Der Jubel auf der Friedhofstribüne lässt erahnen, dass der Anschlusstreffer für den Wiener Sportklub gefallen ist. Vor dem Stadion, am Fanartikelstand auf der Alszeile, macht Marcel Ludwig gerade eine kurze Verschnaufpause. „Ich kriege von den Spielen oft nicht viel zu sehen“, sagt der Pressesprecher des Vereins. Seit Stunden schon ist Ludwig vor Ort, um die kostenlose Ausgabe von Mahlzeiten und Getränken für die heutigen Gäste zu koordinieren. Etwa 200 Flüchtlinge aus dem Asylquartier Erdberg und dem Erstaufnahmezentrum Traiskirchen hat der Sportklub eingeladen, sich das Spiel der Kampfmannschaft gegen Schwechat anzusehen und außerdem selbst in gemischten Teams mit Nachwuchsspielern des Vereins aufzulaufen.
Zusammenrücken in Hernals
Der Slogan „Refugees Welcome“ findet sich nicht nur auf den schwarz-weißen Buttons, die hier verkauft werden, sondern außerdem seit Saisonbeginn auf den Trikots der Kampfmannschaft. „Dabei wollten wir es aber nicht belassen. Unser Engagement sollte ein praktisches und längerfristiges sein“, sagt Ludwig. Unter dem Motto „Weniger Worte – Mehr Taten“ wurde bereits vor einigen Wochen eine Lebensmittel- und Kleidersammlung für unbegleitete Minderjährige in Traiskirchen durchgeführt. „Das Echo war ein Wahnsinn. Die Leute sind mit Spenden vor dem Stadion Schlange gestanden.“ Weitaus schwieriger sei die Organisation der heutigen Veranstaltung gewesen. „Das Innenministerium hat kein Interesse daran, die Flüchtlinge in Erdberg zu beschäftigen“, sagt Adi Solly, der die Aktion für den Klub betreut. Statt Unterstützung habe es bürokratische Auflagen gegeben.
Die Eingeladenen, die mit vier Bussen nach Hernals angereist sind, haben sich auf der Friedhofstribüne und der Tribüne an der Kainzgasse längst unter das gewohnte Publikum gemischt. Man bitte um Verständnis dafür, dass es auf den Stammplätzen heute ein wenig enger werden könne, hat der Verein vorsichtshalber zu Beginn des Spiels durchgesagt. Traiskirchens Bürgermeister Andreas Babler, der auch den Ehrenankick übernommen hat, findet in seiner Ansprache deutliche Worte: „Wir müssen davon wegkommen, Flüchtlinge als Problem anzusehen, und sollten sie stattdessen gerne aufnehmen. Damit appellieren wir auch an die Regierung.“
Profifußball für Asylwerber
Es sind längst nicht nur der Sportklub und seine sozial engagierte Fanszene, die in diesen Wochen aktiv werden: Die Aktionen reichten bereits durch alle Ligen und von Wien bis Innsbruck. So lud Rapid zum Saisonauftakt gegen Ried 160 Flüchtlinge ins Happel-Stadion ein. Grödig trat zwei Spieltage später zu Hause zufällig gegen den gleichen Gegner an, als der Klub 48 Flüchtlinge aus ihrer Unterbringung in Thalgau abholte und kostenlos an der Partie teilnehmen ließ. Ende August begrüßte Zweitligist Wacker Innsbruck beim Heimspiel gegen Lustenau 300 Personen aus einem nahe gelegenen Flüchtlingsheim im Tivoli-Stadion. In der zweiten Liga hat auch Austria Salzburg am fünften Spieltag zur Partie gegen den FAC die Asylwerber des Wohnprojekts der Volkshilfe im Ausweichquartier Schwanenstadt willkommen geheißen.
Zu einer medial umrahmten „Aktion für die Menschlichkeit“ rief Anfang August die Admira auf. Dabei wurden auf dem Stadiongelände Trainingsanzüge, Sportschuhe, Bälle und Rucksäcke gesammelt. Schon mit Beginn der Saison hatte man das Schlüsselwort „Herzblut“ als Hashtag eingeführt, das eigentlich für die beständige Kampfbereitschaft der Mannschaft stehen sollte. Durch die zunehmend prekären Zustände im nahe gelegenen Flüchtlingslager Traiskirchen habe der Begriff für den Verein inzwischen eine weitere Bedeutung bekommen, wie Manager Alexander Friedl sagt. Der Klub drehte ein Video, das nach dem Vorbild der Antirassismuskampagne der UEFA die Spieler der Kampfmannschaft in Nahaufnahmen zeigt. „Wir stehen für Fairplay, Toleranz, Solidarität, Integrität und Offenheit. Wir unterscheiden nicht nach Herkunft, Hautfarbe oder Religion“, besagen die Zwischentitel. „Gleichgültig, welchem Verein Sie sich zugehörig fühlen“, so der anschließende Aufruf zur Aktion, „an diesem Tag unterstützen wir gemeinsam ein besonders wichtiges Vorhaben.“
Klare Haltung
Die Kooperation der Wiener Austria mit dem FAC wurde zu Saisonbeginn eigentlich zum Austausch von talentierten Amateuren ins Leben gerufen, angesichts der Flüchtlingssituation schlugen die Floridsdorfer aber kurzfristig vor, sich außerdem gemeinsam sozial zu engagieren. Der Reinerlös in der Höhe von 7.000 Euro aus einem Testspiel der beiden Klubs Anfang September am FAC-Platz kam dem Arbeiter-Samariter-Bund für die Betreuung minderjähriger Flüchtlinge zugute. „Wir haben die Idee großartig gefunden und wollten uns sehr gerne beteiligen“, sagt Markus Kraetschmer, Finanzvorstand der Wiener Austria. Der Bundesligist hat zudem bereits beim ersten Heimspiel gegen Altach 30 Flüchtlinge ins Horr-Stadion eingeladen und plant, die Aktion zu wiederholen. Außerdem solle interessierten Flüchtlingen so bald wie logistisch und bürokratisch möglich ein regelmäßiges Training in der Akademie angeboten werden.*
„Unsere Aktionen sind bislang ausschließlich positiv aufgenommen worden“, sagt Kraetschmer. „Sollte es aber negative Kritik geben, würden wir uns dieser entschieden entgegenstellen.“ So hielt es auch der FAC, als auf dessen Facebook-Seite vereinzelte Äußerungen des Unmuts über das Benefizspiel aufgetaucht waren. „Der ‚richtige‘ Reisepass darf niemals eine Voraussetzung für Nächstenliebe und Menschlichkeit sein“, antwortete der Klub.