Als die Spieler der Klubs Soldatenkomitee, Zündstoffrebellen, Rotwyfahne, Aufbruch und Bakunin im Spätsommer 1976 erstmals an der Züricher Sportanlage Hardhof eintrafen, war das auch für Platzwärtin Marcelle Elsener ein Ereignis. „Sie sind mit Kinderwägen, Müttern und Hunden gekommen“, erinnert sie sich. „Sie sahen abstrakt aus, nicht sehr gepflegt. Aber daran haben wir uns gewöhnt, denn sie waren sehr anständig.“ Der Aktivist und Hausbesetzer Koni Frei und der kommunistische Student Robert Wäschle hatten im Szeneblatt Zeitdienst zur Teilnahme an einer alternativen Fußballmeisterschaft aufgerufen. Bei einem Imbiss nach den Spielen, war dort zu lesen, könnten „die neuesten Spaltungen der verschiedenen politischen Gruppierungen und die chinesische Außenpolitik diskutiert werden“. Die beiden wollten damit der vorherrschenden Überzeugung, als Linker habe man sich vom Fußball fernzuhalten, etwas entgegensetzen.
REBELLION IM PRIVATENFast drei Jahrzehnte später dokumentierte der Journalist Christoph Kohler die Geschichte der alternativen Liga. 2004 veröffentlichte er seinen Film „Ein Tor für die Revolution“. „Die Liga ist in den bleiernen 1970er Jahren gegründet worden, als die Linke am Scheideweg stand“, sagt er. Seit 1972 befanden sich die Gründungsmitglieder der deutschen Rote-Armee-Fraktion in Untersuchungshaft; Ulrike Meinhof hatte sich in Stuttgart-Stammheim am 5. Mai 1976 das Leben genommen. „Diejenigen, die der Radikalisierung kritisch gegenübergestanden sind, haben versucht, die 68er-Ideale im Privaten zu leben“, sagt Kohler. „Sie wollten zwar keine Revolution mehr machen, aber auch nicht alles wiederholen, was ihnen die Eltern vorgelebt hatten.“ In den ursprünglichen Statuten des Fortschrittlichen Schweizer Fussball-Verbands wurde der Verzicht auf Schiedsrichter, die Abseitsregel und Stollenschuhe festgesetzt. Außerdem führte der FSFV ein Streikrecht ein, das jedem Spieler erlaubte, im Fall einer unfairen Spielweise eine Unterbrechung und Diskussion zu verlangen.
Die zunehmenden internen Streitereien um Leistungsansprüche, derentwegen sich mit der Zeit alle Spielerinnen zurückgezogen hatten, führten 1987 zur Auflösung des Verbands. Mit der Neugründung zwei Jahre später wurden Schiedsrichter und eine eigene Frauenliga eingeführt. 2000 kam die Ehrenliga für alle ab 35 hinzu. „Zwar spielen in den 51 Teams hauptsächlich Linke, aber die Liga verfolgt keine politischen Ziele mehr“, sagt Mämä Sykora. Der Chefredakteur des Fußballmagazins Zwölf war bis vor Kurzem Präsident des FSFV. „Schöne Spiele gegen liebe Gegner, nicht hässliche Spiele gegen böse Gegner“, verlangt der Kodex des geltenden Reglements. Eine Fairplaywertung und Sanktionen bei wiederholten Vergehen sollen dessen Einhaltung sicherstellen. Am wichtigsten, sagt Sykora, sei aber weiterhin die dritte Halbzeit.