„Das Märchen des Aufsteigers geht weiter“
Rot-Weiße Geschichten
„RB verpiss dich! Der Fußball gehört uns!“, „Pflastersteine auf die Bullen“ – die Fans von Borussia Dortmund empfingen den Aufsteiger RB Leipzig mit einer Wand aus Spruchbändern, darunter auch solche mit Beleidigungen von RB-Funktionären. Vor dem Spiel waren die Gästefans zudem angegriffen worden. Tagelang dominierte das Thema die Schlagzeilen. Das DFB-Sportgericht verhängte eine Sperre für die Dortmunder Südtribüne, die Reaktionen darauf reichten von Applaus für das Urteil bis zu Solidaritätserklärungen Richtung Süd.
Als Red Bull 2009 mit RB Leipzig sein Fußballprojekt in Deutschland startete, sollte es anders laufen als zuvor in Salzburg. Kein Erstligist mit Fans, die an Wappen, Vereinsfarben und Klubgeschichte hängen, sondern der Leipziger Fünftligist SSV Markranstädt war als Instrument der Konzernstrategie ausgewählt worden. Sportlich ist RB Leipzig inzwischen in der Bundesliga angekommen, die Proteste gegnerischer Fans haben den Klub auf seinem Weg begleitet. Die öffentliche Debatte hat sich im Lauf der Zeit verändert, sie ist schärfer geworden und undifferenzierter. Gewisse Ermüdungserscheinungen sind erkennbar, etwa wenn es den einen immer wieder um das Argument des nur halbherzig angepassten Konzernlogos geht und die anderen immer noch nicht verstehen wollen, warum RB Leipzig kein Klub wie jeder andere ist.
„Wir polarisieren – und das ist auch gut so“, sagt RB Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff dem ballesterer. Doch noch etwas anderes verhärtet die Fronten. Denn in der Debatte geht es immer auch um mehr als den Klub selbst. Er dient als Projektionsfläche für Ängste und Hoffnungen, Liebe und Hass – und oft hat das mit Fußball nur am Rande zu tun.
In einer Studie wird der RB Leipzig als der erste postmoderne Fußballverein bezeichnet: „Er ist nicht auf eine Identität festgelegt, er erzählt nicht die eine große Geschichte, sondern kennt viele Wahrheiten.“ Anders formuliert: Die Geschichtslosigkeit von RB Leipzig lädt dazu ein, dem Klub eine beliebige Bedeutung zu verleihen. Vom Retter Ostdeutschlands bis zum Zerstörer des Fußballs, vom Plastikverein ohne Anhänger bis zum Ursprung einer neuen Fankultur.
„Ausverkauft“, melden Stadionsprecher und Videowall beim Spiel von RB Leipzig gegen den HSV am 11. Februar. Dass dennoch etliche der 44.279 Plätze im Zentralstadion leer bleiben, mag den eisigen Temperaturen geschuldet sein. Die Zuschauerzahlen waren bereits in der zweiten und dritten Liga gut, auch auswärts füllen die RB-Fans die Gästesektoren. RB Leipzig ist ein Erfolg. Das ist angesichts der Voraussetzungen nicht erstaunlich: Leipzig ist eine Großstadt mit 500.000 Einwohnern, der Klub spielt in einem zentral gelegenen Stadion, das für die WM 2006 generalsaniert wurde. Geboten wird dort, was in Leipzig lange ein rares Gut war: Profifußball. Sportlich übertrifft die erste Saison in der Bundesliga die höchsten Erwartungen. Mit laufstarken Spielern, schnellem Umschaltspiel und dem kolportiert siebtteuersten Kader der Liga hat RB Leipzig in der Hinrunde Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen, den FC Schalke 04 und viele andere geschlagen. In der Tabelle steht der Klub derzeit auf Platz zwei und darf sich Gedanken um die Zulassungsmodalitäten zum Europacup machen. Spätestens als RB Leipzig im November vorübergehend die Tabellenführung übernahm, sorgte der Verein auch für internationale Schlagzeilen. Immer wieder wurde der Vergleich mit dem ähnlich unerwarteten Meistertitel von Leicester City in England gezogen. Der Vergleich mag hinken, doch er öffnet den Blick auf die Flüchtigkeit von sportlichen Erfolgen. Ende Februar 2017 kämpft Leicester gegen den Abstieg und hat gerade Meistertrainer Claudio Ranieri entlassen.
