Es ist Länderspielpause, Michael Liendl hat also Zeit. Für das österreichische Nationalteam wurde er bisher erst einmal nominiert – im Frühsommer 2014. Ein bisschen hofft er bei jeder Kaderbekanntgabe dennoch, dass sein Name auf der Liste erscheint. „Ich bin aber nicht eine Woche lang am Boden zerstört, wenn es nicht so kommt“, sagt er dem ballesterer an einem windigen Herbsttag am Trainingsgelände des TSV 1860 München. Das Wetter passt zur Stimmungslage bei den „Löwen“: Liendl und sein Team stecken im Tabellenkeller fest. Wieder einmal.
ballesterer: Im Sommer wollte Sie 1860 München loswerden, nun sind Sie Schlüsselspieler und bester Scorer. Wie konnte das passieren?
Michael Liendl: Ich bin in der vergangenen Spielzeit der zweitbeste Scorer gewesen und fand das deshalb im Sommer schon ein bisschen kurios. Für mich war eine Ungewissheit da, aber mich hat das nicht belastet. Ich habe die Situation angenommen und, wie man jetzt sieht, das Beste daraus gemacht.
Das hat also gar nicht an Ihnen genagt?
Nein, denn ich habe schon damals gewusst, dass ich der Mannschaft mit meinen Qualitäten helfen kann.
Trotz guter Leistungen sind Sie vor einigen Wochen für zwei Spiele aus dem Kader gestrichen worden.
Ich hatte im Anschluss daran ein Gespräch mit dem Trainer, danach war die Sache für mich abgehakt.
In den vergangenen beiden Spielzeiten ist 1860 der Klassenerhalt jeweils nur ganz knapp gelungen. Im Sommer sind dann Spieler wie Ivica Olic und Stefan Aigner gekauft worden, der Verein soll den drittteuersten Kader der Liga haben. Warum steckt das Team wieder im Tabellenkeller?
Wir hatten zwischenzeitlich zu viele Verletzte und Spieler, die nicht im Rhythmus sind. Daraus resultierten individuelle Fehler. Wir haben im Sommer Spieler mit großer Qualität geholt, wodurch die Erwartungshaltung automatisch gestiegen ist. Unser Ziel ist es nach vor, eine solide Saison zu spielen und mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben.
1860 gilt aufgrund der großen medialen Aufmerksamkeit und häufiger Funktionärswechsel nicht gerade als ruhiger Klub. Ist das vielleicht ein Hemmnis?
Ich persönlich habe damit kein Problem. Ich finde es schön, für einen Verein zu spielen, bei dem immer etwas los ist. 1860 hat eine unfassbare Geschichte und ist eigentlich ein gefühlter Erstligist. Von dieser Ansicht muss man aber wegkommen und akzeptieren, wie sich die Lage aktuell darstellt. Fakt ist, dass die letzten Jahre extrem turbulent waren. Für die sportlichen Leistungen ist das definitiv nicht förderlich. Wir Spieler müssen versuchen, das auszublenden.
Bei 1860 mischt stets auch Investor Hasan Ismaik mit. Haben Sie ihn schon kennengelernt?
Wir waren einmal mit der ganzen Mannschaft gemeinsam essen, gesprochen habe ich dabei aber nicht mit ihm. Er lässt sich immer wieder mal am Trainingsgelände oder im Stadion blicken, aber es ist nicht so, dass er jede Woche bei uns in der Kabine vorbeischaut.
Identifiziert er sich mit dem Verein?
Wenn jemand über so lange Zeit so viel Geld investiert, gehe ich davon aus, dass er sich zu hundert Prozent mit dem Klub identifiziert. Sonst würde er es ja nicht machen. Ohne seine finanzielle Hilfe wäre es für 1860 jedenfalls richtig schwer geworden. Wir können froh sein, dass er mit viel Herzblut dabei ist und Geld investiert. Deswegen hat er aber verständlicherweise auch große Ziele.
Auf seiner Facebook-Seite hat er vor einigen Wochen geschrieben, dass er mit 1860 bald in der Champions League spielen will.
Es ist sein gutes Recht, solche Träume zu haben. Es ist seine Vision und somit auch legitim. Aber wir sind in der zweiten Bundesliga und sollten uns darauf konzentrieren. Dass im Fußball alles möglich ist, weiß jeder, siehe RB Leipzig. Die waren letztes Jahr in der zweiten Liga, sind hinter Freiburg aufgestiegen und jetzt Titelkandidat in der Bundesliga.
Ein weiteres Vorhaben von Ismaik ist es, für 1860 ein eigenes Stadion mit angrenzenden Löwenkäfigen zu bauen.
Warum nicht?
1860 spielt in der Allianz Arena, die jedoch meist nur zu einem Viertel gefüllt ist. Wie fühlt sich das an?
Natürlich wünscht man sich, dass mehr Zuschauer kommen. Das hängt natürlich auch damit zusammen, wie wir gespielt haben – die letzten beiden Jahre haben wir gegen den Abstieg gespielt. Es ist klar, dass da weniger Leute kommen. Trotzdem ist es immer ein cooles Erlebnis, dort aufzulaufen.
