Die WM in Katar 2022 war hochumstritten – von der Vergabe über den Austragungsort bis zu Pressefreiheit und Menschrechten. Mehr als ein Jahr nach dem Turnier ist die Diskussion weitgehend verstummt. Das Thema aber bleibt.
Plötzlich, im November 2023, war das Thema wieder da. Die „Zeit im Bild“ zeigte einen Beitrag über Katar, die ARD widmete den Entwicklungen im Emirat eine halbstündige Dokumentation, und etliche Zeitungen berichteten über die Missstände, die es noch immer zu überwinden gelte. Der Start in die umstrittene WM lag da genau ein Jahr zurück. In den Monaten zuvor waren die Augen eher auf die bevorstehende EM, die WM der Frauen in Australien und Neuseeland und die millionenschweren Wechsel von Starspielern in die saudische Pro League gerichtet. Die nächste Welle von Jahrestagsberichten über Katar ist frühestens im November 2024 zu erwarten, vielleicht aber auch erst zum fünf- oder zehnjährigen Jubiläum.
Sport und Diplomatie
Vor seiner Austragung war das Turnier wochenlang fast omnipräsent und wurde in der westeuropäischen Öffentlichkeit dabei meist kritisch kommentiert. Gewerkschaften hatten schon früh auf die katastrophalen Bedingungen für migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter hingewiesen, NGOs veröffentlichten Recherchen über die schlechte Menschrechtslage, mangelnde Pressefreiheit und Benachteiligung von Frauen und queeren Personen. Fans, Vereine und so mancher Fußballverband diskutierten über einen Boykott des Turniers. Teamspielerin Manuela Zinsberger sagte im ballesterer podcast, als lesbische Frau hätte sie es nicht vertreten können, nach Katar zu fahren, und schaue die Spiele nicht. Der ebenfalls homosexuelle, ehemalige deutsche Teamspieler Thomas Hitzlsperger reiste nach Katar und drehte eine kritische TV-Dokumentation.
Die Kritik reichte von Korruptionswürfen bei der Vergabe 2010 über mangelnde Fankultur und schwierige Spielbedingungen bis zu toten Arbeitern auf WM-Baustellen. Katar machte Zugeständnisse: 2020 schaffte das Emirat das Kafala-System formal ab, das einen Jobwechsel und eine Ausreise ohne Freigabe des Arbeitgebers unmöglich machte. Außerdem führte es einen Mindestlohn ein, der 2023 bei umgerechnet 450 Euro im Monat lag. Katar gab dem Druck ein wenig nach, um seine Ziele zu erreichen: die Stärkung seiner Soft Power und wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Erdgas. Der Plan ist aufgegangen. „Es ist Teil der Marke Katar geworden, Turniere auszutragen, um sportpolitischen Einfluss zu nehmen“, sagt Sebastian Sons, Islamwissenschafter und Experte für die arabischen Golfmonarchien, dem ballesterer. „Der Sport ist ein wichtiger Treiber der Außenpolitik geworden. Katar hat Einfluss auf Entscheidungsträger in anderen Ländern, insbesondere in Europa und Asien, um geschäftliche und politische Beziehungen zu verbessern.“ Katar fungiert nicht erst seit den Angriffen der Hamas auf israelische Zivilisten international in der Rolle des diplomatischen Vermittlers.
