„Die Italiener haben uns gratuliert. Sie hätten nie geglaubt, dass wir so ein Spiel machen können.“ Walter Horak weiß nicht mehr, wie oft er schon nach diesem Abend befragt wurde, jenem Abend, an dem der Wiener Sport-Club Geschichte schrieb. Nach einer 1:3-Niederlage in Turin gewinnen die Wiener am 1. Oktober 1958 in der Vorrunde des Landesmeistercups gegen Juventus 7:0. Der damals 27-jährige Horak steht als einer von fünf Sport-Club-Stürmern im Praterstadion am Platz, getroffen hat er an diesem Abend nicht. „Aber ich habe drei Tore aufgelegt“, sagt der mittlerweile 87-Jährige beim Gespräch in seiner Wohnung in Wien-Favoriten. „Bei uns war nie einer eigensinnig. Wir haben immer dem, der die beste Torchance gehabt hat, den Ball gegeben.“ Meistens ist das in diesem Jahr Walter Horak selbst, er trifft in der Saison 1958/59 34-mal. „Ohne Elfmeter und Freistoß.“ Als Torschützenkönig trägt er damit entscheidend zum neuerlichen Meistertitel der Wiener bei.
Rauchen und trinken verboten
Ehe Walter Horak 1952 zum gerade abgestiegenen Sport-Club wechselt, spielt er bei unterklassigen Vereinen wie Marchegg, Stadlau und Leopoldsdorf. Aus seiner Jugend nimmt er seinen Spitznamen „Max“ mit, er und ein unzertrennlicher Freund hätten an die Protagonisten des Kinderbuchklassikers „Max und Moritz“ erinnert, erzählt Horak. Der Sport-Club steigt 1953 sofort wieder auf, Horak spielt plötzlich in derselben Klasse wie Stars aus der „Wunderteam“-Ära. „Ich habe gegen große Vorbilder wie den Willy Hahnemann gespielt“, sagt er. „Bei einigen hat man immer noch gemerkt, dass sie einmal Weltklassespieler waren.“ Das trifft wohl auch auf Teile der Sport-Club-Mannschaft zu, die sich 1956 formiert. Neben dem schnellen und beidfüßigen Horak stehen Spieler wie Josef Hamerl, Erich Hof, Adolf Knoll und Rudolf Szanwald am Platz, die 1957 Meister werden.
Für Horak ist der Mann an der Seitenlinie der Schlüssel zum Erfolg. „Hans Pesser war ein großartiger Trainer. Da hat man nicht rauchen und trinken dürfen“, sagt er. „Wir waren am Anfang etwas aufmüpfig, aber wir haben gefolgt.“ Und auch ein kurzer Trainingsgast imponiert dem Stürmer sehr. Denn als Ferenc Puskas nach dem Ungarnaufstand 1956 nicht in sein Heimatland zurückkehrt, verbringt er einige Zeit in Wien. Da der Sport-Club den Stürmer aufgrund einer FIFA-Sperre nicht verpflichten kann, engagiert ihn Pesser als Trainer für seine Angreifer. „Darum haben wir so viele Tore geschossen“, sagt Horak. „Puskas hat sich so über seine Tätigkeit gefreut, dass er sein Leben lang zu uns gehalten hat.“
Die beiden Meistertitel bringen Horak und seine Mannschaft quer durch Europa, die damals im Wiener Fußball üblichen Tourneen führen sie rund um den Globus. „Ich war in 83 Ländern und habe in Asien, Afrika und Südamerika gespielt“, sagt Horak. „Manche Fußballplätze waren katastrophal, die Mannschaften aber sehr gut. Wir haben gewinnen müssen, sonst hätten wir nichts verdient.“ Einige Male muss die Mannschaft ohne den Trainer auskommen, denn Pesser leidet an Flugangst. „Dann hat Leopold Barschandt, unser Kapitän, das Training übernommen. Dem haben wir genauso gefolgt.“
Mit ihren guten Leistungen machen die Sport-Club-Spieler auf sich aufmerksam, zahlreiche Einberufungen in das Nationalteam folgen. Beim Länderspiel gegen Norwegen im Mai 1959 stehen sieben Dornbacher in der Startaufstellung, darunter die komplette Sturmreihe. Im Jahr davor nominiert Teamchef Josef Argauer vier Sport-Club-Spieler für die WM, auch Walter Horak. Doch das Nationalteam bleibt in Schweden hinter den Erwartungen zurück. „Wir haben mit dem Trainer nicht harmoniert“, sagt Horak. „Und die Gruppe war sehr schwer.“ Gegen Brasilien und die Sowjetunion setzt es Niederlagen, gegen England ein Unentschieden, Österreich scheidet als Gruppenletzter aus. Ein Foto der WM-Mannschaft ist heute in Horaks Wohnung die einzige sichtbare Erinnerung an seine Fußballerkarriere.