Die Wucht, mit der RB Leipzig in der Bundesliga angekommen ist, lässt leicht vergessen, dass es in der kurzen Vereinsgeschichte auch schon holpriger zugegangen ist. Der Klub ist in den sieben Saisonen seines Bestehens zwar viermal aufgestiegen, aber auch dreimal an seinem erklärten Ziel gescheitert. Nach dem ersten Aufstieg 2010 verbrachte RB Leipzig sogar drei Spielzeiten in der viertklassigen Regionalliga. Ständige Wechsel in der Führung des Klubs und der Fußballabteilung von Red Bull gingen mit wechselnden Philosophien einher. „Der eine wollte sofort aufsteigen, der Nächste in zwei Jahren, der Dritte wollte erst die Infrastruktur schaffen, und von außen hieß es, dass RB so lange Geld reinpumpt, bis wir unser Ziel erreicht haben“, berichtet der ehemalige RB-Tormann Sven Neuhaus im Buch „Aufstieg ohne Grenzen“.
Beim Fokus auf die vermeintlich unbegrenzten Mittel ist schnell zu übersehen, dass sportlicher Erfolg nicht nur am Geld hängt. Der Sprung in den Profifußball gelang 2013 mit Sportdirektor Ralf Rangnick und Trainer Alexander Zorniger. Wie schnell ein erfolgreiches Team auseinanderbrechen kann, erlebten sie im ersten Jahr in der zweiten Liga. Im Februar 2015 verkündete der Klub nach fünf Spielen ohne Sieg die Trennung vom zweimaligen Aufstiegstrainer zu Saisonende. Zorniger trat daraufhin sofort zurück. Wenige Tage zuvor hatte Rangnick noch erklärt: „Nach den zweieinhalb Jahren aktuell über einen anderen Trainer nachzudenken, da müssten wir geisteskrank sein.“ Geduld scheint keine große Tugend von Red Bull zu sein. Die aktuelle Besetzung der Führungsspitze mit Rangnick, Geschäftsführer Mintzlaff und Trainer Ralph Hasenhüttl ist erst wenige Monate alt. Sportliche Krisen haben sie gemeinsam noch nicht durchstehen müssen. Wie sich eine anfühlen könnte, zeigt die Partie gegen den HSV. Von den Stärken der Leipziger ist kaum etwas zu sehen, sie verlieren gegen den Abstiegskandidaten 0:3.
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„Wir sind ein sehr offener Verein“
„Fußball für alle statt menschenverachtender Krawalle“ steht in weißer Schrift auf dem roten Transparent, das sich beim Spiel gegen den HSV über die Breite der Heimkurve spannt. Anders als die meisten anderen Spruchbänder ist es nicht handgemalt. Das gut sichtbare Kernstatement der vom Klub unterstützten Fanaktion „Leipziger Liebe“ wird am Ende des Spieltags etwas beschädigt sein. Am Gästesektor kommt es zu Auseinandersetzungen, das HSV-Fanprojekt erhebt schwere Vorwürfe gegen Ordner und Polizei. Und der Fußball für alle? Wer RB Leipzig spielen sehen will, kann sich eine Karte kaufen – Stehplätze gibt es ab zehn Euro. Wer Mitglied des Vereins RasenBallsport Leipzig werden will, muss etwas mehr hinlegen. Zwischen 70 und 1.000 Euro kostet die Fördermitgliedschaft, dafür gibt es ein T-Shirt und je nach Betrag weitere Vorteile. Im Preis nicht enthalten ist das, was bei den meisten Vereinen dazugehört: ein Stimmrecht.
Auf dem Papier entspricht die Organisation von RB Leipzig der vieler anderer Bundesligisten. Der Profibetrieb ist ausgelagert – in diesem Fall in eine GmbH, beim FC Bayern ist es eine Aktiengesellschaft, bei anderen Klubs eine Kommanditgesellschaft, die Borussia Dortmund KG ist sogar börsennotiert. Kapitalanteile werden an Firmen und Investoren verkauft, die Stimmrechtsmehrheit und damit die Kontrolle über das Unternehmen muss jedoch beim Verein bleiben. Dessen Führungsriege wird von der Mitgliederversammlung gewählt – wie Uli Hoeneß, der im November 2016 mit 97,7 Prozent der rund 7.000 gültigen Stimmen erneut Präsident des FC Bayern wurde. Das ist die Essenz der 50+1-Regel. Formal wird sie auch von RB Leipzig eingehalten. Die Kapitalanteile der GmbH sind zu 99 Prozent im Besitz der Firma Red Bull, ein Prozent gehört dem Verein, der jedoch über die Stimmenmehrheit verfügt. Stimmberechtigt sind – und hier unterscheidet sich RB Leipzig von den meisten anderen Vereinen – allerdings nicht tausende oder gar zehntausende Mitglieder, sondern 17. Nur einer von ihnen stammt aus dem Kreis der Fördermitglieder, andere wie Obmann Oliver Mintzlaff und Aufsichtsratschef Walter Bachinger sind mit RB Leipzig und Red Bull verbunden.