Gianni behind the scenes – Der Präsident bringt den Emir und den Kronprinzen zusammen
Im Fußball hat sich das Nationalteam einen Namen gemacht. Katar richtete im Jänner und Februar 2024 den Asien-Cup aus – und gewann ihn zum zweiten Mal in Folge. Das Turnier, für das sieben der acht WM-Stadien genutzt wurden, erreichte nach Angaben der Veranstalter einen neuen Zuschauerrekord. Zuletzt sicherte sich Katar die Austragung der fünf kommenden, jährlich stattfindenden U17-Weltmeisterschaften, doch nicht nur im Fußball ist das Emirat weiterhin aktiv. Im Februar 2024 fand die Schwimm-WM in Katar statt, 2025 und 2027 folgen die Weltmeisterschaften im Tischtennis und Basketball. Die Formel 1 ist regelmäßiger Gast. „Katar ist für Sportverbände ein attraktiver Standort“, sagt Sons. Man habe die Infrastruktur und sei dank der geografischen Lage gut erreichbar. „Sie haben ein Alleinstellungsmerkmal in der Region.“
Prekärer Status
Nach der mehrjährigen Blockade der Nachbarländer gegen Katar bis Jänner 2021 haben sich die Beziehungen zu Saudi-Arabien, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten entspannt. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman verfolgte das Eröffnungsspiel der WM im Stadion mit dem katarischen Emir Tamim bin Hamad Al Thani und FIFA-Präsident Gianni Infantino. Trotz der Wiederaufnahme der diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen gebe es weiterhin einen Konkurrenzkampf, sagt Sons. „Die Länder der Region verfolgen ähnliche Geschäftsmodelle. Sei es Tourismus, Sport, Unterhaltung, Luftfahrt oder erneuerbare Energien. Noch wird der Konkurrenzkampf positiv gesehen, das kann aber schnell wieder umschlagen.“
Die WM hat den Tourismus in Katar angekurbelt, man versuche nun verstärkt, Touristen auf der Durchreise ins Land zu holen, sagt Sons. Dafür wurde die Hayya-Card, ein Visum, das während der WM benötigt wurde, bis Jänner 2024 verlängert. Laut einem Bericht von Amnesty International aus dem November 2023 wurde das Visum aber auch für andere Zwecke benutzt: Ausländische Staatsangehörige seien auf diesem Wege ins Land geholt worden, um in Katar zu arbeiten. Ohne einen gültigen Vertrag und mit irregulärem Aufenthaltsstatus seien sie damit in einer sehr prekären Situation ohne Arbeitsschutz. Im ballesterer-Gespräch ergänzt Shoura Hashemi, Geschäftsführerin vom Amnesty International Österreich: „Der Aufenthaltsstatus von Arbeitern ist wie im Kafala-System an den Arbeitergeber gekoppelt. Er kann den Arbeitnehmer unter Druck setzen und diese Karte erteilen oder nicht erteilen.“ Das Kafala-System sei eben nur auf dem Papier abgeschafft, sagt Hashemi: „Wir haben Zahlen, dass ein Drittel der Anträge auf Jobwechsel nicht genehmigt werden. Man kann das System über Umwege am Leben erhalten.“
Amnesty fordert weiterhin Entschädigungszahlungen an verletzte Arbeiter und die Familien der Verstorbenen. Die FIFA sitzt das Thema aus,
Zudem gibt es weiterhin Berichte über unbezahlte oder zurückgehaltene Löhne, unzureichend ausgestattete Quartiere für Arbeiter, und auch die Todesfälle auf den Baustellen sind immer noch nicht aufgeklärt. Amnesty fordert auch weiterhin Entschädigungszahlungen von Katar und FIFA an verletzte Arbeiter und die Familien der Verstorbenen. Die FIFA sitzt das Thema seither aus, Katar hat die Einrichtung eines Entschädigungsfonds abgelehnt. Der Forderung hatten sich auch Verbände wie ÖFB und DFB angeschlossen, weiterer öffentlicher Druck auf die Verantwortlichen ist seither ausgeblieben.
