„Integration wird heute stärker als ein ‚Du musst dich integrieren‘ verstanden, also als Forderung, die sich an Migranten richtet.“
Das offene Feld
„Hearst!“ Der linke Flügelspieler schaut nicht auf. Er bleibt am Ball, zieht mit Tempo in den Strafraum und schießt. Der Ball landet einige Meter neben dem Tor. „Pass, Oida!“, ruft der freistehende Stürmer seinem Teamkollegen zu. „Gemma, yallah!“, kommt von der Trainerbank. – Hier, auf dem Platz des KSV Ankerbrot in Wien-Favoriten, stehen Jugendliche aus Afghanistan, Gambia, Irak, Iran, Somalia und Syrien auf dem Rasen. Es wird Deutsch, Arabisch, Paschtu, Farsi, Somali und Wolof gesprochen. Einmal wöchentlich kommen die Geflüchteten zusammen, um Fußball zu spielen. Viele von ihnen sind erst seit Kurzem hier, und viele wissen nicht, ob sie in Österreich bleiben dürfen. Sie spielen bei „Kicken ohne Grenzen“. Getragen wird der Verein vom ehrenamtlichen Engagement der Trainerinnen und Trainer, Spendengelder sorgen dafür, dass die Spieler eigene Fußballschuhe und die nötigste Ausrüstung haben. In der Zeit am Platz drehen sich die Gedanken möglichst nicht um die Unterkunftssuche und die Frage nach dem Aufenthaltstitel, sondern darum, wer das nächste Tor schießt. Ein Spiel, eine Ablenkung – und ein Anknüpfungspunkt, um nach der Flucht in einem neuen Land anzukommen.
„Fußball allein kann die Probleme der Welt nicht lösen“, sagte FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura anlässlich der Konferenz des Weltverbands zu Gleichheit und Inklusion im März. Dann fuhr sie fort: „Doch man kann die Kraft eines Sports, der Millionen Menschen begeistert und unabhängig von ihrem Hintergrund, ihrer Herkunft und ihrem Glauben zusammenbringt, nicht ignorieren. Es ist nur logisch, dass wir versuchen, den Fußball in den Dienst eines größeren Ganzen zu stellen.“
Von der Utopie zur ForderuNG
Zumindest das verbindet für einen Moment den gewöhnlichen Fußballplatz in Wien und das glamouröse FIFA-Hauptquartier in Zürich: der Glaube daran, dass die Liebe zum Fußball und der Spaß am Spiel Unterschiede überwinden. Er steht hinter vielen Initiativen, nicht nur von Vereinen, Verbänden und Fans, sondern auch von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Projekten. Wer die Sprache des Fußballs spricht, so die Idee, verständigt sich, ohne Deutsch oder Englisch, Farsi oder Russisch zu lernen. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Manchmal wird der Fußball überhöht, in eine Höhe, von der aus die alltäglichen Probleme an der Basis nicht mehr zu sehen sind. Manchmal ist der Fußball eingebunden in eine Politik, die Integration als Ziel ausgibt, aber so hohe Hürden steckt, dass es auf ewig unerreichbar bleibt. Und manchmal will der Fußball einfach nur spielen.
Migration und Integration sind politisch umkämpfte Felder, die Kämpfe sind den Begriffen eingeschrieben. Erst seit dem vermehrten Zuzug von sogenannten Gastarbeitern spreche man von Integration, sagt Christoph Reinprecht, Soziologe an der Universität Wien mit den Forschungsfeldern Migration und soziale Ungleichheit. „Damit verbunden gibt es den Begriffswandel vom Ausländer zum Migranten.“ Integration lässt sich als technischer Ausdruck für die Idee verstehen, Teile in ein bestehendes Ganzes einzugliedern. In seiner Verwendung in der Bürgerrechtsbewegung der USA beschrieb Integration einen Prozess, der die Gesellschaft verändert – und verbessert. Im deutschsprachigen Raum, sagt Reinprecht, habe sich in der öffentlichen Debatte ein Wandel vollzogen. „Integration wird heute stärker als ein ‚Du musst dich integrieren‘ verstanden, also als Forderung, die sich an Migranten richtet.“ Nicht zu trennen ist Integration von Migration, davon, dass Menschen von einem Land in ein anderes kommen, davon, dass Gesellschaften mit den Neuankömmlingen einen Umgang finden und umgekehrt. Und von den Veränderungen, die dadurch entstehen – ob es die Vorstellung von Integration nun vorsieht oder nicht. Der Fußball selbst ist eine dieser Veränderungen, er ist ein Migrant aus England.
