Als Jakob Rosenberg 2008 zum ballesterer stieß, befiel mich Kleinmut. In Windeseile lief er mir den Rang als interner Italienexperte ab. Das verunsicherte mich. Vier Jahre später wurde er Chefredakteur und blieb es zwölf Jahre lang. Ohne ihn gäbe es das Magazin nicht mehr. Er führte die Redaktion mit Umsicht und fest in der Sache, ohne in offene Konflikte zu laufen.
Die Belohnung für jahrelange, teils prekäre Arbeit und seine Anstrengungen, den ballesterer journalistisch zu professionalisieren, hat er sich damit selbst gegeben. Neues Layout, neuer Webauftritt, neues Blattkonzept und Organisation der Redaktion: All das bekam er hin. Er schreibt lieber über Fußball in seinem gesellschaftspolitischen Zusammenhang als über Spielergebnisse. Den Vergleich mit Kollegen der Branche braucht er nicht zu scheuen.
Jakob ist der Vergleich im Wettbewerb nicht wichtig. Er ist intrinsisch motiviert, wie der Psychologe sagt. Sein Motor läuft von innen heraus, nicht im äußeren Kampf. Er bleibt ruhig, beugt seinen Oberkörper leicht nach vorne und stützt sein Kinn genau in die Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand. Dann raucht er eine. Wenn er schreibt, hat er ein Konzept. Das merkt man an seinen glasklaren Kommentaren. Dabei ist er kein Fußballfanatiker im engeren Sinn. So einer, der sich täglich auf fünf Bildschirmen gleichzeitig möglichst viele Spiele anschaut. Lieber liest er den italienischen Philosophen Antonio Gramsci und hält sich über Politik und Gesellschaft in Italien auf dem Laufenden.
Er hat zu allem eine alternative Meinung und eine feste Überzeugung. Wenn nicht, hört er so lange aufmerksam zu, bis er sie gebildet hat. Dann fällt er nicht mehr um. Man kann sich auf ihn hundertprozentig verlassen. Er ist ehrlich und loyal. Als prototypischer Wiener Rapid-Fan raunzt er ständig über seine eigene Mannschaft, lässt aber im gleichen Atemzug kein gutes Haar an jedem ernsthaften Konkurrenten. Als Historiker kennt er den Faktor Zeit im Leben und im Fußball. Er ist manchmal stur, immer ausdauernd und ändert nicht gern seinen Ansatz. Mit seinem Text über den Adlerhof in ballesterer #117 hat er sein Talent für den emotionalen Stil bewiesen. Der steht ihm gut.
Jakob denkt wie ein politischer Journalist. Er spricht selten über sich privat. Wenn man in sein Herz vordringen möchte, muss man Italienisch mit ihm sprechen. Er liebt Neapel und die SSC Napoli. Mit deren erstem Meistertitel nach seinem Helden Diego Maradona im Vorjahr ist offenbar Jakobs journalistische Mission in der Redaktion des ballesterer vorerst erfüllt. Seit Anfang Juli widmet er sich der Öffentlichkeitsarbeit im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, dem ballesterer bleibt er in anderen Rollen erhalten.
Meine anfängliche Verunsicherung stellte sich als völlig unbegründet heraus. Jakob war und ist mein Hauptkontakt zum ballesterer und ein Freund. Meine Texte wurden durch ihn um eine Klasse besser, und irgendwann hätte er auch meine Titel freigeben. Lieber Jakob, ich schicke dir einen Berg Rosen und hoffe, du fährst mit mir wieder einmal nach Italien. Ti abbraccio e ti voglio molto bene tuo Martin.