Vor drei Jahren wäre es noch die perfekte Partnerschaft gewesen. Hier der größte deutsche Industriekonzern, der den Weltmarktführer Toyota überholen will, dort der größte Sportverband der Welt, dessen Aushängemannschaft gerade Weltmeister geworden ist und nur noch einen Titel hinter Brasilien liegt. Doch als VW und der DFB im Juli 2017 ihre Zusammenarbeit ab 2019 bekanntgaben, war nicht klar, wer von wessen Imagewerten profitieren soll. Bei beiden nehmen die schlechten Nachrichten kein Ende, bei beiden wurde die Führung ausgetauscht, bei beiden sind strafrechtliche Ermittlungen im Gang. Auf die VW-Manipulationen bei der Abgasmessung angesprochen, sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel bei der Präsentation des Sponsorendeals: „Auch wenn die Vorgänge nicht vergleichbar sind, eint den DFB und VW die Notwendigkeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und die richtigen Maßnahmen für die Zukunft abzuleiten.“ Ein knappes Jahr später scheint das dem DFB nicht gelungen zu sein.
Die schwarze Kasse
Im Oktober 2015 berichtete der Spiegel, dass der Verband bei der Bewerbung für die WM 2006 eine Schwarzgeldkasse angelegt hatte. 6,7 Millionen Euro sollen daraus quer um den Globus gereist sein, mutmaßlich um kleine Entscheidungshilfen bei der WM-Vergabe anzubieten. Als die Affäre bekannt wurde, stritt DFB-Präsident Wolfgang Niersbach alle Vorwürfe ab. Nachdem sowohl die Schweizer als auch die deutsche Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Niersbach als früheren Generalsekretär des Verbands aufnahmen, zog er sich aus allen Funktionen bei DFB und FIFA zurück. Auch gegen damalige Mitglieder des Organisationskomitees wie Franz Beckenbauer wird ermittelt. Der Umgang mit Ehrenkapitän Beckenbauer und dem Erbe des als Sommermärchen vermarkteten Turniers 2006 setzen den sonst vom Skandal verschont gebliebenen neuen DFB-Präsident Grindel öffentlich immer wieder unter Druck. Er versucht sich im Spagat, sowohl eine lückenlose Aufklärung der mutmaßlichen Korruptionsaffäre zu versprechen als sich auch von Helden und Legenden nicht zu distanzieren.
Nun wäre Grindel gut bedient, wenn er sich nur um die Aufklärung des WM-Vergabeskandals kümmern müsste, doch auch an anderen Fronten bläst ihm der Gegenwind ins Gesicht. Da wären einmal die Proteste der aktiven Fanszene, die unter den Schlagworten „Scheiß DFB“, „Fick dich DFB“ und „Krieg dem DFB“ laufen. Vereinsübergreifend hielten die Fans die ganze Saison hindurch Protesttage gegen Repression und Kommerzialisierung ab und erzielten mit der Aufhebung der Kollektivstrafen auch erste Erfolge. Eine nicht zu überhörende Deutlichkeit hatte der Konflikt während des letztjährigen Pokalfinales zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt bekommen, als Schlagersängerin Helene Fischer bei ihrer Halbzeitshow von allen Tribünenteilen heftig ausgepfiffen wurde. Die Botschaft an den Veranstalter DFB war klar: Der Unmut über die Kommerzialisierung reicht weit über die aktiven Fanszenen hinaus.
Der Baustellensommer
Nur wenig später schlitterte der Verband ins nächste PR-Debakel. Für die Saison 2017/18 lud der DFB die chinesische U20-Nationalmannschaft für eine Testspielserie gegen Teams der Regionalliga Südwest ein. Das Experiment wurde nach Protesten und diplomatischen Verstimmungen im November wieder gestoppt. Die Kooperation, die auf den chinesischen Wachstumsmarkt zielte, belastete das Verhältnis zwischen Verband und Amateurvereinen zusätzlich. An der Basis führt neben der chronischen Geldnot vor allem der Übergang in den Profifußball zu Frustrationen. Schließlich steigen nicht alle fünf Regionalligameister direkt in die dritte Liga auf, sondern müssen sich noch durch eine Relegation plagen. Zu einer umfassenden Reform sah sich der Verband bei einer Sondersitzung im Dezember dennoch nicht in der Lage. Ab 2019 kommt es zu einer Übergangslösung, die zwar drei Meistern den direkten Aufstieg garantiert, zwei weitere aber immer noch in der Relegation antreten lässt.
Neben dem organisatorischen Chaos entwickelt sich eine weitere Baustelle zum Problem: Der Neubau der DFB-Zentrale und der Nachwuchsakademie in Frankfurt am Main. Erst nach Beilegung eines monatelangen Rechtsstreits zwischen der Gemeinde und den Betreibern der Pferderennbahn am Neubaustandort kann der Baubeginn im Sommer starten. Die Kosten des ursprünglich mit 60 Millionen Euro budgetierten Baus wurden mehrfach nach oben korrigiert, sodass der DFB derzeit von 123 Millionen Euro ausgeht – und mit noch höheren Kosten rechnet, denn zuletzt ließ er eine Deckelung auf 150 Millionen im Vertrag mit dem Bauträger festsetzen.
Das überdrehte Rad
Sportlich unberührt von den Problemen im Verband ist das Nationalteam. Der amtierende Weltmeister hat die zahlreichen Rücktritte nach den letzten Großturnieren ohne große Probleme verkraftet, liefert verlässlich gute Leistungen und vermeidet Polemiken über die Kaderzusammensetzung. Bei der EM 2016 scheiterte Deutschland erst im Halbfinale an Gastgeber Frankreich, den Confed Cup 2017 konnte die von Joachim Löw stark verjüngte Mannschaft souverän gewinnen. Trotz der sportlich beeindruckenden Bilanz kämpft das Zugpferd des Verbands mit schwindendem Interesse: Keines der WM-Qualifikationsspiele war ausverkauft, und auch bei Freundschaftsspielen gegen prominente Teams wie England und Frankreich blieben zuletzt Sitze leer. Teammanager Oliver Bierhoff warnte im Vorjahr vor den Gefahren einer Übersättigung, wenn man ständig nur an die Profitmaximierung denke. „Man sollte das Rad nicht überdrehen und es nicht ausreizen“, sagte er der FAZ.
Deutschland fährt als Favorit nach Russland, der DFB hätte einen Erfolg auch bitter nötig, um endlich wieder positive Schlagzeilen zu liefern. Damit das auch wirklich gelingt, setzt er auch auf die Unterstützung eines anderen riesigen deutschen Unternehmens, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ende April stellte die ARD ihr Expertenteam für die WM vor: Thomas Hitzlsperger, Stefan Kuntz, Philipp Lahm und Hannes Wolf. Bis auf letzteren sind alle in unterschiedlichen Funktionen für den DFB tätig.