Die Kinder von Penzing
Zuwanderung hat Wien über Jahrhunderte geprägt und tut es heute noch. Dass die Stadt wächst und bald wieder die Zwei-Millionen-Marke erreichen wird, ist darauf zurückzuführen. 27 Prozent der Bevölkerung haben eine andere als die österreichische Staatsangehörigkeit, 35 Prozent sind im Ausland geboren. Im 14. Bezirk leben rund 92.000 Menschen, 26 Prozent von ihnen werden in der städtischen Statistik als Ausländer geführt. In Penzing ist auch der Viertligist Slovan-Hütteldorfer AC beheimatet. Bevor an diesem Freitagnachmittag Anfang November das Training der U12-Auswahl ansteht, nimmt sich Sektionsleiter Matthias Sodl Zeit für ein Gespräch. Der 39-Jährige ist in dritter Generation beim Verein tätig. Sein Großvater war bei der Fusion von Slovan mit dem Hütteldorfer AC federführend dabei, der Vater ist seit Jahrzehnten als Trainer tätig. Auch Sodl hat Zahlen parat. „Rund 75 Prozent unserer 220 Spieler haben einen Migrationshintergrund“, sagt er und verweist auf die Einzugsgebiete Ottakring und Rudolfsheim-Fünfhaus. „Natürlich haben wir eine sportliche Ambition, aber es ist auch unbestritten, dass wir viele Kinder von der Straße holen.“
Ohne migrantische Spieler könnte der Verein den Betrieb nicht aufrechterhalten. Doch die demografische Realität seiner Umgebung hat noch weitere Auswirkungen – wie etwa viele Kinder aus ärmeren Verhältnissen. Der jährliche Mitgliedsbeitrag liegt bei 300 Euro. „Für manche Familien ist das sehr viel“, sagt Sodl. „Wenn ein junger Spieler kommt, bei dem die finanzielle Situation nicht gut aussieht, finden wir gemeinsam eine Lösung.“
Streit ums Öl
Die Arbeit der Trainer beginnt und endet nicht am Rasen. Den Alltag bestimmen nicht nur Konditionsübungen, Techniktraining und Taktikschulungen, sondern auch die heiß diskutierten Fragen religiöser Praxis. Ein Thema ist dabei der Ramadan, die muslimische Fastenzeit. Wenn Sportler untertags auf Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme verzichten, sind sie einer erheblichen gesundheitlichen Belastung ausgesetzt. „Das können wir nicht gutheißen“, sagt Sodl. „Es ist ein verdammt schwieriges Thema. Wir versuchen, das irgendwie in den Griff zu bekommen.“ Im Kinder- und Jugendbereich gehe es dabei um Elternarbeit. „Es hilft uns, dass wir einen muslimischen Trainer haben. Er versucht den Eltern zu erklären, dass sie die Kinder auch im Ramadan Sport machen lassen sollen.“ In der Kampfmannschaft halten die Spieler mittlerweile keinen Ramadan mehr, oder sie machen an Trainings- und Spieltagen Ausnahmen. „Natürlich gibt es da Konflikte, aber irgendwie einigt man sich immer“, sagt Sodl.
Konflikte gab es auch beim Essen. Die Eltern muslimischer Kinder bestanden darauf, dass für das Essen im Trainingslager ein neues Fritteusenöl verwendet wird, wenn darin zuvor die Schweinsschnitzel gebacken wurden. „Wir haben ihnen versichert, dass wir frisches Öl verwenden. Das haben uns viele aber nicht geglaubt“, erzählt Sodl. Die Eltern wollten ihre Kinder nicht am Trainingslager teilnehmen lassen, als Folge hat der Verein alles abgesagt. „Das war irrsinnig schade, aber wir haben so reagieren müssen.“
Slovan ist kein Verein mit einer politischen Mission oder Leitlinien zu Inte gration, Inklusion und interkultureller Arbeit. „Wir reden nicht von Integration, wir machen einfach“, sagt Sodl. „Ich glaube, dass es gar nicht anders geht.“ Mit diesem pragmatischen Ansatz machen Slovan und sein Sektionsleiter viel – und viel mehr, als in den Statuten eines gewöhnlichen Fußballklubs steht. Zum Beispiel auch eine mehrstündige Fahrt nach Tirol, die Sodl gemeinsam mit einem seiner Fußballer antrat. Vor ein paar Monaten wurde ein Spieler aus Marokko von den Behörden zur Asylverhandlung geladen, der Verein organisierte einen Anwalt, und Sodl begleitete den Spieler. „Marokkaner werden alle in Innsbruck verhandelt“, sagt er. Die Unterstützung reichte nicht, der Asylantrag wurde abgelehnt. „Er war super integriert, wir haben alles versucht, eine Unterschriftenliste gestartet und so weiter. Es hat nichts geholfen.“ Im August musste der Spieler das Land verlassen.
