Die frühen 1990er Jahre waren eine Zeit der Personalrochaden im ÖFB – zumindest auf dem Teamchefposten. Josef Hickersberger, Alfred Riedl, Didi Constantini und Ernst Happel gaben einander in kurzen Abständen die Klinke in die Hand. Nach Happels Tod wurde im Jänner 1993 Herbert Prohaska zu seinem Nachfolger ernannt. Dessen Job als U21-Teamchef wiederum übernahm der erst 37-jährige Bruno Pezzey. Die ÖFB-Spitze baute auf die Spieler der 1978er-Generation.
Innsbruck statt Köln
Pezzey hatte schon während seiner aktiven Karriere mit der Trainerausbildung begonnen und diese 1991 abgeschlossen. Seine ersten Meriten verdiente er sich als U18-Coach im Leistungszentrum des FC Tirol. „Bruno wollte zuerst im Nachwuchs Erfahrung sammeln, weil er gewusst hat, dass man als junger Trainer Fehler macht, die im Profibereich weitreichende Auswirkungen haben können“, sagt Gerhard Hitzel, von 1990 bis 2007 Chef der Trainerausbildung im ÖFB. Pezzey soll damals sogar ein Angebot des 1. FC Köln ausgeschlagen haben. Anstatt eines Wiedersehens mit den großen Bundesliga-Stadien blieb er auf den Tiroler Trainingsplätzen, bis er dem Ruf des ÖFB folgte. „Pezzey war ein großer Hoffnungsträger, weil er alle Voraussetzungen für einen guten Trainer mitgebracht hat“, sagt der damalige ÖFB-Präsident Beppo Mauhart. „Er war eine gefestigte Persönlichkeit mit großer internationaler Erfahrung und konnte sehr gut mit Menschen umgehen.“
Das Auftaktjahr als Teamchef verlief jedoch enttäuschend. Österreichs U21 beendete die EM-Qualifikation als Gruppenletzter und lief dabei unter anderem in ein 0:6-Debakel in Israel. Pezzey begann zu grübeln. In seinem Kader fanden sich nur wenige Spieler mit großem Potenzial wie Markus Schopp, Roman Mählich und Harald Cerny. Pezzey suchte die Erklärung für den Talentemangel in der Ausbildung – im Nachwuchs werde zu viel Wert auf Kraft und Ausdauer gelegt. „Er hat kritisiert, dass wir uns zu sehr am körperbetonten Spiel der Deutschen orientieren, und wollte im technisch-taktischen Bereich Akzente setzen“, sagt Hitzel. „Pezzey hat für jeden Spieler einen individuellen Plan entwickelt und mit ihm daran gearbeitet.“ Dabei sei eine seiner Stärken zum Tragen gekommen – der Blick fürs Wesentliche. „Er hat nicht herumgeschwafelt, sondern den Spielern mit wenigen Sätzen klargemacht, wie sie sich verbessern können.“ Diese Einschätzung unterschreibt auch Markus Schopp. „Seine Anweisungen waren sehr detailliert und positionsspezifisch. Ich habe ihn extrem positiv in Erinnerung – vor allem wegen der Art, wie er mit uns kommuniziert hat“, sagt der heutige Amateurtrainer des SK Sturm. „Pezzey war anders, als ich es damals auf Vereinsebene gewohnt war. Wir hatten großen Respekt vor ihm. Er hat sich aber nie etwas darauf eingebildet, was er als Spieler erreicht hat.“
Lernen von den Wintersportlern
Auf der Suche nach Optimierung ging Pezzeys Blick auch über den fußballerischen Tellerrand hinaus. „Er hat sich gefragt, warum wir im Skisport viel erfolgreicher sind, und versucht, Querverbindungen zwischen den Sportarten herzustellen“, sagt Robert Trenkwalder, langjähriger Trainer des österreichischen Skiverbands und heute Betreuer von US-Skifahrerin Lindsey Vonn. „Bruno hat sich die Biografien von Weltmeistern und Olympiasiegern angeschaut, mit ihnen gesprochen und ihren Werdegang analysiert“, erzählt Trenkwalder, der mit Pezzey während dessen erster Etappe in Innsbruck Freundschaft geschlossen hatte. „Es hat ihn brennend interessiert, wie sie von klein auf trainiert haben, um so erfolgreich zu werden.“
Einen Schlüssel dafür sah Pezzey in der Disziplin, die er den Spielern vorlebte. Wer sich seinen Anforderungen widersetzte, wurde aussortiert wie Michael Pokorny, der nach einer leicht verspäteten Ankunft im Teamcamp gleich wieder abreisen musste. „Bruno war ein Reformer. Er hat versucht, wissenschaftlich an die Sache heranzugehen“, sagt Trenkwalder. „Den Fußball hat er mit einem Kasten verglichen. Er hat immer gesagt: ,Du musst alle 20 Schubladen nacheinander ordnen, damit sich ein ordentliches Gesamtbild ergibt.'“
Zarte Verbesserungen
Um dieses Ziel zu erreichen, forderte Pezzey professionellere Strukturen in den Nachwuchszentren, aber auch breitenwirksame Maßnahmen wie die tägliche Turnstunde in der Schule. Als Ergebnis gemeinsamer Überlegungen präsentierten Pezzey und Teamchef Prohaska im Oktober 1993 ein Reformkonzept für die Nachwuchsförderung. Zentrale Punkte waren die Abschaffung der parallel zur Bundesliga ausgetragenen U20-Meisterschaft, eine Aufwertung der Jugendliga und eine verpflichtende Quote von vier U21-Spielern in den Kadern der Profiklubs, die einen schnelleren Einbau von Talenten fördern sollte. Die Reformen wurden von ÖFB und Bundesliga abgesegnet, auch wenn sich in einigen Klubs Widerstand wegen eines befürchteten Nachteils in internationalen Bewerben regte.
1994 ging es mit Pezzeys U21-Team zunächst bergauf. Fünf Siegen am Stück folgten jedoch zwei Niederlagen in der EM-Qualifikation gegen England und Portugal. „Wir werden weiter zurückfallen, wenn sich nichts ändert“, resümierte Pezzey und forderte eine Aufstockung der finanziellen Mittel für den Nachwuchs. „Gute Trainer wollen gut bezahlt werden, doch Österreich lässt sich die Jugend vergleichsweise nichts kosten.“
Eine Veränderung in diesem Bereich sollte Bruno Pezzey nicht mehr erleben. Mit seinem überraschenden Tod zu Silvester 1994 ging dem ÖFB ein unbequemer, aber vielversprechender Trainer verloren. „Für mich war Pezzey ein Teamchefkandidat“, sagt Mauhart. „Er wäre der logische Nachfolger von Herbert Prohaska gewesen.“
Mitarbeit: Clemens Zavarsky