Den Weg zum Turnier in den Niederlanden ebnete Dominik Thalhammer, der 2011 von ÖFB-Sportdirektor Willibald Ruttensteiner als Teamchef gewonnen werden konnte. Damals suchte der Verband einen Nachfolger für Ernst Weber, der das Team von 1999 bis zu seinem Tod 2010 trainiert hatte. Thalhammer, der zuvor schon die Admira-Akademie betreut hatte, übernahm zugleich die Leitung des neu geschaffenen Nationalen Zentrums für Frauenfußball in Sankt Pölten. Wie in den Nachwuchsakademien für Burschen erhalten dort Mädchen im Alter von 14 bis 18 Jahren eine intensive fußballerische Ausbildung samt Schulunterricht in einem Oberstufenrealgymnasium oder einer Handelsschule. Sieben Kickerinnen aus dem vorläufigen EM-Kader wurden dort ausgebildet, Katharina Naschenweng und Jennifer Klein haben ihren Abschluss noch vor sich.
Karrieren in Deutschland
Auch Nicole Billas Weg führte durch das Zentrum. Im Gegensatz zu ihren Teamkolleginnen darf sich die Stürmerin schon Europameisterin nennen – und sogar Weltmeisterin. Je dreimal holte sie diese Titel im Kickboxen. „Ich war als Kind sehr schüchtern, deswegen hat mich meine Mutter zum Kickboxen geschickt“, sagt sie heute. Von einer früheren Schüchternheit ist nichts mehr zu spüren, wenn Billa von der Qualifikation des Nationalteams für die Europameisterschaft und ihrem Beitrag dazu spricht. „Das ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit“, sagt sie. Mit 15 verließ die Kufsteinerin ihre Heimat, um sich in Sankt Pölten weiterzuentwickeln und in das Blickfeld des Teamchefs zu spielen. Mit Erfolg. Als 17-Jährige debütierte sie im Nationalteam, nach dem Abschluss im Zentrum wechselte sie 2015 in eine der besten Ligen der Welt, zur TSG Hoffenheim nach Deutschland. „Am Anfang war es eine riesige Umstellung, vor allem von der Trainingsintensität her“, sagt sie. Dazu kam eine weitere Belastung: „Bei uns gibt es keine Profis, es muss schon jede studieren oder eine Ausbildung machen.“ Billa erlernt gerade den Beruf der Kindergartenpädagogin, unterstützt wird sie dabei vom Verein. Der deutsche Bundesligist lege viel Wert auf die Vereinbarkeit von Fußball und Beruf.
Obwohl Laura Feiersinger nur drei Jahre älter ist als Billa, hatte sie die Möglichkeit der Ausbildung im Sankt Pöltner Zentrum noch nicht. Und dennoch ging sie ihren Weg. Feiersinger begann ihre Karriere bei den Burschen in Saalfelden, wechselte dann zum USK Hof in die Frauen-Bundesliga. Mit 17 ging sie zum deutschen Herforder SV und debütierte noch unter Weber im Teamtrikot. „Das war schon ziemlich früh“, sagt die heute 24-Jährige. „Eigentlich habe ich die U19 übersprungen.“ Nach einem Jahr im Norden Deutschlands zog es Feiersinger zum FC Bayern. Fünf Jahre lang schnürte sie für die Münchnerinnen die Fußballschuhe, gewann den DFB-Pokal und wurde zweimal Meisterin. Nach Verletzungen verlor sie im Starensemble aber ihren Stammplatz. Um wieder Einsatzzeiten auf höchstem Niveau zu bekommen, wechselte die Salzburgerin 2016 zum SC Sand, wo auch ihre Nationalteamkolleginnen Nina Burger und Verena Aschauer spielen.
Keine Angst
„Ich fühle mich hier ein bisschen wie zu Hause in Tirol“, sagt Billa in einer Trainingspause mit Blick auf die Berge der Pyhrn-Priel-Region. Viel Aufmerksamkeit kann sie dem idyllischen Panorama während des Lehrgangs aber nicht widmen. Neben einem physischen Leistungstest zur Überprüfung des Fitnesszustandes der Spielerinnen stand vor allem die taktische Weiterentwicklung im Fokus des Trainingslagers. Auch am Tag des ballesterer-Besuchs müssen die Spielerinnen ein dichtes Programm absolvieren: Nach den Laktattests am Vormittag und dem Mittagessen ist kurz Zeit für Medientermine, danach geht es gleich weiter zu individuellen Behandlungen und sportpsychologischen Schulungen, ehe am späten Nachmittag auf dem Spielfeld der Hotelanlage noch ein Trainingsmatch ansteht. Trotz der anstrengenden Einheiten ist die Stimmung gut, die Spielerinnen verstehen sich auch neben dem Platz hervorragend. „Wir sind immer lustig, der Spaß kommt nicht zu kurz“, sagt Billa.
Als die EM-Ziele zur Sprache kommen, weicht die Lockerheit einer nachdenklichen Pause. „Es ist unsere erste Europameisterschaft, keine weiß, wie es abläuft“, sagt Feiersinger. „Angst haben wir deswegen keine“, ergänzt Billa. „Wir respektieren die Gegnerinnen, werden uns aber selbstbewusst dagegenstellen.“ Vor allem das erste Spiel gegen die Schweiz am 18. Juli werde richtungsweisend sein. „Es ist für beide das Auftaktmatch und wird sicher spannend“, sagt Billa. Nicht tragen wird sie in diesem Spiel ihre neuen Glückssocken. Die hat sie nämlich von einer Hoffenheimer Teamkollegin, der Schweizerin Martina Moser, geschenkt bekommen – unter der Auflage, sie bei einem Aufeinandertreffen nicht anzuziehen.