GASTARBEITER, AUSLÄNDER, MIGRANTEN
Zuwanderung verändert sich. In Wien sind heute Serben, gefolgt von Türken und Deutschen, die größten ausländischen Bevölkerungsgruppen. Auf die Arbeitsmigranten seit den 1960er Jahren folgten ab den 1990er Jahren Menschen auf der Flucht vor Kriegen und Armut. Manche derjenigen, die als Gastarbeiter kamen, sind wieder zurückgekehrt, andere sind geblieben und haben heute die österreichische Staatsbürgerschaft. Das ist nicht nur in Wien so, es ist Teil der Geschichte Europas. In Berlin haben rund 200.000 der 3,6 Millionen Einwohner die türkische Staatsangehörigkeit oder Wurzeln in der Türkei. Das sind mehr Menschen als irgendwo sonst außerhalb der Türkei. 1978 begannen einige junge Männer, im Stadtteil Kreuzberg Fußball zu spielen, zunächst in einer Hobbyliga, einige Jahre später in der Amateurliga. Sie nannten ihren Verein BFC Izmirspor, nach der Stadt, aus der die meisten von ihnen kamen. 1987 wurde daraus Türkiyemspor Berlin.
„Es hat das Gefühl gegeben ‚Wir arbeiten und leben hier, bleiben aber immer die Ausgegrenzten. Doch im Fußball können wir auch einmal gewinnen.‘“
Harald Aumeier, der ehrenamtlich die Pressearbeit des Klubs betreut, ist nicht aus der Türkei und nicht einmal aus Kreuzberg. Er ist im Nachbarbezirk Neukölln groß geworden und in den 1980er Jahren als Teenager zu Türkiyemspor gekommen. Früher sei seine Familie zur Hertha gegangen, erzählt er. Doch die Atmosphäre im Olympiastadion samt Bierwürfen und Naziparolen habe dem Vater nicht gefallen. Zufällig stieß die Familie auf Türkiyemspor. „Da war eine ganz andere Stimmung“, sagt Aumeier. „Es waren viele Kinder da, die einfach herumgelaufen sind. Und ältere Männer an Campingtischen, die Raki getrunken und Melonen gegessen haben.“ Doch nicht nur die Atmosphäre war anziehend, sondern auch der Erfolg. 1987 stieg Türkiyemspor in die drittklassige Oberliga auf. „Die meisten Fans waren damals türkischsprachig, es sind aber auch viele Migranten aus anderen Ländern gekommen“, sagt Aumeier. „Es hat das Gefühl gegeben ‚Wir arbeiten und leben hier, bleiben aber immer die Ausgegrenzten. Doch im Fußball können wir auch einmal gewinnen.‘“
WIENER NAMEN
Seitdem ist Türkiyemspor ab- und aufgestiegen und wie so mancher Klub auch einmal in die Insolvenz geschlittert. Der Verein wurde mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel 2007 mit dem Integrationspreis des Deutschen Fußball-Bundes. Die Bezeichnungen des Klubs haben sich gewandelt. „Früher waren wir der Gastarbeiterklub, dann der Ausländerverein, jetzt der Migrantenverein“, sagt Aumeier. „Vielleicht werden wir irgendwann transnational genannt. Die Veränderungen spiegeln den Umgang mit Migration wider.“ Wie es in der Zukunft einmal aussehen soll, wer aus welchen Gründen bei Türkiyemspor, Sparta Lichtenberg und Croatia Berlin spielt, das stelle er sich unabhängig von nationaler Herkunft vor. „Es müsste darauf hinauslaufen, dass die Namen der Vereine noch die Geschichte ihrer Gründer erzählen, aber die Leute dabei sind, weil es dort Mädchenfußball gibt, weil sie die Farben mögen oder die Zusammensetzung des Vereins oder weil sie aus dem Bezirk kommen.“
Aumeiers Traum erinnert ein bisschen an den SK Slovan HAC aus Penzing. Der Klub gehört zu den ältesten Vereinen der Stadt, er wurde 1902 von Angehörigen der damals größten Zuwanderergruppe gegründet, den Tschechen. Um 1900 war Wien gemäß der Einwohnerstatistik nach Prag die zweitgrößte tschechische Stadt. Die Spuren sind heute unübersehbar – dafür reicht ein Blick ins Telefonbuch, ein Spaziergang auf einem Friedhof oder der Besuch eines Fußballspiels. Viel wienerischer als Nowak, Horak, Jelinek und Prohaska können Nachnamen nicht klingen. Ihre Träger gehören längst zu Österreich.