Die 50+1-Regel ist durch Sonderregelungen für Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg und die TSG Hoffenheim ohnehin längst ausgehöhlt. Und wie viel Mitbestimmungsrecht bei Sponsoring, Transfers und der Personalpolitik ermöglicht die Vereinsmitgliedschaft bei den übrigen Klubs? Und wer nimmt diese Rechte wahr und erscheint zur Mitgliederversammlung? Zugegeben, der Einfluss von Mitgliedern auf ihren Verein ist begrenzt. Den Vorstand ihrer Kapitalgesellschaft können sie nicht wählen – doch er ist ihnen Rechenschaft schuldig, und nicht jede Jahreshauptversammlung verläuft so harmonisch wie die Wahl von Hoeneß. Fans als Mitglieder spielen etwa bei Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach und Schalke 04 eine wichtige Rolle. Ein Vereinsleben gibt es auch in Profiklubs, nicht zuletzt weil dort nicht nur Bundesliga-Fußball gespielt wird, sondern auch Kinder- und Amateurfußball, Handball, Tischtennis und Rugby. Auch in Wolfsburg und Leverkusen. Allerdings nicht bei RB Leipzig, eine Breitensportabteilung hat der Klub nicht, der Fokus liegt – seit Kurzem auch mit einem Frauenteam – auf dem Spitzensport. Journalistin Britt Schlehahn bringt dieses Thema im Leipziger Stadtmagazin kreuzer regelmäßig zur Sprache. Geschäftsführer Mintzlaff, so erzählt sie dem ballesterer, habe darauf einmal gesagt: „Die Leute können sich ja unsere Trikots kaufen und darin Sport machen.“
„Wir brauchen diesen Tabellenführer nicht“
„Wir als Mainz 05 müssen Tickets und Spieler verkaufen, um investieren zu können, andere verkaufen dafür Autos und Brause“, sagte Christian Heidel im Juli 2014 in einem Zeitungsinterview. Der damalige Manager des FSV Mainz 05 ist nicht der einzige Funktionär, der Kritik am Modell RB Leipzig übt. Doch oft stecken hinter den negativen Worten über den anderen Klub vor allem positive über den eigenen. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke machte sich bei der Jahreshauptversammlung über „alle 150 Mitglieder von RasenBallsport“ lustig, um dann über den Mitgliederzuwachs bei Borussia Dortmund zu sprechen. Uli Hoeneß lobte nach seiner Wahl zum Bayern-Präsidenten die Arbeit bei RB Leipzig und spekulierte über Transfers in der Winterpause mit den Worten „Der Herr Mateschitz wird es schon richten“. Doch eigentlich freue er sich, endlich wieder einen richtigen Gegner zu haben, für die Bayern sei das nur leistungsfördernd. Struktur und Entstehung von RB Leipzig bieten für Funktionäre eine Gelegenheit zur Abgrenzung. Alle können sich gegenüber dem Red-Bull-Klub profilieren: der solide wirtschaftende Mittelständler, der Großklub mit Herz, der unterforderte Erfolgsverein. Als Gegenentwurf zu Red Bull lassen sich neue Mitgliederkampagnen starten, Marketingslogans kreieren und Fans ins Stadion mobilisieren. Der mediale Wirbel darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um keine grundlegende Opposition handelt – sonst würde RB Leipzig heute nicht in der Bundesliga spielen. Denn die relevante Auseinandersetzung der Vereinsfunktionäre mit dem Geschäftsmodell von Red Bull hat vor Jahren stattgefunden, als sie RB Leipzig in die zweite Bundesliga zuließen.
