Nach 42 Minuten ist erstmals zu hören, wie laut 52.000 Menschen sein können. Felix Klaus hat Fortuna Düsseldorf gerade in Führung geschossen. Von den Rängen schallt kollektiver Jubel, aus den Stadionboxen „Strom“ von den „Toten Hosen“. Es ist eine besondere Kulisse für ein normales Zweitligaspiel. Sie wurde möglich, weil niemand im Stadion außerhalb des VIP-Bereichs fürs Zuschauen bezahlen musste. Nicht die Düsseldorfer und auch nicht die Braunschweiger Fans im vollen Gästeblock.
„Fortuna für alle“ heißt das Konzept, das sich die Vereinsverantwortlichen um den Vorstandsvorsitzenden Alexander Jobst ausgedacht haben. Ein Projekt, das sich durch langfristige Geldgeber finanzieren soll. 45 Millionen Euro hatten Hauptsponsor Targobank, Hewlett Packard, Common Goal und die Versicherung Provinzial für fünf Jahre versprochen. Mit der einen Hälfte des Betrags sollten in dieser Saison drei, dann immer mehr und irgendwann nur noch sogenannte Freispiele realisiert werden. Interessenten können sich bewerben, die Tickets werden verlost.
Die andere Hälfte der Summe soll in die Nachwuchs- und Frauenabteilung, die digitale Infrastruktur, das Stadion, in Nachhaltigkeitsprojekte und den Düsseldorfer Breitensport fließen. Doch kaum war die Botschaft in der Welt, war die Provinzial schon nicht mehr dabei. Sie hatte sich den Zugriff auf die Daten der Ticketbewerber erhofft, den ihr der Verein nicht gewähren wollte, hieß es damals aus Unternehmenskreisen Nach Schätzungen der Rheinischen Post fehlten dadurch rund fünf Millionen eingeplante Euro. Dennoch sagt Jobst auf Anfrage des ballesterer heute: „Wir blicken sehr positiv auf die letzten Monate.“
Interesse aus Madrid
Dass an diesem Sonntag kein gewöhnliches Heimspiel stattfindet, lässt sich schon eine Stunde vor Anpfiff im Zentrum der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt erahnen. Am Rhein bilden sich Fahrradschlangen zum Stadion im Norden, U-Bahnen und Straßen haben ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Was in der direkten Nachbarschaft – in Köln, Gelsenkirchen, Dortmund und Mönchengladbach – zum normalen Spieltagsbild gehört, ist hier nicht alltäglich. Nur gegen den Hamburger SV gelang es den Düsseldorfern in der vergangenen Saison, das Stadion auszuverkaufen. Im Schnitt blieb jeder zweite Platz leer.
Die Idee mit den Freispielen brachte dem Verein viel Aufmerksamkeit. Große Medien berichteten, sogar Real Madrid erkundigte sich bei Jobst wegen der Idee. Das half der Fortuna auch finanziell. Die Umsätze im Trikotverkauf seien um 30, die Sponsoringerlöse um 40 Prozent gestiegen, heißt es aus Vereinskreisen. Obwohl nur für 14 statt 17 Spielen Karten verkauft wurden, seien die Zuschauereinnahmen nicht gesunken. Insgeheim, wird gemunkelt, habe sich der Verein dennoch mehr Sponsoreninteresse erhofft.
So bleibt die Lage weiterhin angespannt. Die Mietkosten bei fehlenden Vermarktungseinnahmen durch das Stadion sorgten in der Vergangenheit auch schon für Reibereien mit der städtischen Betreibergesellschaft. Das Eigenkapital des Vereins ist zuletzt von rund 3,8 Millionen auf 850.000 Euro gesunken. „Die steigenden Umsätze im Merchandising, Ticketing und die wachsende Mitgliederzahl sorgen für ein nachhaltiges Wachstum“, sagt Jobst. „Trotzdem haben wir finanzielle Herausforderungen durch enorm gestiegene Kosten.“
Ticketlotterie
Im Stadion bleibt es trotz des vollen Hauses zunächst ruhig. Ein langjähriger aktiver Fan der Fortuna ist verstorben. Die Choreografie im Heim- und ein Banner im Gästeblock erinnern an ihn, gemeinsam schweigen die Fanszenen fünf Minuten. Danach beginnt der Support. Die Stimmung ist gut. Doch so richtig springt der Funke nicht auf die Tribüne über. Als es die Kurve wieder mit „For-tu-na“-Sprechchören versucht, steht auf der Gegengerade ein Fan in rot-weißem Trikot, mit rot-weißem Schal und dunkler Sonnenbrille auf. Immer wieder dreht er sich fordernd zu seinen Nebenleuten um. Doch die bleiben sitzen.
