Ronald Reagan, Jacob Zuma, Joseph Blatter, Donald Trump – diese Herren eint, dass sie als „Teflon-Präsident“ tituliert wurden. Diese Bezeichnung würde auch hervorragend zu Angel Maria Villar passen, dem Langzeitchef des spanischen Fußballverbands RFEF. Seit Jahren tauchten immer wieder Anschuldigungen gegen ihn auf, doch der bestens vernetzte Funktionär kam stets mit einem blauen Auge davon. Er war Vizepräsident von FIFA und UEFA, im europäischen Verband bekleidete er von 2015 bis 2016 gar den Posten des Interimspräsidenten, als Michel Platini wegen der Verstrickungen ins korrupte System Blatter den Sessel hatte räumen müssen. Der spanische Staatsgerichtshof wirft Villar nun Delikte vor, die Platinis Verstöße gegen die Ethikregeln der FIFA weit in den Schatten stellen. Die Palette reicht von Korruption bis zur Dokumentenfälschung. Bei früheren Skandalen hatte Villar die Schuld meist auf ehemalige Mitarbeiter der Geschäftsstelle geladen, das wird diesmal nicht so leicht sein. Schließlich wurden die Telefone des RFEF drei Monate von der Staatsanwaltschaft angezapft und Beweise gesammelt. Dazu hat Villar diesmal mit seinem Sohn Gorka einen Klotz am Bein, den er wohl nicht ohne Weiteres für seine Rettung opfern wird.
Baskische Bilderbuchkarriere
Nach Anfängen bei kleineren Teams wie Galdakao und Getxo spielte Villar die gesamten 1970er Jahre für Athletic Bilbao. Dazu lief er für das inoffizielle baskische Nationalteam und 22-mal für das spanische Nationalteam auf. Neben dem Sport studierte er Jus, 1978 gehörte er zu den Gründern der Spielergewerkschaft AFE. Unmittelbar nach seiner aktiven Laufbahn begann er 1981, die Karriereleiter eines Fußballfunktionärs zu erklimmen. Zuerst wurde er Präsident der Region Bizkaia, bald darauf des Baskenlands. 1988 war er am Ziel und präsidierte fortan dem nationalen RFEF.
Trotz einzelner Gegner im Vorstand konnte sich Villar stets einer Mehrheit am Wahltag gewiss sein. So klassisch sein Aufstieg war, so klassisch soll er sich die Loyalität der Funktionäre gesichert haben: Gefälligkeiten materieller und immaterieller Art, von Luxusreisen im Schlepptau olympischer Komitees bis zu Jobs für Familienangehörige im weitverzweigten Universum des Verbands. Und natürlich Geld. In einem Mitte Juni von der Polizei aufgezeichneten Gespräch zwischen Villar und dem kantabrischen Verbandspräsidenten Jose Angel Pelaez soll der getreue Funktionär seinem Chef nach Erstellen des RFEF-Budgets versichert haben, dass man mehr als 5,2 Millionen Euro auf der Seite gelassen habe, die jährlich unter den Territorialverbänden aufgeteilt werden könnten. Villar könne frei darüber verfügen, da die Summe in den Bilanzen gar nicht auftauche, berichtet der Radiosender Cadena Ser. Seriöse Schätzungen über die Höhe der insgesamt veruntreuten Gelder gibt es nicht, eine zweistellige Millionensumme scheint angesichts der langen Amtszeit Villars nicht zu hoch gegriffen.
In den Medien werden mögliche Quellen genannt, die man für das mafiöse System angezapft habe: Einnahmen aus dem Toto, der Fonds für internationale Entwicklungshilfe, Versicherungsbeiträge der Amateurspieler. Statt in Libyen oder Haiti landete das Geld der Steuerzahler bei Delegierten des RFEF. Das hat vermutlich zu lange zu gut funktioniert. Bei den internationalen Verbänden rollten die Köpfe, in Spanien zerrt die Justiz nun Fußballstars und Mitglieder des Königshauses vors Gericht. Villar fühlte sich offenbar trotzdem sicher, hatte er doch einen Anwalt an seiner Seite, dem er blind vertraut: Gorka Villar.
Das Steak des Radfahrer
Der Jurist mit Spezialgebiet Sportrecht soll 2004 das erste Mal in der Geschäftsstelle des Verbands unangenehm aufgefallen sein, nachdem eine Wiederwahl des Vaters ungewohnt knapp ausgefallen war. Laut der Tageszeitung El Pais drohte er: „Ich werde mit allen Angestellten aufräumen, die meinen Vater leiden lassen haben.“ Obwohl Gorka Villar nie einen offiziellen Posten bei der RFEF ausgeübt hat, tauchte er immer wieder als Referent auf Tagungen oder als Organisator der Wahlkampagnen seines Vaters auf. Er kassierte bei der Vermittlung von Freundschaftsspielen, den TV-Rechten und Ticketverkäufen der Matches. Außerhalb der Welt des Fußballs trat er bisher nur einmal öffentlichkeitswirksam in Erscheinung: Als er den Radprofi Alberto Contador 2011 in seinem Dopingverfahren vor Gericht vertrat. In Spanien kamen Anwalt und Klient mit der Geschichte von einem mit verbotenen Substanzen verunreinigten Steak durch, vor internationalen Instanzen hielt das Urteil nicht.
Ein Freund des Vaters, der langjährige argentinische Verbandspräsident Julio Grondona, sorgte für den nächsten Karrieresprung Gorkas. Über dessen Vermittlung wurde er 2014 Generalsekretär des südamerikanischen Fußballverbands. Er hatte sich zuvor mit Projekten wie der Versteigerung der TV-Lizenzen der Copa Libertadores nützlich gemacht. Doch auch in Südamerika lässt sich mittlerweile nicht mehr ungestört fuhrwerken. Im Zuge der Ermittlungen von US-Gerichten zu Korruptionsfällen bei der FIFA wurde Gorka die Nötigung mehrerer uruguayischer Klubs vorgeworfen, die dem TV-Deal nicht zustimmen wollten. Villar Junior verließ den Posten im Juli 2016 und verstärkte nun wieder seine Aktivitäten in der Heimat.
Beim RFEF ging Gorka Villar ein und aus. Er arbeitete an einer neuen Vorstandsstruktur, die er seinem Vater mit den Worten „Du wirst zehn oder 15 Millionen mehr zum Ausgeben haben“ schmackhaft machte, wie El Pais aus den Protokollen zitiert. Im Juli klickten schließlich die Handschellen für beide Villars und weitere Funktionäre, die nach Zahlung der Kaution in Freiheit auf ihren Prozess warten. Angel Maria Villar ist von allen Posten zurückgetreten beziehungsweise enthoben worden. Ob und wofür er schuldig gesprochen wird, bleibt abzuwarten. Seine Ära scheint jedoch zu Ende. Interimspräsident des RFEF ist übrigens Juan Luis Larrea, langjähriger Schatzmeister des Verbands, Baske und enger Freund Villars.