„Er möchte immer den maximalen Erfolg. Ich möchte eigentlich nur etwas für das Lavanttal tun. Ich träume nicht von der Champions League“, sagt Dietmar Riegler im Juni 2010 der Kronen Zeitung, die ihn als „Didi Mateschitz des Lavanttals“ bezeichnet. Der WAC-Sankt Andrä ist gerade vor 2.765 Zuschauer*innen mit einem 4:1-Sieg gegen den SC-ESV Parndorf in die zweite Liga aufgestiegen. Man wolle sich nun dort etablieren, gibt Riegler damals als Ziel aus. In der abgelaufenen Saison hat der WAC beinahe das Double gewonnen, der Cupsieg im Mai ist der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Bis vor 15 Jahren rühmte sich der Klub damit, in den 1970er und 1980er Jahren in der 2. Division gespielt zu haben. Heute ist er eine der ersten Adressen des österreichischen Fußballs.
Der heutige WAC beginnt mit Riegler und wäre ohne ihn nicht vorstellbar. „Das kann man nicht anders beschreiben“, sagt Rekordspieler Michael Sollbauer dem ballesterer. Er führte das Team 2019 als Kapitän in die Europa League. Riegler ist Präsident des Klubs und Geschäftsführer der RZ-Firmengruppe. Im Vereinsnamen, im Wappen und inmitten von 16 anderen Sponsorenlogos auf den Dressen prangt der Name des Konzerns, an dem er 50 Prozent hält. Riegler ist Mäzen, er führt den Klub wie ein Patriarch. Und das erfolgreich. Dabei hat Wolfsberg gerade einmal 25.000 Einwohner*innen, der Klub spielt in einem wenig einladenden Stadion, das im Regelfall nicht einmal halbvoll ist. Auch in der Geschäftsstelle wird gespart, wo es nur möglich ist.
Berater und Bauchgefühl
Seit dem Aufstieg in die Bundesliga 2012 war der WAC siebenmal unter den Top fünf, zweimal wurden die Kärntner sogar Dritter. Der Höhenflug spiegelt sich auch am Transfermarkt wider. In den letzten fünf Jahren spülten Transfers rund 11,5 Millionen Euro in die Kassen, nur vier Bundesligisten verkauften teurer. Heuer könnte noch einmal ein großer Batzen dazu kommen: Thierno Ballo, Erik Kojzek, Chibuike Nwaiwu, und Dejan Zukic haben im Ausland Begehrlichkeiten geweckt.
„Bis vor drei, vier Jahren hätte ich gesagt, es ist ein Fußballwunder. Mittlerweile glaube ich, dass der Präsi weiß, was er tut“, sagt Daniel Roßmann. Er kickte Anfang der 2000er Jahre in der Regionalliga für den WAC, von 2016 bis Jänner 2020 war er Pressesprecher des Klubs. „Es sind viele Sachen passiert, die nicht einem großen Plan gefolgt sind“, sagt Roßmann über diese Zeit.
Dann erzählt er die Geschichte, wie Shon Weissman ins Lavanttal gekommen ist. Trainer Christian Ilzer war auf der Suche nach einem Stürmer, also rief er Andreas Herzog an, damals Teamchef der israelischen Nationalmannschaft. Ihm war Weissman aufgefallen: „Ich geb dir die Nummer, den brauchst du dir nicht anschauen, den kannst holen“, soll Herzog zu Ilzer gesagt haben, Roßmann saß daneben. Weissman traf in der folgenden Saison 30-mal, wurde Torschützenkönig der Bundesliga und wechselte um vier Millionen Euro nach Spanien. „Eine Scoutingabteilung gibt es beim WAC nicht“, sagt Roßmann.
Nicht nur die fehlt. Auch den Posten des Sportdirektors spart sich Riegler, dafür arbeitet der Klub mit einer Handvoll Spielerberater wie David Dahan eng zusammen. Das lässt sich der WAC einiges kosten, wie aus den Finanzkennzahlen hervorgeht. 900.000 Euro zahlten die Kärntner in der Vorsaison an Agenten und Spielervermittler, mehr als alle Konkurrenten. 2020/21 waren es sogar fast 1,5 Millionen Euro. Diskutiert werden Neuzugänge seit zwei Jahrzehnten in einem Vierergremium aus Riegler, seinem Vize und den Obmännern. „Das Team rund um ‚Didi‘“ werden die Funktionäre auf der Website genannt. „Er vertraut in den richtigen Momenten den richtigen Leuten“, sagt Roßmann. „Aber die Entscheidung zum Schluss, auch wenn es nur um 100 Euro geht: Die trifft der Präsident.“
Bis zum Burnout
Dem widerspricht der Präsident nicht: „Jede Rechnung landet auf meinem Tisch, und ich will wissen, warum“, sagte Riegler im Oktober 2024 bei 90minuten.at. Ohnehin schaut er sehr genau aufs Geld: „Wenn ich – Hausnummer – fünf Millionen Euro für die Kampfmannschaft habe und dann mit vier auskomme, muss ich die fünfte ja nicht ausgeben, nur weil sie da ist.“ Roßmann erzählt dazu die Geschichte von den Bürocontainern im Norden des Stadions, die mittlerweile ausgetauscht wurden und nun Fitnessräume sind. Beim Kauf verzichtete der Klub zunächst auf Steckdosen und Klimaanlage, so waren sie billiger.