„Wer Red Bull hasst, hasst sich selbst“
Wo und gegen wen die Leipziger auch spielen – Proteste gegen Red Bull begleiten den Klub. Manche Fanszenen rufen zum Boykott der Partien in Leipzig auf, andere setzen auf Aktionismus. Kritische Plakate gegen den Konzern sind im Leipziger Gästesektor beim Spiel gegen den HSV nicht zu sehen. Die Auswärtsfans zeigen sich anders widerständig, sie zünden Pyrotechnik. Schon beim Hinspiel im September 2016 hatten die Heimfans gegen den Liganeuzugang protestiert. Kurios sei das, hieß es dazu in der Welt, schließlich stehe dem HSV zwar kein Konzern, aber Milliardär Klaus-Michael Kühne zur Seite: „Auch deshalb ist die Anti-RB-Demonstration wohl so wichtig für die geschundene HSV-Seele.“ Es ist ein Argument, das RB-Kritikern häufig vorgehalten wird. Es zeuge von Doppelmoral, sich im rundum kommerzialisierten Fußball auf Red Bull zu kaprizieren, statt vor der eigenen Haustür zu kehren.
In eine ähnliche Kerbe schlägt Zeit-Kolumnist Wolfram Eilenberger. Er stellt die moralische Überlegenheit infrage, die Fans in ihren Protesten gegen RB Leipzig für sich beanspruchen, und vermutet dahinter einen umgelenkten Selbsthass: „In Form von radikaler Abgrenzung von einem imaginiert ganz Anderen und Üblen, hier ist das RB Leipzig, artikulierte der gemeine Intensivfan seine ernste Sorge um die absehbare strukturelle Entwicklung des ureigenen Vereins.“ RB Leipzig übernimmt damit die Rolle des Sündenbocks und wird für das gehasst, was Fans an ihrem eigenen Klub nicht hassen – und kritisieren – können. Die Argumentation ist innovativ, wann spielen psychologische Dynamiken in der Diskussion schon eine Rolle? Sie hakt allerdings an einem anderen Detail: Sie stimmt schlicht nicht. Denn aktive Fans sind wahrscheinlich die schärfsten Kritiker der eigenen Vereine. Sie verbringen viel Zeit damit, sich mit Geschäftsführern, Sicherheitsbeauftragten und Marketingverantwortlichen darum zu streiten, wie weit die Kommerzialisierung und die Einschränkungen von Fanrechten gehen dürfen. Hinter verschlossenen Türen und im Stadion. Übrigens auch beim HSV. Als dort im Mai 2014 die Ausgliederung der Profiabteilung beschlossen und Investor Kühne gestärkt wurde, verließen zahlreiche Fans den Verein. Diejenigen, die blieben, protestierten beim Heimspiel gegen RB Leipzig mit der angekündigten Choreografie – aber nicht nur gegen den Gastklub. Gezeigt wurden auch Spruchbänder mit den Aufschriften „Wer RB kritisiert, muss auch auf Kühne zeigen“, „Kritik an RB ist Kritik am System!“ und „Mateschitz, Hopp und Kühne – Die DFL bereitet euch die Bühne“.
„Für den Volkssport Fußball – gegen die, die ihn zerstören“
„Tradition versus Kommerz“ – die Formel klingt griffig, verfehlt im Streit um RB Leipzig aber den Kern. Denn wo beginnt Tradition? Ist der SC Freiburg, der 1904 gegründet wurde, aber erst 89 Jahre später erstmals in die Bundesliga aufstieg, ein Traditionsklub? Was ist mit dem 1. FC Köln von 1948 und den in den 1960er Jahren gegründeten DDR-Betriebssportgemeinschaften? Und wo endet der Kommerz? Bei der Börsennotierung von Borussia Dortmund, den VW-Geldern für den VfL Wolfsburg oder bei der Einflussnahme des Investors beim HSV? Der deutsche Profifußball ist traditionell und kommerziell. Das macht einen großen Teil seines Erfolgs aus. Die Verbindung von Tradition und Kommerzialisierung findet nicht zuletzt in Werbekampagnen ihren Niederschlag, die das Image von Arbeiterklubs kreieren. Und diese Verstrickung war immer wieder Anlass von Fanprotesten – von modernisierten Wappen über mehr VIP-Logen bis zur Sponsorenwahl. Von einem heilen Fußball, der durch Red Bull zerstört wurde, kann keine Rede sein. Die Verteufelung von RB Leipzig als Ursache allen Übels ist eine zu grobe Vereinfachung – ob sie nun in einem 11Freunde-Leitartikel oder auf einem Spruchband steht.
