und Sportfive auf Provisionsbasis, andere betreiben die Vermarktung in Eigenregie. Die DFL zeigt sich besorgt über die vorgelegten Rechercheergebnisse. Im Fall 1919.com – das beim Eröffnungsspiel der Saison auch in Bremen warb – hätte schon eine einfache Prüfung zwei alarmierende Hinweise zutage fördern können: Auf der Homepage der Firma, auf der in der Regel die Lizenzen präsentiert werden, war keine Lizenz erwähnt. Immerhin auch keine falsche. Zudem wies das Impressum Lücken auf, so war dort zu lesen: „{‚Eigentümer‘} ist seit 2007 ein zuverlässiger und vertrauenswürdiger Dienstleister für Sportfans.“ Aktuell ist aus Deutschland kein Zugriff auf die Webseite möglich.
1919.com lässt sich über gemeinsame IP-Adressen mit 8XBet in Zusammenhang bringen, eine Firma, die laut Recherchen des Fußballmagazins Josimar mit Ausbeutungspraktiken auf einer Cyberfarm in Kambodscha in Verbindung steht. Zum Netzwerk der rund 80 Domains, das sich zu 8Xbet zurückverfolgen lässt, gehört die Firma 6686. Sie ist ebenfalls auf virtuellen Banden in der Bundesliga zu sehen und gehört zu den Partnern des VfL Wolfsburg. Im Gegensatz zu anderen im Rahmen der Recherchen kontaktierten Klubs reagierte Werder Bremen auf die Informationen und erklärte, dass die fehlende Lizenz von 1919.com ihnen nicht bewusst gewesen sei. Die Bandenwerbung ist im internationalen Feed nicht mehr zu sehen.
Andere Klubs wollen sich von ihren Partnern mit fehlenden Lizenzen und wechselnden Namen nicht so schnell verabschieden. „Wettgeschäfte sollten starken Regulierungen unterworfen werden“, sagt Psychologin Gainsbury. Seit der ersten Veröffentlichung der Recherche im November 2023 ist das Logo von Bandao von der Website des BVB verschwunden. In der Sparte Regionale Partner taucht neben DB Cargo, der Mahsa-Universität in Malaysia, dem NFT-Händler FMEX und anderen nun die Firma Xing Kong auf. Ein Klick auf das Logo führt auf eine Website mit dem Banner von Bandao.