Wir staunen selbst manchmal, wenn wir alte Ausgaben unseres Magazins durchblättern: Während der ersten dreieinhalb Jahre und zehn Ausgaben hat der ballesterer sein Erscheinungsbild häufiger geändert als manche Stadien ihre Sponsorennamen. Das erste Heft gestaltet Erfinder Reinhard Krennhuber gemeinsam mit seiner Schwester Julia. Schnell sei klar gewesen, dass es so nicht auf Dauer funktionieren könne, sagt der langjährige Chefredakteur. Über persönliche Kontakte werden Verena Hochleitner und Gerda Palmetshofer gewonnen, die – aus einiger Distanz zum Fußball –die folgenden vier Ausgaben verantworten und mit dem Polizeibus am Cover von ballesterer #4 und dem zweisprachigen Cover zur WM 2002 in Ausgabe #5 frühe Favoriten kreieren. Es folgt eine Übergangsphase mit farbigen Längsbalken, bis mit ballesterer #10 und dem Schwerpunkt zum Millwall FC das erste Fotocover samt jeweiliger Heftfarbe auf den Plan tritt. Zu diesem Zeitpunkt ist die Verantwortung für die Gestaltung in die Hände von Eric Phillipp übergegangen. Er ist Architekt und Fußballfan, kennt ballesterer-Mitgründer Klaus Federmair und findet sich so 2002 zum ersten Mal bei einer Redaktionssitzung wieder. „Da ist wer gesucht worden, der die Gestaltung übernehmen kann. Ich war zwar kein Grafiker, aber mit InDesign habe ich mich durch meine Arbeit ausgekannt“, erzählt Eric. Daher sagt er damals den folgenschweren Satz: „Ich kann das machen.“
Herzblut und Nachtschichten
Wer einmal in Projekten gesteckt hat, die auf Idealismus und Leidenschaft bauen, kennt den Wert dieser Worte. Vor allem wenn sie, wie in Erics Fall, stimmen. Ohne ihn wäre das Magazin nicht so alt geworden, wie es ist. Er weiß es an diesem Abend – womöglich zum Glück –noch nicht, aber Eric wird den ballesterer elf Jahre lang für wenig bis kein Geld layouten, sich zahlreiche Nächte um die Ohren schlagen, gemeinsam mit der Redaktion um Reinhard Krennhuber und später dessen Nachfolger Jakob Rosenberg Bildunterschriften texten und sich als letzten Akt der Arbeit so manchen Coverschmäh überlegen: „Pierre Brice – Wird er Co-Trainer von Karel Brückner?“, fragen wir auf Ausgabe #35 und versprechen auf #66: „Gimmick: Gigi Ludwig zum Aufblasen“. Bevor Eric in diesen Jahren die Druckdaten versendet, hat meist Thomas Unger I –nicht zu verwechselnmit Thomas Unger II von Seite 134 – die Inhalte lektoriert. Es sind verrauchte und lehrreiche Stunden, für das Magazin und die Redaktion. „Ich habe ihn immer in einem Lokal seiner Wahl getroffen, weil er die Texte erst nach seiner Arbeit gelesen hat“, sagt Jakob. „Das ist anstrengend gewesen, aber auch total super, weil Thomas sich sehr mit Texten ausgekannt hat.“ Ab Herbst 2008 stößt Grafikdesigner Benjamin Kuëss zum Gestaltungsteam dazu, er lässt in den folgenden Jahren Bullen Bälle aufspießen und macht FIFA-Präsident Sepp Blatter zu Darth Vader. Gemeinsam mit dem langjährigen Fotochef Dieter Brasch gestaltet er viele Cover, illustriert die Satirerubrik Kraftwerk in einem ihr perfekt angemessenen Geist und ist bis heute hauptverantwortlich für unsere Infografiken. Wir lassen ihm zu einem vorher abgestimmten Thema Daten im denkbar unattraktivsten Format, nämlich einer Excel-Datei, zukommen, und er verwandelt sie wahlweise in eine schöne, skurrile oder lustige und weiterhin informative Doppelseite in der Heftmitte. Ein paar Highlights aus Bens Schaffen seht ihr ab Seite 48.