Die Nachfrage für die Freispiele ist groß. Zum Auftakt gegen Kaiserslautern wollten 120.000, zur Partie gegen Sankt Pauli sogar 130.000 Menschen kommen. Gegen Braunschweig sank das Interesse deutlich. Bei 90.000 Bewerbern blieben dennoch viele ticketlos. Dass die anfängliche Kritik der aktiven Fanszene ruhiger geworden ist, liegt auch daran, dass die Karten nicht einfach nur verlost werden. Mitgliedern und aktiven Unterstützern werden bessere Chancen eingeräumt. Dennoch gibt es Befürchtungen, dass die Aktion vor allem Eventfans anlocken könne. Der Verein hält dagegen. Umfragen hätten gezeigt, dass die meisten Freispielbesucher auch sonst zur Fortuna gehen würden, heißt es dort.
Der Wert von nix
Hajo Kendelbacher ist einer von denen, die das Konzept kritisch beäugen. „Ich war nicht positiv gestimmt, als ich von ‚Fortuna für alle‘ gehört habe“, sagt der 62-Jährige. Zu sehr habe es nach einem Marketingprojekt geklungen. Kendelbacher ist seit 50 Jahren Fortuna-Fan. Er hat die erfolgreichen Zeiten in den 1970er Jahren in der ersten Liga erlebt, und er war dabei, als der Verein in die Viertklassigkeit abstürzte und sich kaum noch jemand für ihn interessierte. Damals wurde er sogar Teil der Montagsrunde, die die Vereinssatzung maßgeblich entwickelte. Er kennt es, Menschen von seinem Klub überzeugen zu müssen. Die Freispielidee hat ihm dennoch nicht gefallen: „Ein Fußballspiel hat seinen Wert. Und wie sagt der Rheinländer? Wat nix koss, es och nix.“
Nach dem 2:0 durch einen von Christos Tzolis verwandelten Elfmeter dümpelt die Partie vor sich hin. Es ist mittelmäßiger Fußball, der an diesem Nachmittag geboten wird. Immerhin: Das Wetter ist gut. Die Braunschweiger Fans nutzen die Langeweile, um sich in der passenden Minute für den Meistertitel 1967 zu feiern und mit Schmähgesängen auf das Derby gegen Hannover einzustimmen. Als der Schlusspfiff ertönt, geht der kurze Jubel des restlichen Stadions schnell in einen kollektiven Nachhauseweg über.
Wie es mit „Fortuna für alle“ weitergehen wird, steht noch nicht fest. Kendelbacher ist von der Idee nach wie vor nicht überzeugt. Beim Thema Aufmerksamkeit müsse er jedoch etwas Abbitte leisten, wie er sagt. „Man kann den Verantwortlichen nicht absprechen, dass die Aktion etwas bewirkt hat.“ Nun müssten sich die Freispiele bewähren. Bei Fortuna will man die Pilotsaison nun reflektieren, sagt Jobst. „Wir gehen Schritt für Schritt unseren Weg und arbeiten auch an uns selbst.“ Der Vorstand hat bereits angekündigt, dass es in der kommenden Spielzeit mindestens vier Freispiele geben werde. Mehr seien möglich, dafür bräuchte es aber weitere Sponsoren. Dabei helfen könnte der restliche Saisonverlauf – wenn Fortuna nach den Erfolgen im DFB-Pokal mit dem Einzug ins Halbfinale auch noch der Aufstieg in die Bundesliga gelingt.