Naschmarkt, Paris, Amerika
Walter Horak absolviert nur 13 Länderspiele. Der Grund dafür ist nicht mangelndes Talent oder übermächtige Konkurrenz, sondern die Arbeit. Eine Abwesenheit wird bei Horaks Arbeitgeber nicht gerne gesehen. „In der Privatwirtschaft war es damals nicht so einfach. Mein Vorgesetzter wollte mich nicht abstellen. Die Arbeit war mir zu wichtig, um etwas zu riskieren.“ Der Beruf neben dem Fußball ist schon früh Teil seines Lebens. „1944 haben die Nazis meinen Vater hingerichtet“, sagt er. „Meine Mutter und ich haben arbeiten gehen müssen, um über die Runden zu kommen.“ Als er noch unterklassig spielt, nimmt Horak 1950 eine Stelle bei einem Großhandelsunternehmens am Naschmarkt an, später wird er Geschäftsführer. „Ich bin dann von den Chefs nach Brasilien geschickt worden und habe für fünf Jahre Obst gekauft.“
Neben der Arbeit zwischen Obstkisten am Naschmarkt bleibt Horak bis Winter 1960 beim Sport-Club, dann wechselt er für ein Jahr zur Meidlinger Wacker. Es folgen kurze Stationen beim GAK und der Wiener Austria, ehe er 1962 nach Frankreich geht. Über Austria-Mäzen Josef Walter kommt er zu einem Engagement beim FC Sochaux, danach für ein halbes Jahr zu Racing Paris. Wieso er nicht länger in Frankreich geblieben ist? „Ich war ja schon alt“, sagt Horak „In Paris habe ich mich nicht so wohl gefühlt und einen Streit mit dem Trainer gehabt. Da bin ich lieber heimgefahren.“ Zurück in Wien lässt er seine Karriere bei Schwechat ausklingen. 1969 fädelt ihm Josef Walter abermals eine berufliche Chance ein, dieses Mal geht es in die USA. „Ich habe dort für ein Unternehmen die Zeitkarten der Mitarbeiter kontrolliert“, sagt Horak, der zu Beginn noch nebenbei in der Betriebsmannschaft kickt. „1970 habe ich aufgehört, mit 40 kann man nicht mehr Fußball spielen.“
Später arbeitet Horak bei einer Versicherung in Wien, ehe er für 25 Jahre Portier im Hotel Fürstenhof wird. Das Hotel am Neubaugürtel ist bei Fußballern beliebt, Teamchef Leopold Stastny wohnt sogar dort. „Ich habe neben der Arbeit nur noch Tennis gespielt. Mit 50 war ich Europameister im Seniorentennis.“ Verletzungen hatte Horak in seiner langen Laufbahn nie. „Ich bin mit 70 Jahren zum ersten Mal zu einem Arzt gegangen. Der hat mir gesagt, dass ich wiederkommen soll, wenn ich etwas habe.“