Der Broadway Market ist so etwas wie der AFC Wimbledon unter den Londoner Straßenmärkten: nicht ganz so bekannt wie die großen Namen, irgendwie posh und doch recht sympathisch. Kieran O’Connor von Stanchion Books bezeichnet den Markt als bürgerlich. Und sich selbst und seinen Stand mit Fußballbüchern und -magazinen als „the odd one out“, als Sonderling.
Etwa 150 Stände öffnen jeden Samstag zwischen Regent’s Canal und dem Park London Fields, O’Connor schleppt dann kiloweise Bücher und Magazine herbei. Der Besuchermix von locals und Touristen sei gut, sagt er. Zumindest noch. Der Stadtteil Hackney, in dem der Broadway Market liegt, verändere sich schnell, wie so vieles in London.
Von Montag bis Freitag geht O’Connor seinem Beruf nach. Der Marktstand ist nur ein Hobby, aber eines, das gut läuft, daneben verkauft er seine Ware auch im Internet. „Die Konkurrenz ist klein“, sagt er. Zwar würden viele Buchhandlungen Biografien von großen Spielern verkaufen, aber er habe es sich in der Nische eingerichtet. Besonders beeindruckend ist die Auswahl an Magazinen: professionelle Zeitschriften, liebevoll hergestellte Fanzines, englische und fremdsprachige Ausgaben. „Bücher sind aufwändiger herzustellen, man setzt dort öfter auf Bewährtes. Bei Magazinen wird viel mehr ausprobiert“, sagt der Liverpool-Fan, der seit 1998 kein Spiel seiner Mannschaft mehr im Stadion gesehen hat. Die Premier League sei einfach zu teuer.
Im Shop integriert
Der Stadtteil Tottenham ist auf den ersten Blick ein Gegenstück zu Hackney und dem Broadway Market. Die Gegend um das Stadion der „Spurs“ ist etwas heruntergekommen. Nachdem hier im August 2011 ein Schwarzer von einem Polizisten erschossen wurde, brachen Unruhen aus – sie breiteten sich auf die ganze Stadt und auf das gesamte Land aus. Das moderne Stadion mit seiner Glasfassade wirkt wie ein Fremdkörper im Viertel. Doch längst steigen die Mieten auch hier.
Ein paar Besuchergruppen machen heute Fotos, einige schauen im Fanshop der „Spurs“ vorbei. Dann stolpern sie vielleicht in die OOF Gallery, die sich mit dem Shop den Eingang teilt. Sie ist auch an Spieltagen geöffnet und deshalb wohl eine der bestbesuchten Galerien Londons. Justin Hammond, eine der drei Personen hinter der Galerie, findet den niederschwelligen Zugang an und abseits von Spieltagen wichtig. „Manchmal kommen nach den Spielen Fans rein, im Stone-Island-Pullover und einer Dose Bier in der Hand und sehen etwas, wozu sie einen Bezug haben, ein Trikot zum Beispiel oder ein Foto von einem Spiel“, sagt er.
Die Galeristen versuchen deshalb, im ersten Raum den Fußballbezug besonders zu betonen. „Wenn sie dann in den zweiten Raum gehen, sind sie schon drin in der Materie und bleiben auch für komplexere Kunst“, sagt Hammond, der gemeinsam mit seiner Frau Jennie und dem Kurator Eddy Frankel nicht nur die Galerie gestaltet, sondern auch das OOF Magazine, das Kunst und Fußball zusammenbringt.
Gefühlsproduzent Fußball
Die Fans mögen etwas zurückhaltend auf die Galerie reagieren, in der Kunstszene herrscht manchmal regelrechte Ablehnung. Oder herrschte. „Manche Leute sind davon ausgegangen, dass Fußballkunst keine Glaubwürdigkeit hat. Aber diese Wahrnehmung haben wir verändert.“ Nachdem von der Kritik hochgelobte Ausstellungen von prominenten Künstlerinnen und Künstler in der OOF Gallery stattfanden, habe ein Umdenken eingesetzt. Die Eheleute Hammond sind auf die großen Namen angewiesen, sie arbeiten Vollzeit für OOF. Um ihr Gehalt zu finanzieren, müssen sie Kunstwerke, die sie ausstellen, auch verkaufen. In der Galerie waren 2021 Werke von Jeremy Deller, Sarah Lucas und George Shaw unter dem Motto „Balls“ und 2023 eine Show mit dem Titel „The World of Gazza“ zu sehen.
Irritieren lassen sich die drei von OOF von den Vorurteilen nicht. Sie waren und sind überzeugt, dass Fußball und Kunst zusammengehen. Wie sie schon in der ersten Ausgabe ihres Magazins schrieben: „Fußball gelingt jeden Tag spielerisch, was Kunst kontinuierlich versucht: Er lässt die Menschen fühlen.“