Es gibt aber auch Verbesserungen. In den Sommermonaten darf zum Schutz vor der Hitze zwischen 9.00 und 16.00 Uhr nicht mehr auf der Straße gearbeitet werden. Für Frauen, die in Haushalten angestellt sind, gibt es neue Arbeitsgerichte für Fälle von ausbleibenden Gehaltszahlungen, zurückgehaltenen Pässen und sexualisierter Gewalt. „Vorher hat man diese Dinge nicht einklagen können“, sagt Hashemi. „Gerade in diesem Bereich haben wir immer noch wenig Einblick. Man muss sich auch erst einmal trauen, den Rechtsweg zu beschreiten.“
Kommunikationsprobleme
Die Amnesty-Geschäftsführerin ist der Ansicht, dass die internationale Staatengemeinschaft mehr Druck ausüben könnte. „Katar hat zwar viel Geld, braucht aber das Expertenwissen aus Europa und den USA. Man muss sich nicht unter Wert verkaufen, sie sind auch abhängig von uns.“ Schon vor der WM ist durch den Angriff Russlands auf die Ukraine die Energiewirtschaft zu einem großen politischen Faktor geworden. Sie verstehe, dass westliche Staaten auf Gaslieferungen aus Katar angewiesen seien, sagt Hashemi. „Dennoch sollte nur investiert werden dürfen, wenn gewisse Menschenrechtskriterien eingehalten werden.“ Von der FIFA erwartet Hashemi für künftige Turniere strengere Vorgaben und deren Umsetzung – auch im Hinblick auf die aller Voraussicht nach in Saudi-Arabien stattfindende WM 2034. „Wir haben 2022 gelernt, dass wir den Druck auf die FIFA erhöhen müssen. Die Kampagne zu Katar war auf die Regierung ausgerichtet.“ Den höheren Druck könne man nur durch öffentliche Kampagnen schaffen, auf die Lobbyarbeit von Amnesty habe die FIFA nicht reagiert.
„Ich plädiere weiterhin dafür, ins Gespräch zu kommen. Fundamentalkritik hilft nicht. Man muss sich informieren, das ist im Vorfeld der WM in Katar zu wenig passiert.“
Sebastian Sons, Islamwissenschafter
Islamwissenschafter Sons fordert in Zukunft einen anderen Umgang mit den Golfstaaten. „Wir werden bei der WM in Saudi-Arabien wahrscheinlich eine schärfere Diskussion führen, weil das Land hinsichtlich der Menschenrechte deutlich problematischer als Katar ist“, sagt er. „Ich plädiere weiterhin dafür, ins Gespräch zu kommen. Fundamentalkritik hilft nicht. Auch in Saudi-Arabien gibt es Grautöne, die man wahrnehmen sollte. Dafür muss man sich informieren, das ist im Vorfeld der WM in Katar zu wenig passiert.“ Dadurch habe sich Katar von oben herab behandelt gefühlt. Vor der WM beschwerte sich Emir Al Thani über eine beispiellose Kampagne gegen sein Land. Diese habe ein Ausmaß erreicht, das „leider viele Fragen über die wahren Gründe und Motive aufwirft“. Der implizierte Vorwurf von Eurozentrismus ist ein Ausdruck der fehlgeschlagenen Kommunikation. Sons sagt, man habe irgendwann nur noch übereinander statt miteinander gesprochen. „Wir sollten über die politischen Eliten hinaus Kontakt zu den Golfstaaten aufbauen. Man muss einer breiten Öffentlichkeit, gerade in Europa, zeigen, dass sich gesellschaftlich und kulturell einiges am Golf tut – ohne sich dabei instrumentalisieren zu lassen.“
Kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft 2022 waren sich viele in Europa einig: Das Turnier hätte nie an Katar vergeben werden dürfen. Der damalige deutsche Teamchef Hans-Dieter Flick sagte das, aber auch der österreichische Vizekanzler Werner Kogler. „Am Ende des Tages wird immer wieder ein Boykott von uns Spielern gefordert“, sagte der deutsche Teamspieler Joshua Kimmich. „Ich glaube, da sind wir einfach zwölf Jahre zu spät dran.“ So viel Zeit bleibt auch bis zur nächsten WM am Golf nicht. Das Turnier in Saudi-Arabien findet schon in zehn Jahren statt.
Wir hoffen, dir gefällt dieser Text. Online findest du viele weitere Artikel aus unseremArchiv – kostenlos. Wir freuen uns, wenn du uns einen kleinen Beitrag spendest. Damit hilfst du uns, weiter unabhängig und kritisch zu berichten – und weiter Texte kostenfrei zur Verfügung zu stellen.
Am Mittwoch werden die WM-Gastgeber für die Turniere 2030 und 2034 bestätigt. Es ist ein Tag der verpassten Chancen und der rückgratlosen Funktionäre. Ein Kommentar.
lesen