Das Red-Bull-Modell im Umkehrschluss nur als Zuspitzung der bestehenden Verhältnisse zu sehen, greift jedoch ebenfalls zu kurz. Denn tatsächlich ist RB Leipzig auf andere Weise entstanden und in die Bundesliga gelangt als die übrigen Vereine. Der Klub ist von Red Bull zur Bewerbung seines Getränks gegründet worden. Das Unternehmen kann Einfluss auf Entscheidungen ausüben, wie es kein anderer Sponsor und Investor kann. RB Leipzig ist ein Tochterunternehmen von Red Bull. Diese Konzernalisierung des Fußballs – wie sie schon im Oktober 2009 im ballesterer genannt wurde – ist etwas anderes als Kommerzialisierung, doch ohne sie nicht denkbar. Nicht der Einstieg von Red Bull in Leipzig hat den traditionellen Fußball zerstört, der moderne Fußball hat RB Leipzig ermöglicht.
„Eine leidlich ausgefeilte Simulation von Fankultur“
„Kunden“ – so nennen viele Fans anderer Vereine die Anhänger von RB Leipzig. Ein Klub, der nicht fürs Fußballspielen, sondern aus Werbegründen gegründet wurde, könne keine Fans haben, so die Unterstellung. Im Stadion von Leipzig fühle es sich an wie im Ausland oder bei einer anderen Sportart, „Eishockey etwa“, schreibt der 11Freunde-Chefredakteur Christoph Biermann im September 2016, und es ist kein Kompliment für Eishockeyfans. Weiter heißt es: „Die Frauen kommen auch gerne mit, Haare etwas zu rot oder etwas zu blond gefärbt, auffällige Brillengestelle.“
Wie ist es also um die Fankultur in Leipzig bestellt? Beim Spiel gegen den HSV drängen sich organisierte Fans vor den Stadiontoren. Manche tragen Kapuzenpullover, viele Jeans, manche schwarze Jacken. Schauen sie anders aus als die Gäste aus Hamburg? Auffälligere Brillen? Mehr Frauen? Weniger echte Liebe? Wer will das messen – und wie? Hinter dem Fansektor haben die „Rasenballisten“ ihren Stand aufgebaut und verkaufen Sticker und Schals. Graham und Barry, die eigentlich anders heißen, geben Auskunft. Die Fans seien hier wie andere auch, sagt Barry, mit dem Unterschied, dass es im Moment noch kaum Gewalt gebe. „Auswärtsfans gehen hier einfach vorbei, da fällt vielleicht einmal ein Spruch, aber sonst passiert nichts.“ Das hänge, so meint er, mit dem geringen Alter des Klubs zusammen, solle aber gern so bleiben. „Wir haben noch die Möglichkeit, die Fanbase zu gestalten“, sagt Graham. „Bei anderen Vereinen ist das schwerer, manchmal ist der Zug schon abgefahren.“ Die „Rasenballisten“ gehören zu jenen Fans, die dem Konzern Red Bull kritisch gegenüberstehen. Ein Bulle werde auf ihren Fanartikeln nie zu sehen sein, sagt Graham. Solche Berührungsängste mit dem Konzernlogo sind im Stadion nicht weit verbreitet. Die Mehrheit der Zuschauer trägt Schals und Trikots mit den Bullen, auch auf Fanklubfahnen ist das Unternehmensmotiv sichtbar. Der Heimblock im Stadion füllt sich früh, dort wird gehüpft, gesungen, auch bei Rückstand supportet, und die gegnerischen Spieler werden ausgepfiffen. Es ist wie überall.
