Die Besucher erwarte eine bildorientierte Zeitreise durch die Epochen, sagt Sebastian Ruff am 25. Juli im Ephraim-Palais in Berlin-Mitte. Er ist Kurator des Stadtmuseums Berlin, das hier gerade seine jüngste Sonderausstellung eröffnet: „Hauptstadtfußball. 125 Jahre Hertha BSC & Lokalrivalen“. „Es handelt sich um eine Ausstellung von den Fans für die Fans“, ergänzt Bernd Schiphorst, früher Präsident und heute Aufsichtsratsvorsitzender von Hertha BSC. „Mit vielen kleinen Sensationen und Fundstücken.“ Der Andrang der Journalisten ist groß, der kleine Raum platzt aus allen Nähten, und das großgenähte Vereinsmaskottchen Herthinho zwängt sich auf das letzte freie Plätzchen. Während der Funktionär spricht, schreibt der ehemalige Spieler Erich „Ete“ Beer noch schnell ein Autogramm, viele weitere werden heute folgen.
Vergessene Legenden
Auf den Tag genau vor 125 Jahren, am 25.Juli 1892, hatten einige Fußballenthusiasten um die Brüder Fritz und Max Lindner im Berliner Arbeiterbezirk Wedding den Verein unter dem Namen Fußball-Club Hertha gegründet. Die Entwicklung von den Anfängen als Zeitvertreib junger Männer bis in die aktuelle Zeit als Europa-League-Teilnehmer führt als roter Faden durch die Schau. 125 Originalobjekte illustrieren diese Zeitreise in elf Kapiteln, rund ein Drittel stammt von der aktiven Fanszene. Zu den wichtigsten Exponaten gehören die Originalgründungsstatuten sowie eine Replik der „Viktoria“, des früheren Meisterpokals. Auf drei Stockwerken werden die Vereinsabschnitte in chronologischer Reihenfolge thematisiert. Jeder Periode ist ein Herthaner an die Seite gestellt. Etwa Johannes Sobek, Star der Mannschaft, die Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre sechsmal in Folge ins Finale um die deutsche Meisterschaft einzog und 1930 und 1931 den Titel holte. Weitere Legenden sind Helmut Faeder, Erich Beer, Axel Kruse und Marcelinho sowie die Funktionäre Wilhelm Wernicke und Wolfgang Holst. Auch der spätere Weltmeistertrainer Helmut Schön, der nach seiner Flucht in den Westen ein halbes Jahr bei der Hertha spielte, findet Beachtung.
Im Abschnitt „Jüdischer Fußball in Berlin“ wird Hermann Horwitz dem Vergessen entrissen. 1943 wurde der Vereinsarzt der Hertha nach Auschwitz deportiert, im nationalsozialistischen Vernichtungslager verliert sich seine Spur. Das Leben und Wirken des Mediziners, der die Mannschaft in den Meisterjahren 1930 und 1931 betreute, wurde in einem Anfang 2016 von der Fanbetreuung initiierten Projekt rekonstruiert. Vereinsarchivarin Juliane Röleke und Hertha-Fans haben dazu gemeinsam recherchiert. Als Resultat ist nun die Broschüre „Dr. Hermann Horwitz. Eine Spurensuche“ entstanden.
Mehr als ein Klub
Bei der Eröffnung hebt Museumsdirektor Paul Spies die Bedeutung des Fußballs für die gesellschaftspolitische Entwicklung Berlins hervor. Die Ausstellung wird thematisch über den erfolgreichsten Berliner Verein hinaus erweitert, indem der Entwicklung der Hertha in jedem Zeitabschnitt ein zusätzlicher Berliner Klub zur Seite gestellt wird. Alle wichtigen Lokalrivalen sind vertreten und mit dem Armeesportklub Vorwärts, BFC Dynamo und Union Berlin auch der Fußball in der ehemaligen DDR. Neben den bekannten Vereinen werden auch weniger prominente wie der SC Hakoah Berlin behandelt. Der Klub war 1924 nach einem Gastspiel der Wiener Hakoah von Berliner Juden gegründet worden.
Den verschiedenen Sportplätzen ist ein eigener Abschnitt der Ausstellung gewidmet – von den Stadien der Frühzeit über die legendäre „Plumpe“, das Stadion am Gesundbrunnen, in dem die Hertha fast 40 Jahre lang spielte, bis zum Olympiastadion in Spandau. Auch die Spielstätten der Lokalrivalen werden gewürdigt. In der facettenreichen Vereinsgeschichte werden auch negative Themen wie die Spielmanipulation im sogenannten Bundesliga-Skandal 1971 und der Beinahe-Lizenzverlust 1995 in der zweiten Liga nicht ausgespart. Mit einem Blick in die Zukunft und zu den aktuellen Diskussionen über einen Stadionneubau endet die Ausstellung. „Hauptstadtfußball“ bietet einen guten Überblick über die Geschichte der Hertha und Anknüpfungspunkte zu weiteren Berliner Klubs, die allerdings umfangreicher ausfallen hätten können, um dem Titel wirklich gerecht zu werden. Die Bedeutung von Fankultur wird häufig betont, doch bleibt die Auseinandersetzung mit diesem Aspekt recht oberflächlich. Eine Berücksichtigung des Berliner Frauenfußballs fehlt nahezu völlig. Abgerundet wird die Ausstellung im Foyer durch einen Museumsshop, der die unvermeidlichen Merchandiseprodukte vom Flaschenöffner bis zum Jubiläumstrikot mit den wichtigsten Berliner Sehenswürdigkeiten auf Textil anbietet – allerdings auch ein umfangreiches Sortiment an Fachliteratur zum Berliner Fußballgeschehen. Dort sind zudem der mit vier Euro preiswerte Ausstellungskatalog sowie die Publikation zu Horwitz erhältlich.
Die Ausstellung ist noch bis 7. Jänner 2018 im Berliner Stadtmuseum zu sehen. Neben mehreren Diskussionsrunden wird in den kommenden Monaten zudem eine Filmreihe in Kooperation mit dem 11mm-Festival angeboten. Wer selbst sportlich aktiv sein will, kann im Zuge der seit 2015 bestehenden „Fußball Route Berlin“ auch Hertha-Touren per Fahrrad durch die Stadt absolvieren. Sobald die Schautafeln im Ephraim-Palais abgebaut und die 125 Objekte verstaut sind, sieht es mit der Sichtbarkeit der Fußballgeschichte allerdings wieder düster aus, denn noch hat Hertha BSC kein eigenes Vereinsmuseum.