WERTE STATT RECHTE
Als Erfolgsindikatoren für Integration gelten heute die gelungene Einbindung in Bereiche der gesellschaftlichen Teilhabe – Arbeitsmarkt, Bildung, Wohnen. „Wir beobachten derzeit eine Erweiterung der Anforderungen“, sagt Soziologe Reinprecht. „Im Fokus stehen zunehmend das Erlernen der Sprache und die Übernahme von Werten.“ Auf der Strecke bleibt aus seiner Sicht das, was im Mittelpunkt eines Integrationskonzepts stehen sollte, nämlich eine rechtliche Teilhabe. Die Statistik stützt diesen Befund. Der Integrations- und Diversitätsmonitor der Stadt Wien konstatiert für die Jahre 2013 bis 2016 eine Einbürgerungsquote von 0,6 Prozent. 2018 waren fast 30 Prozent der wahlfähigen Einwohner aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft vom Wahlrecht ausgeschlossen. „Unsere Gesellschaft tut sich schwer damit, sogenannte Fremde mit gleichen Rechten auszustatten“, sagt Reinprecht. „Man muss alle Leistungen erbringen, ist aber trotzdem nicht gleichgestellt.“
Werden Migration und Integration vor allem als Leistungserwartung an Einzelne gesehen und nicht als gesellschaftlicher Prozess, erhöht sich der Druck auf jene, die die Leistung erbringen müssen. Der Fußball verspricht hier einen Ausweg, er bietet die Aussicht auf Zugehörigkeit und Anerkennung. Als Türkiyemspor Berlin in den 1980er Jahren entstand, war der Fußball der gemeinsame Nenner zwischen alter und neuer Heimat der Gründer. „Fußball ist für Menschen mit türkischem Background der Sport schlechthin und für Menschen mit deutschem Background auch“, sagt Harald Aumeier. Und die Türkei, Deutschland und der Fußball hätten noch eine Gemeinsamkeit – sie sind Männergesellschaften. Türkiyemspor hat seinen Teil zur Veränderung dieser Gesellschaften beigetragen.
KREUZBERGER MISCHUNG
Seit 2004 betreibt der Klub eine Mädchenabteilung – weil Mädchen genau dort spielen wollten. Der Klub begann mit einem Team für Zehn- und Elfjährige und baute die Abteilung langsam und nicht ohne Schwierigkeiten auf. „Es war nicht immer leicht, die Eltern zu überzeugen.“ Doch der Erfolg half. „Andere Vereine mit eher konservativem türkischen Hintergrund haben angefangen, unser Konzept zu kopieren und Teams für Mädchen anzubieten. Je mehr Vereine das tun, desto größer wird die Akzeptanz“, sagt Aumeier. „Je mehr die türkischsprachigen Medien berichten, desto mehr wird es zur Normalität.“ Zu dieser Normalität gehört, dass bei Türkiyemspor immer auch Mädchen aus deutschen Familien dabei gewesen sind. „Wir hatten in den Teams von Anfang an die Kreuzberger Mischung, das ist bis heute so.“ Es gibt Teams in jedem Altersbereich, häufig trainiert von Spielerinnen aus dem Klub. Das Frauenteam könnte bald in die drittklassige Regionalliga Nord aufsteigen. „Viele Spielerinnen sind durch den Fußball und die Aufgaben, die sie im Verein übernehmen, sehr selbstbewusst geworden“, sagt Aumeier.
Die Stärkung von Mädchen durch Fußball ist auch das Ziel des Projekts „kickmit“, das in Kooperation mit Schulen in Wien, Salzburg und Vorarlberg Mädchenfußball anbietet und dabei besonders Kinder aus migrantischen Familien einbindet. Der ÖFB fördert den Verein. Der Verband ist bemüht, verstärkt Ressourcen in den Bereich Integration zu stecken. „Fußball ist eine Sportart, in der Integration vergleichsweise leicht gelebt werden kann. Der ÖFB ist sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst“, sagt Generalsekretär Thomas Hollerer. „Als größter Sportfachverband des Landes stehen wir für Vielfalt, Toleranz und Integration in allen Bereichen der Gesellschaft.“ Mit dem „Social Football Award“ – finanziert durch die UEFA – sind heuer erstmals Initiativen ausgezeichnet und finanziell bedacht worden.
