Als in den Niederlanden der beste Legionär gewählt wurde, landete Franz Hasil auf Platz eins, vor Ronaldo und Romario. Er hatte eine gute Technik und einen harten Schuss, mit links wie mit rechts. Und er sah gut aus und hatte Stil. Das war in der Popkultur der frühen 1970er Jahre wichtig. Das kann man sich auch mehr als 50 Jahre später noch vorstellen. Der ballesterer trifft Hasil vor dem Spiel zwischen Österreich und den Niederlanden in einem Wiener Kaffeehaus, um über seine Erinnerungen an Rotterdam zu plaudern. Auf die Frage, wie er sich fit hält, sagt er: „Ich fahre viel Rad und spiele im Sommer fast täglich Tennis mit Herbert Prohaska und Toni Polster, im Winter etwa zweimal pro Woche. Mit Hans Krankl treffe ich mich jedes Monat zum Heurigen.“ Auch zu seinen ehemaligen Klubs ist die Verbindung eng, Feyenoord lade ihn regelmäßig ein. „Es ist schön, dass Gernot Trauner dort so gut spielt. Endlich wieder ein Österreicher bei Feyenoord, nach Willy Kreuz und mir.“
ballesterer: Vor Ihrer Zeit bei Feyenoord waren Sie ein Jahr bei Schalke, aber dort ist es Ihnen nicht gut gegangen. Warum?
Franz Hasil: Trainer Rudi Gutendorf wollte aus mir den Gerd Müller von Gelsenkirchen machen. Das war nichts für mich, auf Bälle warten, die vielleicht nach vorne kommen oder auch nicht. Ich wollte mich mehr ins Spiel einbringen. Ernst Happel hat mich 1969 erlöst, Feyenoord war für mich ein frischer Wind, es hat sich eine völlig neue Welt aufgetan. Happel wollte eine moderne Mannschaft aufbauen, er hat ganz klare Vorstellungen gehabt. Er hat Mut, Flair, Selbstvertrauen und vor allem einen überraschend neuen Spielstil nach Rotterdam gebracht.
Wie hat der Spielstil ausgeschaut?
Wir waren eine der ersten Mannschaften der Welt, die offensiv mit Raumdeckung gespielt hat. Mit Happel hat das angefangen. Wir haben nach vorne gespielt, aber nie blind und immer ballorientiert. Wir haben auf das Zeichen eines Mittelfeldspielers oder Innenverteidigers gewartet, dann haben wir den ballführenden Gegner kollektiv gejagt. Mit unseren Positionswechseln haben wir unsere Gegner schwindelig gespielt. Sie haben nie gewusst, was als Nächstes passiert. Happel hat uns gelehrt, während des Spiels nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen.
Die Eingewöhnung bei Feyenoord war aber nicht so leicht für Sie, was ist da passiert?
Ich war erst 25 und habe mich stark umstellen müssen, vor allem körperlich. Ich bin als bester österreichischer Spieler gekommen. Ich war jemand, habe ich gedacht. Schmarrn. Ich war niemand. Bei Rapid habe ich beim Training ein bisschen herumalbern können, bei Feyenoord war das unmöglich. Happel hat das „Wiener-Walzer-Fußball“ genannt, bei Feyenoord war es ein Vollgasfußball. Spieler wie Willem van Hanegem, Rinus Israël und vor allem Theo Laseroms, sind voll draufgegangen, ohne Gnade. Die Intensität war enorm, Austeilen und Einstecken habe ich in den Niederlanden gelernt.
Welches Ziel hat Happel damit verfolgt?
Er hat unsere mentale Härte trainieren wollen, das war später in internationalen Duellen sehr nützlich. Am Anfang habe ich das Gefühl gehabt, bei den Trainingseinheiten absichtlich attackiert zu werden, und Happel hat nichts unternommen. Zuerst habe ich gedacht, das sei nur ein kurzer Test, aber in den Niederlanden herrschte in der Nachkriegszeit eine heftige antideutsche Stimmung. Heute verstehe ich das, damals nicht.
Wie hat sich das ausgewirkt?
Die anderen Spieler haben kaum mit mir gesprochen. Rotterdam hat schwer unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten, die Angehörigen mehrerer Mitspieler sind damals gestorben. Ich habe nur Deutsch gesprochen, in ihren Augen war ich ein halber Deutscher. Auch Österreich war am Krieg beteiligt. Arthur Seyß-Inquart, der „Reichskommissar“ in den Niederlanden während der Besatzung, war Österreicher.
Es gibt die Geschichte, dass Jürgen Grabowski von den Feyenoord-Spielern bei einem Probetraining vergrault worden ist. Wie sind Sie heimisch geworden im Verein?
Nach ein paar Wochen habe ich Happel gesagt, dass ich überlege, wieder nach Wien zu gehen. Er hat mir den Rat gegeben durchzuhalten. „Ich kenne meine Burschen“, hat er gesagt. Wenig später habe ich eine Trainingseinheit mit einer gebrochenen Nase verlassen müssen, das war keine Absicht, aber der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. In der Kabine habe ich Happel gesagt: „Die sind hier deppert, ich fahre nach Hause!“ Ich weiß es noch wie gestern. Ich bin auf einer schwarzen Massageliege unter schlechtem Neonlicht gelegen, ein blutverschmiertes Handtuch an der Nase, das mir ein Betreuer gereicht hat. Happel hat gesagt: „Franz, ich gebe dir einen Tipp: Du musst hier rennen um dein Leben.“ Es war ganz still, dann hat der Betreuer laut zu lachen begonnen. In diesem Moment ist etwas in mir geschehen – und ich habe plötzlich auch gelacht. Da war ein Schalter umgelegt. Ich habe weitergemacht.
Haben Sie mit den Kollegen über den Krieg gesprochen?
Ja, ich habe eine kleine Ansprache gehalten. Ich habe ihnen gesagt, dass ich nichts für den Krieg konnte, sie aber verstehen würde und wir zusammen etwas erreichen wollen. Das war der Wendepunkt. Ich bin respektiert worden. Willem van Hanegem und Wim Jansen sind Freunde fürs Leben geworden. Willem hat mich kurz danach zum Essen nach Hause eingeladen. Und es ist auch sportlich gelaufen. Wenn 60.000 Zuschauer in einem vollen De Kuip „Franzi, Franzi!“ skandieren, bekommt man eine Gänsehaut. Wir haben 1970 den Landesmeistercup gegen Celtic gewonnen und den Weltpokal gegen Estudiantes.
Kommen wir noch kurz zur Gegenwart. Bei der EM spielen die Niederlande und Österreich gegeneinander. Wer hat die besseren Chancen?
Ich schätze Österreich sehr hoch ein. Mir gefällt, wie Ralf Rangnick spielen lässt. Das Team ist gut eingespielt, besser als die Niederlande. Sie haben das Problem, dass sie oft zu viele Individualisten und zu wenig Zusammenhalt haben. Österreich ist da einen Schritt vorne. Ich gebe unserer Mannschaft gute Chancen gegen die Niederlande und sogar gegen Frankreich.