Für die Teams aus Albanien und der Schweiz beginnt die EM vermutlich mit einem Bruderduell. Granit Xhaka in den Reihen der Schweizer Nationalmannschaft tritt gegen seinen um ein Jahr älteren Bruder Taulant im albanischen Team an. Beide sind in der Schweiz geboren und Kinder kosovarischer Eltern, die in den 1980er Jahren emigriert sind. Die Biografien der Xhakas sind kein Einzelfall. Im Kader beider Mannschaften steht eine große Anzahl von Spielern, die in Albanien oder dem Kosovo geboren wurden oder mit einem solchen Migrationshintergrund in der Schweiz Kicken gelernt haben. In beiden Ländern sind damit Diskussionen verbunden, die weit über den Fußball hinausgehen und sich um nationale Identität, Loyalität und die Grenzen von Multikulturalität drehen.
Loyalitätsfragen
Als die Schweiz 2009 die U17 Weltmeisterschaft gewann, galt der Fußball als Vorbild für eine multikulturell geprägte Gesellschaft. Schließlich hatten die 21 Spieler aus dem damaligen Kader Wurzeln in zwölf Ländern. Einige der Junioren-Weltmeister waren auch 2014 in Brasilien dabei, bei der WM hatten 15 der 23 Schweizer Spieler Migrationshintergrund – ein Rekordwert bei diesem Turnier. Doch nicht alle begrüßen diese Entwicklung. So trat Stephan Lichtsteiner vergangenes Jahr eine Debatte über die Zusammensetzung des Nationalteams los. Nachdem Teamchef Vladimir Petkovic im März 2015 Tranquillo Barnetta und Pirmin Schwegler für ein EM-Qualifikationsspiel nicht nominiert hatte, beklagte sich der Juventus-Rechtsverteidiger darüber bei einem Medientermin. Es ginge ihm nicht um eine Debatte über richtige und andere Schweizer, doch solche Entscheidungen könnten dazu führen, dass sich die Schweizer mit ihrer Nationalmannschaft nicht identifizieren könnten. Es folgte eine öffentliche Debatte über die Rolle der sogenannten Secondos, also in der Schweiz geborene Kinder von Einwanderern. Im besonderen Fokus: Spieler mit familiären Wurzeln am Balkan wie Xhaka, Xherdan Shaqiri und Valon Behrami.
Schnell entwickelte sich die Debatte zu Fragen gesellschaftlicher Veränderungen – und der Angst davor. Fußball stellt eine der wenigen Möglichkeiten für Jugendliche aus migrantischen Milieus dar, wirtschaftlichen Erfolg und soziale Anerkennung zu erlangen. Auch das mag ein Grund dafür sein, dass die Secondos im Schweizer Team heute die Mehrheit stellen, obwohl sie im Rest der Gesellschaft eine Minderheit sind. Es habe eine soziale Umschichtung stattgefunden, schrieb Flurin Clalüna in der Neuen Zürcher Zeitung. Er wies zugleich darauf hin, dass der Druck auf diesen Spielern besonders groß sei: „Von ihnen wird eine besondere Anpassungsleistung verlangt, eine Art unverbrüchlicher Beweis ihrer Loyalität.“ Solange die Nationalmannschaft in ihrer momentanen Konstellation Erfolg hat, überwiegt die Freude daran. Ein Ausbleiben des Erfolgs könnte das schnell ändern.
Komplizierte Heimat
Auch in Albanien verläuft die Diskussion um Identität und Loyalität nicht konfliktfrei. Das Nationalteam traf bereits in der Qualifikation zur WM 2014 auf die Schweiz. Damals, im September 2012, sagte Granit Xhaka im Gespräch mit dem Tagesanzeiger: „Die Leute in der Heimat nennen uns Verräter, weil wir uns für die Schweiz entschieden haben.“ Xhakas Wortwahl verdeutlichte, dass die Frage nach gelebter und gefühlter Identifikation komplex ist – Albanien als Heimat, die Schweiz als Wahl. Doch so viel Raum für Grauzonen lassen öffentliche Debatten selten. Wenn sich ein Spieler als Zugehöriger einer Nation versteht, habe er das auch durch die Wahl der Nationalmannschaft zu verkörpern, so erlebt es Granit Xhaka. „In der Schweiz bin ich für einige der Ausländer, in Albanien bin ich der Schweizer“, sagte er.
Durch die erste Teilnahme an einem großen Turnier ist die Stimmung in Albanien an einem nationalistischen Höhepunkt. Doch die ohnehin schon emotional geführte Debatte wird durch eine zusätzliche Komponente noch komplizierter: die Möglichkeit einer kosovarischen Nationalmannschaft. Denn der Kosovo bemühte sich geraume Zeit um eine Mitgliedschaft bei der UEFA und der FIFA. Gebürtige Kosovaren, die in anderen Nationalmannschaften spielen, könnten sich neu entscheiden, sie wären für ein solches Team spielberechtigt. Anfang Mai wurde beim UEFA-Kongress der Mitgliedsantrag angenommen, in den nächsten Wochen soll nun auch die FIFA-Mitgliedschaft erreicht werden.
Noch ist die nationale Identifikation in den albanischen Communities grenzüberschreitend. Ein Freundschaftsspiel zwischen Albanien und Kosovo im November 2015 war etwa von teamübergreifendem nationalen Pathos geprägt – und endete passenderweise mit einem Unentschieden. Die Frage ist jedoch, ob diese Brüderlichkeit auch so zelebriert werden wird, wenn es um die Rekrutierung neuer Talente geht oder sich offizielle Teams in einer Wettbewerbssituation treffen.
Einfache Wahl
Wenn die Brüder Xhaka am 11. Juni in Lens aufeinandertreffen, wird es um drei Punkte und den Erfolg beim Turnier gehen, doch auch um gesellschaftliche Realitäten und Veränderungen. Bei all diesen Debatten um Kaderzusammensetzungen und den Entscheidungen für oder gegen ein Nationalteam sollte nicht vergessen werden, dass es im professionellen Fußball häufig nur ums richtige Timing geht. Im Nachhinein mögen solche Entscheidungen als patriotisch und emotional beschrieben werden, doch oft sind die Gründe einfach professioneller oder gar finanzieller Natur. Granit Xhaka sagte über seine eigene Wahl des Nationalteams und die seines Bruders Taulant: „Das ist ganz einfach: Bei mir war es so, dass Albanien kein Interesse hatte an mir, die Schweiz aber schon. Und bei Taulant war es umgekehrt.“