Knapp 70 Jahre ist es her, dass der FC Bayern das Vereinsgelände an der Säbener Straße bezog. Möglich gemacht hatte den Umzug Präsident Kurt Landauer, der den Klub 19 Jahre leitete. Nun soll er dorthin zurückkehren – in Form einer Statue. „Ich wünsche mir, dass Kurt Landauer in weltmännischer Gelassenheit den Spielern beim Training zuschaut, die das Trikot tragen, an dessen Glanz er erheblichen Anteil hat“, sagt Florian Höpfl. Er ist einer von sieben Bayern-Fans, die Landauer eine Stiftung gewidmet haben. Bei der Präsentation im Dezember 2017 waren nicht nur hochrangige Klubfunktionäre wie Präsident Ulrich Hoeneß und Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge anwesend, sondern auch Uri Siegel. Der Neffe von Landauer hat vor einigen Jahren den Anstoß dafür geliefert, die Geschichte seines Onkels aus der Vergessenheit zu holen.
Später Stolz
Und diese Geschichte geht so: Landauer wurde 1884 als Sohn jüdischer Kaufleute nahe München geboren. Mit 17 schloss er sich dem FC Bayern an und spielte als Tormann der Reservemannschaft. Landauers große Talente lagen aber weniger im sportlichen als im organisatorischen Bereich. Mit 29 Jahren wurde er erstmals Klubpräsident und dann erneut von 1919 bis 1933: Landauer förderte die Nachwuchsarbeit, organisierte internationale Freundschaftsspiele und führte den FC Bayern 1932 zum ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten beendete den Erfolgslauf, Landauer wurde als Jude im November 1938 im Konzentrationslager Dachau interniert. Nach vier Wochen kam er frei und flüchtete einige Monate später in die Schweiz. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nach München zurück und wurde für vier weitere Jahre Präsident des FC Bayern. 1961 starb Landauer – und wurde vergessen.
Den Anstoß zur Wiederentdeckung gab ein Artikel in der Zeit über seinen Neffen Siegel und die jüdische Vergangenheit des deutschen Rekordmeisters. Die Ultras der „Schickeria München“ nahmen sich des Themas an. Seit 2006 trägt die Gruppe alljährlich ein antirassistisches Fanturnier in Gedenken an Landauer aus und erinnerte bereits mit drei großen Choreografien an den Ex-Präsidenten. Eine davon ziert das Cover des Buchs „Der FC Bayern und seine Juden“ von Dietrich Schulze-Marmeling. Spät kam diese Erinnerungsarbeit schließlich auch beim Verein an, 2011 äußerte sich die Klubführung erstmals zu ihrem Ex-Präsidenten. „Wir sind stolz auf diese jüdische Vergangenheit“, sagte Rummenigge und nannte Landauer den ersten modernen Präsidenten des Vereins. „Landauer war auf einmal überall“, sagt Stiftungssprecher Michael Linninger. Der lange Vergessene wurde zum Ehrenpräsidenten ernannt, ein Platz vor dem Stadion des FC Bayern erhielt seinen Namen, der TSV Maccabi München baute einen Kurt-Landauer-Sportplatz, und die ARD strahlte einen Spielfilm über sein Leben aus.
Einende BEGEISTERUNG
2015 erhielt die „Schickeria“ den Julius-Hirsch-Preis, mit dem der DFB besonderen Einsatz für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit auszeichnet. Das Preisgeld war nun die finanzielle Basis für die Gründung der Stiftung, die derzeit aus sieben Mitgliedern und etwa noch einmal so vielen aktiven Helfern besteht. „Wir haben unterschiedlichste Hintergründe und sind aus allen Ecken des Stadions“, sagt Linninger. „Uns eint, dass wir von Landauer begeistert sind.“ Ziel der Stiftung ist es, an Landauers Geschichte und die von ihm vertretenen Werte zu erinnern. Für die Fans bedeute das, Projekte im Sinne einer weltoffenen, fortschrittlichen und antirassistischen Gesellschaft zu fördern. „Landauer ist ein Vehikel, um Botschaften zu transportieren“, sagt Linninger.
Die Stiftung will Erinnerungsarbeit betreiben, Biografien von vergessenen Persönlichkeiten aus der Geschichte des FC Bayern erforschen. Dafür sollen Bildungsfahrten zu ehemaligen Konzentrationslagern organisiert werden. „Die Verbindung mit der Vereinsgeschichte weckt Interesse für diese Themen“, sagt Linninger. Über die Jahre haben die Stiftungsgründer Kontakte zu unterschiedlichen Münchner Organisationen wie dem Stadtarchiv, den Kammerspielen und der Straßenfußballliga „buntkicktgut“ aufgebaut, mit denen nun Kooperationen angedacht seien. Auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, war bei der Präsentation anwesend und würdigte das Engagement der Fans: „Freunde, herzlichen Dank.“ Übernommen hat die Stiftung bereits die Pflege von Landauers Grab, nun soll die Errichtung der Statue an der Säbener Straße folgen. Ein hoher fünfstelliger Betrag ist veranschlagt, bis zum Gründungstag des FC Bayern am 27. Februar soll das Geld per Spendensammlung zusammenkommen und die Statue im Sommer 2018 stehen. Linninger sagt: „Wir wollen, dass Kurt Landauer auf sein Lebenswerk blickt.“