Es ist fast ganz still in Kapfenberg. Als die Partie zwischen dem Kapfenberger SV und Blau-Weiß Linz angepfiffen wird, sind kaum 100 Leute im Franz-Fekete-Stadion. Die Stimmen der Spieler sind auf der Haupttribüne gut zu hören, die Trainer müssen ihre Ansagen von der Seitenlinie nicht einmal schreien. Erst als die 15 mitgereisten Linzer mit zehnminütiger Ver-spätung eintreffen, kommt etwas Stimmung auf. Es ist ein Dienstagabend Mitte März, ein Nachtragsspiel in der zweithöchsten Spielklasse. Beide Teams befinden sich aktuell im Tabellenkeller, der Achte trifft auf den Letzten, nächstes Jahr werden sie wohl zu den Stützen der neuen zweiten Liga zählen. Die Erste Liga, wie sie offiziell heißt, wird es dann nicht mehr geben. Sie wird von zehn auf 16 Teams aufgestockt, Amateurteams der Bundesligisten sind dann ebenso zugelassen wie Amateurvereine ohne Profi im Kader. Liveübertragungen im Fernsehen wird es voraussichtlich nicht mehr geben. Die Lizenzbedingungen werden aufgeweicht: Statt wie bisher 1.000 überdachte Sitzplätze benötigen die Stadien dann etwa nur noch insgesamt 1.000 Plätze. „Fußball pur“ verspricht die Bundesliga, ein Gegenmodell zur ebenfalls reformierten höchsten Spielklasse, die sich über ihren Eventcharakter definieren soll. Der pure Fußball muss mit wenig Geld auskommen, die TV-Erlöse bleiben in Zukunft zu einem viel größeren Ausmaß bei den reicheren Klubs.
Zwischen Horn und Lafnitz
Das Interesse am neuen Format hätten sich die Bundesliga und der ÖFB wohl anders vorgestellt – vor allem im Westen des Landes. Ursprünglich sollte die Aufstockung auf 16 Teams durch jeweils drei Aufsteiger aus den Regionalligen erfolgen. Doch aus der Regionalliga West will bis auf die Zweitmannschaft von Wacker Innsbruck niemand in die zweite Liga. Im Osten und der Mitte bemüht sich immerhin eine Handvoll Teams um den Aufstieg. Neben den Amateurvertretungen von Austria, LASK, Rapid und Sturm sind das der SV Horn, Vorwärts Steyr, der SV Lafnitz, der SKU Amstetten, Austria Klagenfurt, der SV Allerheiligen und der FC Karabakh. Ob die festgelegte Regelung möglicherweise aufgeweicht wird und es aus den zwei interessierten Regionalligen mehr Aufsteiger geben wird, steht noch nicht fest. „Wir werden das diskutieren“, sagt Bundesliga-Vorstand Reinhard Herovits dem ballesterer.
Die potenziellen Zweitligisten unterscheiden sich stark. Der SV Horn, der zu Redaktionsschluss die Regionalliga Ost anführt, kennt den Profibetrieb. Er spielte in den letzten sechs Jahren immerhin vier Saisonen in der Ersten Liga, im Sommer 2017 stieg der Klub trotz seiner japanischen Investoren ab. Die finanzielle Unterstützung der Honda-Gruppe ist seither geringer und der Ton merklich leiser geworden, die Champions League gilt nicht mehr als Ziel. Das Stadion in Horn wurde 2012 um 1,2 Millionen Euro saniert, seither bietet es 4.000 Zuschauern Platz. „Wir wollen uns in der zweiten Liga etablieren“, sagt Obmann Rudolf Laudon. „Aber wir werden unseren Kader nicht groß verändern.“
Das wird auch der SV Lafnitz nicht. Der Tabellenführer der Regionalliga Mitte bewarb sich heuer erstmals um die Spielberechtigung in der zweiten Liga, dafür wollen die Steirer aber nicht viel verändern. „Wenn wir aufsteigen, werden wir so weitertun wie bisher“, sagt Bernhard Loidl, Obmann und Geschäftsführer des Hauptsponsors. „Auch beim Budget wird sich nicht viel tun, mit Ausnahme der Förderung durch die Bundesliga.“ Bisher bewegt sich der Etat der Oststeirer im sechsstelligen Bereich, mit den Geldern der Liga wird die Millionengrenze wohl überschritten. Der SV Lafnitz spielt am örtlichen Sportplatz, eine Haupttribüne mit vier Sitzreihen steht dort an der Längsseite, eine kleine, überdachte Stehplatztribüne für rund 50 Zuschauer hinter dem Tor. Im Falle eines Aufstiegs sei dann eben der der Klassen-erhalt das Ziel, sagt Obmann Loidl.
Um das Erreichen dieses Ziels muss sich heuer kein Zweitligist Sorgen machen. Durch das überschaubare Interesse wurde der Plan der Bundesliga, den Letzten gegen einen der Regionalligisten in der Relegation antreten zu lassen, verworfen. Darüber ist David Wimleitner, Sportdirektor von Blau-Weiß Linz, nicht unglücklich. Bis zum 4:1-Erfolg in Kapfenberg lagen die Linzer auf dem letzten Tabellenplatz. „Wir wissen wirklich nicht, wie die Liga nächstes Jahr sportlich und finanziell aussehen wird“, sagt er. Mit Wacker Innsbruck und der SV Ried könnten der Liga auch die zwei Publikumsmagneten abhandenkommen. 1.424 Zuschauer verzeichnen Partien der Ersten Liga im Schnitt. In Innsbruck sind es 2.900, in Ried 3.400. Sonst hält nur Austria Lustenau bei einem Schnitt über 1.000 Besuchern. Still ist es also nicht nur in Kapfenberg.
