In der Bombonera rasseln die Trommeln von vor 50 Jahren“, schrieb Eduardo Galeano 1995. In seinem kurzen Text mit dem Titel „Das Stadion“ hält er fest, wie Geschichte und Erinnerung einer Spielstätte gerade dann am greifbarsten sind, wenn die Zuschauer fehlen: „Stellen Sie sich mitten auf den Platz und lauschen Sie genau. Es gibt nichts Volleres als ein leeres Stadion.“
Im vergangenen Jahr starb Eduardo Galeano. Ob der große uruguayische Schriftsteller ahnte, wie sehr seine kleine Ode an die Heimstätte der Boca Juniors umgedeutet werden könnte? Geht es nach der aktuellen Vereinsführung, werden die Trommelschläge in wenigen Jahren nicht mehr als lebendige Erinnerung, sondern nur noch als ferner Widerhall einer vergangenen Epoche zu hören sein: Die Bombonera habe ausgedient, heißt es. Boca brauche ein modernes, größeres Stadion, um den Ansprüchen der Zeit gerecht zu werden.
Vergeblicher Widerstand
Ein Samstagnachmittag Ende November 2015: Auf einem großen Gelände im Schatten der Bombonera laufen Kinder einem Ball nach, ein überdrehter Clown bringt Leute zum Lachen, Bier wird ausgeschenkt, Hamburger werden gegrillt, auf einem Acker messen sich zwei Fußballteams aus dem Barrio, die einen mit T-Shirts, die andern mit nacktem Oberkörper. Für alle ist Platz, die Stimmung friedlich. Doch die Lage ist bedrohlich. Das Gelände ist eine der letzten großen Flächen des Viertels La Boca, die den Quartierbewohnern offen stehen. Es gehört der Stadt, doch nicht mehr lange. Die staatliche Gesellschaft Corporacion Sur will das Grundstück an die Boca Juniors verkaufen – damit der Verein dort etwas Sinnvolles für die Lokalbevölkerung errichten kann, wie es offiziell heißt. „Damit Boca dort ein Shopping-Stadion bauen darf“, wie die Aktivisten vor Ort sagen. Sie haben zum Widerstandsfest aufgerufen, zur Verteidigung des öffentlichen Raums, wie auf den Plakaten steht. Mit Fußball, Musik, Theater und Reden soll die Bevölkerung bestärkt werden, nicht klein beizugeben. Doch es ist ein aussichtsloser Kampf.
Mitte Jänner dieses Jahres wurde der Verkauf besiegelt. Noch sind die Voraussetzungen nicht gegeben, um auf dem Land ein neues Stadion zu bauen. Dafür braucht es zuerst eine Änderung der Bauwidmung. Dass die zu verhindern ist, hält jedoch kaum jemand für möglich. Neben der Corporacion Sur weiß der Verein Boca Juniors auch die staatliche Wirtschaftsförderung auf seiner Seite. Und das ist alles andere als erstaunlich. Seit dem 22. November 2015 regiert mit Maurizio Macri ein rechter Deregulierer das Land. Zuvor war der Unternehmerssohn acht Jahre lang Bürgermeister von Buenos Aires. Jene Wahl wiederum hatte er bestmöglich vorbereitet: als Präsident der Boca Juniors von 1996 bis 2007.
Fußball für Touristen
Im Jahr, als Eduardo Galeano von der Aura der Bombonera schwärmte, begann Maurizio Macri damit, aus dem stolzen Arbeiter- und Stadtteilverein Boca eine Weltmarke zu machen. Mit Erfolg: Der Besuch eines Boca-Spiels wird heute in jedem Argentinien-Reiseführer empfohlen. Lobgesänge wie „Fußball mit Kick: in jedem Fall ein Erlebnis!“ und „Ein Spiel zu besuchen gehört zum festen Bestandteil einer Stadttour in Buenos Aires“ haben die Bombonera zur Top-Tourismusdestination gemacht – mit entsprechenden Folgen. Im Februar lancierte der Klub seine neueste Kampagne: „Check in a la Bombonera“. Offeriert werden drei Übernachtungen im Vereinshotel plus drei Matchtickets, das Paket zu 12.000 Pesos. Das sind beim gegenwärtigen Wechselkurs rund 250 Euro pro Nacht und Ticket – englische Verhältnisse. Die Bewohner von La Boca können sich einen solchen Spaß nicht leisten. Doch sie spielen in den Überlegungen der Klubführung ohnehin keine Rolle mehr.
Seit 2008 gibt es für Boca-Spiele mit Ausnahme einiger internationaler Partien keine Karten mehr im freien Verkauf, während sich die lukrativen Kontingente für Touristentickets ständig erhöhen. Seit 2005 nimmt Boca offiziell keine Mitglieder mehr auf; wer heute trotzdem Mitglied werden will, muss sich auf Schleichwegen einen Ausweis teuer erkaufen. Für einen jungen Menschen aus dem gebeutelten Hafenquartier gibt es damit kaum noch eine Möglichkeit, auf legalem Weg in die Bombonera zu gelangen.
Verdrängungskämpfe
Die Absage an jegliche soziale Funktion – traditionell eines der Wesensmerkmale argentinischer Vereine – wurde von Macri eingeläutet und vom heutigen Präsidenten und Macris Parteikollegen Daniel Angelici zur Vollendung gebracht. Bei den beliebten Sommercamps, einem Angebot der Sportvereine für Schulkinder während der Sommerferien, belegt Boca den Spitzenplatz: Das Angebot des Klubs ist 30 Prozent teurer als jenes des Rivalen River Plate aus dem gutbetuchten Norden der Stadt. Die Botschaft ist klar: Die kleinen Leute, die Boca groß gemacht haben, sind dem Klub lästig geworden.
80.000 Zuschauer soll das neue Stadion fassen, und alle sollen sitzen. Was das heißt, wo die Sitzplätze bei Boca schon heute die teuersten der Liga sind, lässt sich leicht ausrechnen. Bei der Fanbasis regt sich daher auch breiter Widerstand gegen einen Auszug aus der Bombonera. Doch sollte sich der Unmut auch auf der Straße manifestieren, ist Vorsicht geboten, denn der Parteifreund von Präsident Angelici lässt dort hart durchgreifen. „Seit dem Amtsantritt Maurizio Macris herrscht in Argentinien ein Klima, wie es das Land seit den blutigen Jahren der letzten Militärdiktatur nicht mehr erlebt hat“, mahnen zwölf europäische Wissenschaftler und Argentinienexperten. Ihren Apell überschreiben sie mit „Die Revolution der Gummigeschosse“. Der Bombonera droht ein Trommelfeuer der anderen Art.