„Botschafter einer neuen Zeit“
Keine Fans oder zumindest keine Fans wie wir – auf diese Zuschreibung reagieren die RB-Anhänger auch mit Trotz: „Neue Fankultur gegr. 2009“ steht auf einem der Spruchbänder beim Spiel gegen den HSV. Die Mitteldeutsche Zeitung veröffentlicht drei Tage später einen Text über die Fans von RB Leipzig. Sie hätten auf die Randale von Dortmund mit einem friedlichen Protest reagiert, ihr Auftritt sei die Demonstration einer diskriminierungsfreien Fankultur gewesen. Sportdirektor Ralf Rangnick und Fanforscher Gunter Pilz kommen ebenfalls zu Wort. Das Signal von Leipzig solle auch in anderen Stadien gehört werden. Diese Implikation, dass bei RB Leipzig – und nur dort – Fußball ohne Gewalt zu haben sei, begleitet den Klub von Beginn. In der Stadt boten Auseinandersetzungen zwischen Lok- und Chemie-Fans ein willkommenes Gegenbild für die Profilierung des neuen Klubs. Bundesweit haben die Angriffe von BVB-Fans auf RB-Anhänger diese Aufgabe in den vergangenen Wochen erfüllt. „Wir stehen für viele positive Attribute und eben auch eine sehr friedliche und familienfreundliche Fankultur“, sagt Geschäftsführer Oliver Mintzlaff. Doch auch zu Lok und Chemie – aktuell spielen die Klubs im Amateurbereich – gehen Familien, Männer, Frauen und Kinder, ohne sich zu schlagen. Bei Borussia Dortmund initiierte das Fanzine schwatzgelb.de nach dem Spiel gegen RB Leipzig eine Kampagne gegen Gewalt.
Auch das Engagement gegen Diskriminierung, wie es die „Rasenballisten“ gemeinsam mit den ultraorientierten „Red Aces“ und anderen Gruppen betreiben, ist keine Leipziger Besonderheit. In fast jeder Fanszene finden regelmäßig Aktionen gegen Diskriminierung statt. Der Kampf gegen Rassismus im Fußball hat in den Kurven begonnen, bevor Vereine und Verbände sich dieses Themas angenommen haben – und lange bevor Red Bull in den Fußball eingestiegen ist. Die Behauptung, bei RB Leipzig werde gerade die Fankultur neu erfunden, ist schlicht Unsinn.
„Der Osten kann wieder gewinnen“
RB Leipzig bringt nicht nur den Fußball, sondern auch die Gesellschaft voran – das ist die Kernaussage einer im Jänner veröffentlichten Studie der Handelshochschule Leipzig. Die Ergebnisse über den Nutzen des Klubs für Stadt und Region dienten als Schlagzeilenlieferant, doch die wissenschaftliche Basis ist dünn: 24 Experteninterviews, alle Männer, 21 davon mit RB sympathisierend, wenn nicht gleich bei Klub oder Konzern beschäftigt. Dass sie die Effekte von RB Leipzig auf die Gesellschaft positiv sehen, ist wenig überraschend. In der Untersuchung der Privatuniversität wird daraus jedoch der Beleg für das gelungene Zusammenspiel zwischen dem Klub und ostdeutschen Befindlichkeiten. „Der Erfolg weckt den Regionalstolz und stärkt das regionale Selbstbewusstsein“, sagt Studienleiter Timo Meynhardt. „RB profitiert vom starken Wunsch nach gewalt- und skandalfreiem Spitzenfußball.“ Diese Identifikation sei in keiner anderen Region denkbar. Was als Erklärung für den Erfolg von RB Leipzig angeführt wird, sind simple Behauptungen über eine vermeintlich ostdeutsche Mentalität. Klub und Region passen so gut zusammen, sagt Meynhardt, dass es sich bei RB Leipzig im Grunde um eine Geburt dieser Stadt handle. Die Entscheidung von Red Bull für den Standort Leipzig erhält so eine quasi natürliche Entstehungslogik, die mit dem wirtschaftlichen Kalkül des Konzerns nichts mehr zu tun hat.