Keine Nostalgie
„Ich erinnere mich noch gut an unsere Zeit in der Zweiten Division“, sagt Hubert Nagel. Der Textilfabrikant ist seit 1997 Präsident von Austria Lustenau. „Damals haben wir auf Plätzen gespielt, auf denen der Rasen nicht mehr gemäht worden ist, weil die Vereine den Platzwart nicht bezahlen konnten.“ Nagel erzählt von Stadionkantinen, die noch vor der Halbzeit ausverkauft schließen mussten, da sich die Klubs den Vorschuss für den Einkauf größerer Mengen nicht leisten konnten.
Die Zweite Division bestand von 1993 bis 1998, auch damals spielten 16 Vereine um den Aufstieg in die höchste Spielklasse. Nur drei davon, Schwarz-Weiß Bregenz, Vorwärts Steyr und die Lustenauer Austria, konnten regelmäßig über 1.000 Zuschauer in ihre Stadien bringen. „Das wird wieder so werden“, sagt Nagel. „Die ambitionierten Teams müssen aufsteigen. Wenn sie sich dabei übernehmen, könnte es sein, dass manche eben in Konkurs gehen.“ Zweitdivisionäre wie der Wiener Sport-Club und der Favoritner AC zogen sich damals nach finanziellen Schwierigkeiten aus dem Bewerb zurück, Vorwärts Steyr verschuldete sich dermaßen, dass der Verein 2000 den Spielbetrieb einstellen musste. Schließlich wollten die Klubs selbst die Zweite Division nicht mehr, fünf nahmen im Juni 1998 den Abstieg in Kauf, die Spielklasse wurde auf zehn Teams reduziert. „Man kann nicht in die Zukunft schauen“, sagt Nagel. „Aber aus der Vergangenheit lernen.“
Man habe sehr wohl dazugelernt, betont die Bundesliga. Ihr Blick aber reicht vor allem in die jüngere Vergangenheit. Konfrontiert mit der Kritik an der Liga-reform, verweist Vorstand Herovits zunächst auf die Saison 2015/16. Damals war der Hype um eine Liga mit Austria Salzburg, Wacker Innsbruck und dem LASK groß. „Und dann ist die Traditionsliga plötzlich zur Todesliga geworden“, sagt er. Schon während der Hinrunde mussten die Salzburger einen Insolvenzantrag stellen, der Klagenfurter Austria wurde die Lizenz entzogen. Der Bundesliga-Absteiger Grödig wollte erst gar nicht in dieser Liga spielen und ging freiwillig direkt in die Regionalliga. „Es gibt einfach keine 20 Profiteams in Österreich“, sagt Herovits. Eine Drehscheibe zwischen Profifußball und Amateurbereich soll die Liga werden, das schwebt der Bundesliga vor. Jene Klubs, die Ambitionen nach oben haben, sollen den Anschluss an die Bundesliga nicht verlieren; solche, die in der zweiten Liga am Zenit angekommen sind, eine bundesweite Bühne bekommen.
Das Ende der Solidarität
Lustenau-Präsident Nagel vermutet allerdings einen anderen Hintergrund der Reform. „Die Bundesligisten beschweren sich immer, dass sie von den Milliarden der Champions League nichts abbekommen“, sagt er. „Aber selbst sind sie auch nicht solidarisch. Sie wollen das TV-Geld unter sich aufteilen.“ Die Finanzierung der Liga wird radikal umgekrempelt. Denn die Bundesliga vermarktet die Fernsehrechte der ersten beiden Ligen nicht mehr gemeinsam, der jüngste Deal mit dem Bezahlsender Sky gilt nur für die oberste Spielklasse. Für die Finanzen der Zweitligaklubs hat das dramatische Folgen. Statt wie bisher ein Fixum von 450.000 Euro kann ein Klub künftig maximal 350.000 Euro an Förderungen lukrieren. Und auch das nur, wenn er die Lizenzbedingungen der höchsten Spielklasse erfüllt. Dafür steht der zweiten Liga die eigenständige Vermarktung ihrer TV-Rechte offen. Das Interesse dafür aber hält sich in Grenzen. Ziel sei eine Highlightshow im Fernsehen, vier Livepartien pro Saison wären das I-Tüpferl, wie es Ligavorstand Herovits nennt.
Die zweite Liga droht von der Bundesliga abgehängt zu werden. Die Aufkündigung der gemeinsamen TV-Vermarktung ist ein Schritt in diese Richtung. „Die Kluft wird innerhalb der Liga immens sein“, sagt Blau-Weiß-Sportdirektor Wimleitner. „Aber nach oben wird sie noch größer sein.“ Bei der Bundesliga versucht man in der Zwischenzeit, die Lage zu beruhigen. In der Vergangenheit wurde die zweithöchste Spielklasse regelmäßig reformiert. Nach dem Ende der Zweiten Division 1998 folgte 2006 die Aufstockung auf zwölf Teams, 2010 ging man zurück zur Zehnerliga. Die Abstiegsmodalitäten änderten sich genauso häufig. „Wir haben immer geschaut, was funktioniert und was nicht und entsprechend gehandelt“, sagt Herovits. „Das neue Format ist auch nicht in Stein gemeißelt, aber man muss ihm eine Chance geben.“