Die Bebilderung ist im ballesterer zu Beginn bestenfalls ein Nebengedanke, in einem Text aus Ausgabe #100 beschreibt Dieter sehr eindrücklich die langsame Öffnung der Redaktion für den Wert der Fotografie. Das heutige gute Zusammenspiel ist vor allem unseren Fotograf*innen und ihrer Arbeit zu verdanken, aber auch der wiederholten Frage aus dem Layout: „Haben wir zu dem Text eigene Fotos?“ Nur positive Antworten, bitte. Wenn Daniel Shaked zu einem Porträtshooting geht, wissen wir, ohne den begleitenden Text gelesen zu haben, dass der Artikel mindestens eine Seite länger werden muss und die Fotos eine eigene Geschichte erzählen. Manchmal in Serie – wie bei den Interviews mit Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer, den Daniel mittlerweile in mehr als einem halben Dutzend verschiedener Settings fotografiert hat. In der jungen ballesterer-Generation zeigen Niko Belivakic, Fabian Beer, Moritz Ettlinger und Valentin Kasagranda außerdem, dass sich die Kunst des Schreibens und des Fotografierens auch in einer Person vereinen kann.
Tanzende Titel
Seit dem Relaunch in Ausgabe #86 im Herbst 2013 liegt die Gestaltung des Magazins in den Händen von Stefan Salcher und Tobias Schererbauer von LWZ sowie zunächst Manuel Radde und seit 2024 Philipp Doringer. Wer die ersten Ausgaben nach dem Relaunch mit einer von heuer vergleicht, merkt: Das war und ist kein vollständig abgeschlossener Prozess. Der ballesterer hat eine klare Struktur, die die Heftteile Vorspiel, Thema, Spielraum, Nachspielzeit definiert und voneinander abhebt, wiederkehrende und zugleich variierende Elemente wie eine vom Schwerpunkt ausgehende Heftfarbe, aber im Maschinenraum der Gestaltung brummt es dennoch weiter. Zum einen sind da Rubriken, die verändert und neu platziert werden wie etwa der Nebenschauplatz und der Pressecorner oder neu hinzukommen wie 2025 die Memory Lane und die Fragerunde mit Mike. Vor allem aber ist das Zusammenspiel von Cover und Thema für jede Ausgabe neu und verändert immer wieder das Erscheinungsbild unseres Magazins.
Jeder ballesterer hat eine eigene Schrift, die am Cover, im Schwerpunkt und in unseren Aboanzeigen auftaucht. Wie der Weg dorthin verläuft, können wir in der Textredaktion ansatzweise an Dropbox-Ordnern mit dem Namen Recherche erkennen und an kleinen Brotkrumen der Erklärung, die uns zugeworfen werden. So ist etwa die Schrift auf dem Cover #99 zum Mitropa-Cup jener auf den Zügen der Mitteleuropäischen Schlafwagen-und Speisewagen-Aktien-Gesellschaft nachempfunden. Manchmal erhalten wir auf die Frage „Und welche Schrift ist das?“ auch die Antwort „Ah, die haben wir gebaut.“
ballesterer #185 mit dem Schwerpunkt Design im Fußball ist die 100. Ausgabe unter der Regie von LWZ und Manuel. „Wir wollten auf das Thema Design aufmerksam machen“, sagt Tobi dazu. „Wir hätten übertreiben können, wir haben uns aber entschieden zu reduzieren. In der Ausgabe haben wir sehr viele Elemente, die nicht Schrift sind, weggelassen und keine eigene Schrift für das Thema verwendet.“ Die Abwesenheit von Design verweist hier also auf das Design. Normalerweise ist die Gestaltung des ballesterer jedoch arm an Erläuterungen und umso stärker im Ergebnis –ein klein wenig lüften wir ab Seite 54 den Vorhang.
Manuel und sein Nachfolger Philipp kuratieren und gestalten die Fotorubriken und sind für den Feinsatz verantwortlich. Wir sind froh und stolz, wenn wir dieselben Fotos und Motive gut finden wie sie und das –größtmöglicher Triumph – auch noch aus denselben Gründen. Zu den besten Erlebnissen gehört es, wenn einer der Kollegen mit den Worten „Da gehe ich noch einmal drüber“ kleine Rituale seines magischen Handwerks vollzieht –und Titel plötzlich tanzen, Fotos leuchten und die Seite noch zehnmal besser ausschaut als zuvor schon. Was unsere Fotograf*innen und Gestalter leisten, verleiht dem ballesterer Schönheit und Charme. Und die Zusammenarbeit mit ihnen ist eine der besten Seiten des Jobs.