Doch die Vorstellung von RB Leipzig als Repräsentant Ostdeutschlands hat eine größere Verbreitung. Als der Klub 2009 gegründet wurde, stieg mit Energie Cottbus der letzte Verein aus der früheren DDR aus der Bundesliga ab. Der letzte ostdeutsche Tabellenführer war 1991 Hansa Rostock. In dieser Tradition stehe nun auch RB Leipzig – behauptet die Zeit. Ihr Leipzig-Korrespondent Martin Machowecz betrachtet den Klub als Rächer Ostdeutschlands: „Erstmals nutzt der Osten das Geld, das ihm ein reicher Investor gegeben hat, um den Westen auf einem seiner Spezialgebiete zu schlagen“, schreibt er im November 2016. Auch hier verschwindet das unternehmerische Interesse des Konzerns, es wird zum Aufbau Ost. Ein konstruierter Osten erscheint als Akteur, der sich gegen das westliche Establishment behauptet. Britt Schlehahn, die Journalistin des Stadtmagazins kreuzer, kann darüber nur den Kopf schütteln. „Es ist absurd zu sagen, der Osten zeigt dem Westen jetzt, wie es gemacht wird“, sagt sie. „RB Leipzigs Transferdefizit von über 50 Millionen und die Abhängigkeit von Mitteln von außen, weil es die Wirtschaftskraft von innen nicht gibt – das ist vielleicht Ostdeutschland.“
Für Machowecz erschöpft sich der Erfolg von RB nicht nur im Wirtschaftlichen und Sportlichen, er schreibt dem Klub auch die Macht zu, das politische Bewusstsein zu verändern: „Der Verein wirkt gegen Underdog-Ängste im Osten, gegen Minderwertigkeitskomplexe in Sachsen, gegen Wut in Leipzig. Er ist auch: Gegengift gegen Pegida und Populismus“, heißt es in einem Text vom Februar. Sehr vieles landet hier in einem Topf. Die gesellschaftliche Bedeutung von Fußball wird überschätzt, der – nicht nur im Westen vorhandene – Widerstand gegen RB Leipzig ignoriert und Ostdeutschland zu einer Einheit erklärt. Doch was genau haben die Tore eines Klubs in Leipzig mit einer rechtsradikalen Bewegung in Dresden zu tun? Und was würde dieser Vorstellung nach auf den Straßen Ostdeutschlands geschehen, sollte RB Leipzig nächste Saison in Abstiegsnot geraten?
„Red Bull hat einen langen Atem“
Die enge Verbindung zwischen Red Bull und seinen Fußballklubs gilt als Wettbewerbsvorteil. Die Gelder des milliardenschweren Konzerns haben RB Leipzig den Weg in die Bundesliga geebnet. Sie liefern dem Klub Sicherheit, nämlich eine gewisse Unabhängigkeit von sportlichen Erfolgen, einem vollen Stadion und guten Sponsorendeals. RB Leipzig kann Geld ausgeben, das der Klub nicht selbst einnimmt, ohne sich zu verschulden. Das unterscheidet ihn von den meisten Vereinen der Liga und verbindet ihn mit dem VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen und der TSG Hoffenheim.
Doch diese Unabhängigkeit bringt auch eine Abhängigkeit mit sich, in der andere Vereine nicht stecken. Denn zum Erfolgsmodell der deutschen Bundesliga gehört der vergleichsweise ausgeglichene Einnahmenmix aus Werbung, TV-Geldern, Sponsoring, Transfers und Spieltagserlösen. Borussia Dortmund ist von Evonik nicht existenziell abhängig, Werder Bremen nicht von Wiesenhof und der FC Bayern nicht von Adidas. Beim Konzernklub VfL Wolfsburg ist es anders. „Geht es Volkswagen gut, geht es Wolfsburg gut“, das ist ein geflügeltes Wort – gemeint ist die Stadt, aber es gilt auch für den Klub. Denn seit es dem Mutterkonzern VW nicht mehr so gut geht, stockt auch der Motor beim VfL. Im Sommer 2015 setzte der damalige DFB-Pokalsieger und Bundesliga-Zweite gerade zum Angriff auf den FC Bayern an. Aktuell steckt er im Abstiegskampf. Dazwischen liegt der Abgasskandal bei VW, der im September 2015 öffentlich wurde. Die Pläne für den Neubau eines Nachwuchsleistungszentrums wurden kurz danach auf Eis gelegt, die Ausgaben für Transfers gesenkt. Ende des Jahres 2016 wurde bekannt, dass Volkswagen die finanzielle Unterstützung des Klubs um 20 bis 30 Prozent verringern wird. RB Leipzig ist in einer ähnlichen Abhängigkeit von Red Bull, und was bei Red Bull geschieht, bestimmt im Wesentlichen Firmenchef Dietrich Mateschitz. Dass er ein launischer Herrscher sein kann, zeigte er mit der im Mai 2016 angekündigten Auflösung des Senders ServusTV, die er zwei Tage später zurücknahm, nachdem sich die Angestellten gegen die Gründung eines Betriebsrats ausgesprochen hatten. Die wirtschaftliche Sicherheit für Konzernklubs ist eine trügerische: Es kann morgen schon vorbei sein – und mit Fußball hat das nicht das Geringste zu tun.
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