Menschen beim Nichtstun zuzuschauen, ist meist nicht sehr interessant. Am neunten Spieltag der obersten spanischen Liga der Männer Mitte Oktober war das anders. Während der ersten 15 Sekunden der Spiele taten die Akteure auf dem Rasen – nichts. Die Aktion oder besser Nicht-Aktion war ein von der Spielergewerkschaft AFE organisierter Protest gegen die Verlegung eines Ligaspiels ins Ausland. Das Match von Villarreal gegen den FC Barcelona am 20. Spieltag sollte im Dezember in Miami stattfinden, der aktuellen Heimat von Barcelona-Darling Lionel Messi. Die Liga habe es in dieser Sache an Transparenz und Dialog mangeln lassen, kritisierte die AFE.
Dass selbst die Barcelona-Spieler dagegen protestierten, lässt einige Rückschlüsse auf die nicht allzu gute Organisation des Unterfangens hin. Die übertragenden TV-Sender bemühten sich, das kritische Nichtstun auszublenden: Die Kamera schwenkte zum Beispiel aufs Stadiondach, oder sie fokussierte die Mittelauflage. Erwartungsgemäß scheiterte dieser dilettantische Zensurversuch, und die sozialen Netzwerke waren voll von Videos, die herumstehende Fußballer zeigten.
Am Dienstag darauf wurde die Partie in Miami abgesagt. Darüber informierte zuerst die Firma Relevent, die das Match für die Liga vermarkten sollte. Die Situation in Spanien sei zu unklar, so die Erklärung. Dass die itteilung des in den USA ansässigen Unternehmens eintraf, während Barcelona und Villarreal Champions-LeagueSpiele bestritten, mag Absicht oder Nachlässigkeit gewesen sein – wer kann in New York schon wissen, wann ein abseitiger europäischer Klubwettbewerb stattfindet? Die Art der Kommunikation, die Villarreal-Trainer Marcelino als Ausdruck mangelnden Respekts wertete, ist ein weiteres Steinchen im Mosaik der Stümperei.
Sowohl der spanische Fandachverband „FASFE“ als auch das europäische Netzwerk „Football Supporters Europe“ hatten zuvor heftig gegen Ligapartien im Ausland protestiert, die allein dem Zweck dienen, mehr internationale Erlöse zu lukrieren. Heimspiele, so ihr schlichtes und schlagendes Argument, gehören in die Stadt des Klubs, in seine Community und nicht ans andere Ende der Welt. Die Fans konnten dabei auf ungewohnte Unterstützung zählen: Real Madrid profilierte sich als vehementer Gegner des Spiels. Es handle sich um Wettbewerbsverzerrung. Wäre das Match mit Beteiligung von, sagen wir Real Madrid, in, sagen wir Los Angeles, geplant gewesen, würde Real-Präsident Florentino Perez, der seine Super-League-Pläne noch nicht aufgegeben hat, vermutlich anders klingen. Aber man kann sich Verbündete nicht immer aussuchen.
Die UEFA wiederum hatte das Spiel in Miami sowie eine Partie der Serie A zwischen dem AC Milan und Como im australischen Perth nur widerwillig genehmigt, wie sie mitteilte. Man sei im Prinzip dagegen, warte aber auf neue Regelungen der FIFA und wolle keinen Rechtsstreit riskieren. Überhaupt ist die Geschichte ein weiteres Kapitel im Machtkampf der Verbände um den Terminkalender und die Frage, wie sich noch mehr Geld aus dem Fußball pressen lässt. Das Spiel in Perth soll nach derzeitigem Stand stattfinden, aber das kann schon bald überholt sein. Auch wenn die Gründe für die Absage nicht die ihren gewesen sein mögen, reagierten die Fanorganisationen auf die einzig angemessene Art: Sie feierten. Siege durch Eigentore des Gegners zählen schließlich auch.