Im Sommer haben sich mit der „Cosa Nostra“ und den „Giasinga Buam“ die beiden großen Ultragruppen aufgelöst. Wie wirkt sich das auf die Stimmung aus?
Auswärts ist die Stimmung immer noch gut, aber bei Heimspielen ist das im Vergleich zur letzten Saison schon ein riesiger Unterschied. Ich wünsche mir, dass die Fans zurückkommen, weil sie während des Spiels in schwierigen Situationen der entscheidende Faktor sein können – und davon hatten wir schon einige in dieser Saison.
Zurück zum Sportlichen. Welche Rolle spielen Sie in der Mannschaft?
Ich versuche, das Spiel zu organisieren, Tempo zu machen und zu bestimmen, in welche Richtung es gehen soll. Das gelingt mir manchmal besser, manchmal schlechter. Mit meiner Ballsicherheit und meinem organisatorischen Talent auf dem Platz kann ich der Mannschaft auf jeden Fall helfen.
Das sind alles Aufgabenfelder eines Zehners, der ja angeblich vom Aussterben bedroht sein soll.
Ich bin davon überzeugt, dass solche Spielertypen auch in Zukunft wichtig sein werden. Ein Team benötigt Spieler, die das Tempo vorgeben und das Spiel organisieren. Auf allerhöchstem Niveau ist Toni Kroos dafür das beste Beispiel.
Das ist aber eine etwas defensivere Position als die eines klassischen Zehners.
Den klassischen Zehner gibt es definitiv nicht mehr, weil das Spiel viel schneller, aggressiver und körperbetonter geworden ist.
Eine Ihrer großen Stärken sind ruhende Bälle. Ist das ein angeborenes Talent oder Resultat jahrelangen Trainings?
Beides ist wichtig und speziell im Jugendbereich auch Furchtlosigkeit. Man darf bei einem Freistoß keine Angst davor haben, dass alle Augen auf einen gerichtet sind.
Haben Sie eine Lieblingsposition bei Freistößen?
Als Linksfuß schieße ich am liebsten etwas versetzt von der rechten Seite, ein bisschen außerhalb des Strafraums aus etwa 20, 22 Metern. Wenn der Ball dann über die Mauer fliegt, ist das ein super Gefühl.
Sie gelten als sehr guter Fußballer, der aber einen Tick zu langsam ist.
Das höre ich oft, aber unterm Strich habe ich mich bei jedem Verein und jedem Trainer durchgesetzt. Irgendwann lernt man, damit umzugehen. Ich habe Fähigkeiten, die viele andere Spieler nicht haben. Deswegen lässt mich das kalt.
Sehen Sie sich öffentlich unterbewertet?
Niemand hat mir so eine Karriere zugetraut. Ich bin stolz, dass ich es trotzdem geschafft habe. Ich habe schon viele sogenannte Experten gehört, die mich in die Schublade „zu langsam, zu zweikampfschwach“ gesteckt haben.
Tut es weh, sich überhaupt in dieser Schublade zu befinden?
Schwer ist es auf alle Fälle, vor allem als junger Spieler denkt man viel drüber nach. Du machst drei richtig gute Spiele und dann ein normales, und auf einmal werden wieder die ganzen Vorurteile ausgepackt. Mittlerweile belastet mich das aber nicht mehr. Ich habe immer mein Ding durchgezogen und mich nie und von niemandem unterkriegen lassen.
Was waren die wichtigsten Entscheidungen, die Sie in Ihrer Laufbahn treffen mussten?
Da muss ich zwei nennen: Zuerst der Wechsel von der Austria nach Wolfsberg. Ich habe bei der Austria zwar viele Spiele gemacht, aber ich wollte mir beweisen, dass ich auch eine absolute Führungspersönlichkeit sein kann. Das ist mir dann auch gut gelungen. Die zweite weitreichende Entscheidung war der Sprung nach Deutschland zu Fortuna Düsseldorf. Es war immer mein Traum, im Ausland zu spielen. Umso stolzer bin ich, dass ich mir in Deutschland ein gewisses Standing erarbeiten konnte.
Bis zur vergangenen Saison haben Sie bei 1860 mit Rubin Okotie zusammengespielt. Dann hat er sich für einen Wechsel nach China entschieden. Wäre das für Sie auch etwas?
Wenn ein Angebot kommen sollte, würde ich darüber nachdenken. Es spricht nichts dagegen, so ein Abenteuer zu wagen. Natürlich sind die finanziellen Aussichten reizvoll. Abgesehen davon macht man dabei auch ganz neue Erfahrungen, die einen als Menschen weiterbringen können.
Zur Person
Michael Liendl (31) begann seine Profikarriere im Mittelfeld des Kapfenberger SV, mit dem er 2008 in die Bundesliga aufstieg. Es folgten Stationen beimFK Austria, dem Wolfsberger AC und Fortuna Düsseldorf. Seit 2015 steht der gebürtige Grazer beim TSV 1860 in München unter Vertrag.