Zum ersten Mal seit 25 Jahren sollten am 10. November Salernitana und Nocerina aufeinandertreffen. Die Städte der beiden Mannschaften liegen in Kampanien, an den südlichen Ausläufern des Ballungsraums Neapel. Sie sind keine 20 Kilometer voneinander entfernt, die mediale Aufmerksamkeit ist groß, der Fernsehsender RaiSport überträgt das Drittligaspiel sogar live. Doch die Begegnung entwickelt sich zur Farce, die Nachwehen zu Kriminalfällen.
Sinnloser Fanausweis
Wenige Tage vor dem Spiel entscheidet Antonio De Iesu, der Polizeichef von Salerno, das Spiel ohne Gästefans austragen zu lassen. Er befürchtet Ausschreitungen zwischen den Fanlagern. Die Ultras aus Nocera Inferiore haben einen schlechten Ruf, schon zum Saisonstart im August ist es vor dem Heimspiel gegen Perugia zu gewalttätigen Vorfällen gekommen. Die Ultras fühlen sich durch das Auswärtsfahrverbot diskriminiert. Zu einem Großteil sind sie seit über vier Jahren Besitzer der „Tessera del Tifoso“. Der umstrittene Fanausweis ist das Instrument, mit dem die Politik die Kurven zügeln wollte. Die Nocerina-Ultras haben sich gebeugt. Nach Abgabe ihrer persönlichen Daten und der Prüfung durch die Behörden sollte es ihnen erlaubt sein, Auswärtsspiele zu besuchen. Trotzdem verbietet es ihnen die Polizei von Salerno, die „Tessera del Tifoso“ entpuppt sich als sinnlos. Die Ultras beschließen, sich an ihre Mannschaft zu wenden. Nur Stunden vor dem Anpfiff besuchen sie das Teamquartier. Was ab diesem Zeitpunkt bis zum Spielbeginn passiert, ist heftig umstritten.
Die Ereignisse danach sind hingegen bekannt – und schaffen es in die Nachrichten auf der ganzen Welt. Die Nocerina-Mannschaft fährt zwar nach Salerno, will zunächst aber nicht antreten. Erst auf Drängen von Polizeichef De Iesu, der die Spieler in der Umkleidekabine besucht, betritt sie mit 40 Minuten Verspätung das Feld. Schon in der ersten Minute wechselt Nocerina-Trainer Gaetano Fontana dreimal aus. In der dritten Minute verletzt sich Lorenzo Remedi. Es folgen Edmund Hottor, Domenico Danti und Petar Kostadinovic. Als Franco Lepore in der 21. Minute mit einem Gebrechen ausscheidet, muss der Schiedsrichter die Partie aus Spielermangel abbrechen. Die Nocerina-Kicker flüchten unter wüsten Beschimpfungen der Heimfans in den Spielertunnel.
Schande oder Solidarität?
Am nächsten Morgen bezeichnet die Tageszeitung Gazzetta dello Sport das Spiel als Derby der Schande. So wie zahlreiche andere Medien macht sie die Nocerina-Ultras für den Spielabbruch verantwortlich. Als Belege gelten ein Kleinflugzeug, das mit der Botschaft „Respekt für Nocera und die Ultras“ über das Spielfeld gekreist ist, und die Aussagen von Polizeichef De Iesu. Er sagt, dass er bei seinem Besuch in der Kabine, die „Angst in den Augen der Spieler“ gesehen habe. Die Ultras hätten sie eingeschüchtert, Morddrohungen sollen gefallen sein. Die Ultras streiten das ab. „Wir haben niemanden bedroht, wir haben unserem Trainer und unseren Jungs nur gesagt, dass eine eindeutige Geste der Ungerechtigkeit Ausdruck verleihen würde, die uns angetan worden ist“, heißt es in einer Stellungnahme. Weiters schreiben sie: „Es war ein Akt der Solidarität, ein ziviler Ungehorsam. Wenn wir wirklich gewalttätig hätten sein wollen, wären wir trotz des Verbots nach Salerno gefahren.“
Nach zwei Wochen des Schweigens meldet sich auch Nocerina-Manager Gigi Pavarase wieder zu Wort. „Wir haben da nichts vorsätzlich gedreht“, sagt er. „Ich bin seit 30 Jahren im Fußball, da hätte ich doch etwas Glaubwürdigeres konstruiert.“ Kurz nach dem Spiel hatte er noch gesagt, dass sich die Spieler nicht ordentlich aufgewärmt hätten und daher unter muskulären Problemen litten, nun macht er die psychologische Belastung durch die Drohungen für die Verletzungsserie verantwortlich. Die Fans kontern erneut. Die Gespräche vorm Mannschaftshotel hätten in Hörweite der anwesenden Sicherheitskräfte stattgefunden, eine Bedrohung der Spieler wäre gar nicht möglich gewesen, ohne dass die Polizei eingeschritten wäre. Aussage steht gegen Aussage. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Nötigung, 15 Nocerina-Fans wurden verhaftet, allerdings wegen der Vorfälle beim Perugia-Spiel. Noch mehr Sprengstoff könnten die Untersuchungen der Sportjustiz bergen, die wegen Sportbetrugs gegen Nocerina ermittelt. Langjährige Sperren für die Spieler und der Zwangsabstieg stehen im Raum. Die Tageszeitung La Repubblica berichtete auf ihrer Website, dass in einem Zwischenbericht der Ermittler Nocerina-Funktionäre namentlich erwähnt werden, die die Spieler auf der Busfahrt nach Salerno zu einem schnellen Ende der Partie aufgefordert und ihnen eindringlich empfohlen hätten bei möglichen Befragungen anzugeben, Morddrohungen erhalten zu haben. Die Kurve von Nocerina ist unterdessen in einen Protest getreten und bleibt bis auf Weiteres leer.