Riegler spart auch auf der Geschäftsstelle, nur sieben Mitarbeiter führt der Klub aktuell auf seiner Website. „Da gibt es keine genauen Strukturen, kein Organigramm. Was notwendig ist, muss gelöst werden“, sagte Riegler 90minuten.at. Was pragmatisch klingt, ist für die Belegschaft nicht immer angenehm. Roßmann kündigte 2020, er arbeitete sich fast ins Burnout. Beim ersten Europa-League-Spiel im September 2019 gegen Borussia Mönchengladbach war er auf dem rechten Ohr taub, der Stress zu groß. Dass die Ressourcen beim WAC endlich sind, merkt man auch heute noch. Auf eine per Mail gestellte Presseanfrage des ballesterer für ein Interview mit Thierno Ballo im März kam keine Antwort, nach Rückfrage beim vermeintlichen Presseverantwortlichen gab es schließlich eine Absage – übermittelt vom Teammanager. Eine Anfrage für ein Interview mit Dietmar Riegler für diesen Text blieb unbeantwortet.
Manchmal unsichtbar
Andere ehemalige Angestellte sprechen nur in höchsten Tönen von Riegler. „Wenn man etwas braucht, ruft man den Dietmar selber an. Dann gibt es ein Ja oder Nein“, sagt Sollbauer. Riegler ist nah beim Team, eilt nach Spielen stets in die Kabine. Nach dem Einzug in die K.-o.-Phase der Europa League im Dezember 2019 rasierte ihm Tormann Alexander Kofler den Kopf. Nach dem Cupsieg 2025 sang Riegler beim Feiern den Schlager „Schwarzer Sand von Santa Cruz“ vom Nockalm Quintett.
Seine öffentlichen Auftritte selektiert Riegler. Bei Society-Events sucht man den Unternehmer oft vergeblich, Sollbauer sagt, dass Riegler auch intern niemand sei, der einen Wirbel mache. Bei Sky ist er aber ein gern gesehener Gast, nach dem Cupsieg stellte er sich den Fragen der Presse sogar gemeinsam mit seiner Frau Waltraud. Eher verschwiegen gab er sich allerdings, als Ende Mai ein Fall sexueller Gewalt beim WAC öffentlich wurde. Ein ehemaliger Mitarbeiter habe, so der Verdacht der Staatsanwaltschaft, mindestens 30 Kinder und Jugendliche missbraucht und sexuell genötigt, als Geschenk für Fotos und Videos soll er ihnen WAC-Trikots angeboten haben. Im Jänner entließ ihn der Verein, weil er die Trikots auf der Geschäftsstelle gestohlen haben dürfte. Die Kleine Zeitung berichtete zuerst über den Fall, aber weder dort noch in der Aussendung des Klubs zur Causa taucht Rieglers Name auf. Stattdessen beantwortet Obmann Jürgen Schratter die Medienanfragen, er erklärt, dass der Verein von nichts wusste.
Angebot ohne Nachfrage
Ganz egal, ob Riegler spricht oder schweigt, eines ist ihm nicht gelungen: Der WAC ist kein populärer Verein geworden. In der abgelaufenen Saison besuchten trotz des sportlichen Höhenflugs 4.219 Zuschauer*innen im Schnitt die Heimspiele in der Lavanttal-Arena, das ist der drittniedrigste Wert der Liga. Das größte Publikum hatte der WAC stets außerhalb der eigenen Ortsgrenzen. Als er im September 2014 Tabellenführer war, trug er die Partie gegen Red Bull Salzburg im Klagenfurter Wörtherseestadion vor 19.000 Fans aus. Zwei Wochen später waren es gegen die Admira in der Lavanttal-Arena nur 4.500. „Mehr gibt die Region nicht her“, sagt Sollbauer, der im nahen Klein Sankt Paul aufgewachsen ist. Roßmann erzählt, man habe einmal alle 132 Kärntner Gemeinden zum WAC eingeladen, der Postbus als Projektpartner habe 300 Fahrten zugesagt. „Aber im ganzen Jahr sind zwei Busse gekommen.“
Ein Grund dafür mag die Heimstätte sein. Neben dem TSV Hartberg ist der WAC der einzige Klub der Bundesliga, der in einem Stadion mit Laufbahn spielt. In Wolfsberg ist sie mit Moos bedeckt. 2016 errichtete der Klub immerhin eine zweite Tribüne, doch hinter den Toren herrscht noch immer Leere. Der Gästesektor hinter einer Cornerfahne bietet die wohl schlechteste Sicht der Liga. Und während in Hartberg die Generalsanierung des ebenfalls städtischen Stadions Ende Mai begonnen hat, ist im Lavanttal davon keine Rede. Immer wieder kursieren Neubaupläne, konkretisiert haben sie sich nie. Sollbauer sagt: „Riegler ist schon so weit Geschäftsmann, dass er weiß, dass es keinen Sinn macht, Geld auszugeben, nur damit Geld ausgegeben ist.“
Sehr lange konnte Riegler im Saisonfinish von der Champions League träumen, in der letzten Runde in Graz fehlte dazu am Ende ein Tor. Doch für den Cupsieg durften sich die Mannschaft und Riegler – nicht zum ersten Mal – ins Goldene Buch der Stadt Wolfsberg eintragen, Riegler streckte bei der Saisonabschlussfeier statt dem Meisterteller eine Ehrenurkunde der Stadt in die Luft. Der Vizebürgermeister sagte: „Lieber Dietmar, liebe Waltraud, ohne euch würde das nicht stattfinden.“ Riegler hat viel für das Lavanttal getan. Zumindest für die Profikicker dort.