DIE WELT ALS VEREIN
Doch die entscheidenden Dinge passieren an der Basis. „Wer im Fußballverein des Orts ankommt, hat die Integration in der Gemeinde im Regelfall geschafft“, sagt Rudi Anschober von den Grünen. Der Landesrat war 2016 an der Entwicklung der Integrationsinitiative des Oberösterreichischen Fußballverbands beteiligt. In Kooperation mit dem Beratungszentrum „migrare“ fanden bei Vereinen Workshops zur interkulturellen Kompetenz statt, und der „Sprachpass“, ein Heft mit Fußballvokabeln in verschiedenen Sprachen, wurde an die Klubs verschickt. Vor allem aber sollten Aktive und Ehrenamtliche ermuntert werden, selbst Initiativen zu setzen. Anschober zählt Beispiele auf. Er erzählt von den Trainern in Leopoldschlag, die Asylwerber aus den außerhalb liegenden Unterkünften zum Trainieren abholen, von den gemeinsamen Trainings von Flüchtlingen und Alten Herren in Enzenskirchen und von dem Klub in Altheim, der auf den Mitgliedsbeitrag verzichtet. „In Sankt Oswald sind jetzt Asylwerberinnen im Frauenteam dabei, bei Vöcklabruck spielen zwei Frauen aus dem Kongo und in Traun eine Iranerin.“
Bis es so weit ist und Spieler und Spielerinnen tatsächlich für einen Verein im Ligabetrieb auflaufen dürfen, sind allerdings einige verbandsrechtliche Hürden zu nehmen: Es braucht einen Identitätsnachweis, meist eine Geburtsurkunde, eine Meldebestätigung, ein ärztliches Attest, bei Minderjährigen eine Zustimmung der Eltern und bei Vereinswechseln eine Abmeldung vom bisherigen Klub – Anforderungen, die viele Flüchtlinge nicht erfüllen können. Gemeinsam mit den Landesverbänden, dem ÖFB und der FIFA wurden hier unbürokratisch Lösungen gefunden, um etwa minderjährige Spieler aus Syrien auch ohne Geburtsurkunden registrieren zu können.
DIE LÜCKEN FÜLLEN
In der öffentlichen Debatte um Flüchtlinge, Migranten und Integration sind bürokratische Hindernisse und rechtliche Ungleichheit selten Thema, hier stehen Deutschkenntnisse und Kopftücher im Fokus. Für die Betroffenen ist das anders, denn trotz aller Projekte von Landesregierungen, Städten und Fußballverbänden, trotz Ausnahmeregelungen für Geburtsurkunden und Mitgliedsbeiträge ist der Weg in den Fußballverein doch mitunter zu steinig. So kommen viele Jugendliche, die gerne Fußball spielen wollen, dann einmal wöchentlich auf den Wiener Ankerbrot-Platz zu „Kicken ohne Grenzen“. Wie viele andere Initiativen ist auch diese im Herbst 2015 entstanden – weil das, was staatliche Stellen tun konnten und wollten, nicht ausreichte. Und weil es das Bedürfnis vieler Menschen gab, selbst etwas zu tun, um Geflüchteten die Ankunft zu erleichtern. Damals entstand in Wien auch der Verein „Fremde werden Freunde“, der unter anderem Freizeitaktivitäten anbietet. Wer etwas vom Fotografieren versteht, gibt sein Wissen weiter. Wer gerne joggt, gründet eine Laufrunde im Prater. Geschäftsführerin Lisa Pölzl erzählt, dass zu den Sprachcafés, die der Verein organisiert, auch Menschen kämen, die schon lange in Österreich leben. „Das, was wir machen, füllt eine Lücke“, sagt sie. „Bei uns steht der Kontakt auf Augenhöhe im Mittelpunkt. Es ist ein gleichberechtigtes Miteinander.“ Profitieren würden davon längst nicht nur Flüchtlinge – die inzwischen ohnehin selbst Deutschkurse und Kochabende anbieten –, sondern auch die Österreicher. „Sie haben so das Gefühl, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten“, sagt Pölzl und fügt hinzu: „Letztlich stärkt das auch die Demokratie. Das wollen wir den Menschen, egal ob neu im Land oder nicht, vermitteln.“
Wertvolle Lückenfüller sind sie auch bei Slovan, nicht nur weil der Trainer in seiner Freizeit schon einmal nach Tirol fährt, sondern wegen der täglichen ehrenamtlichen Arbeit. „Von den Politikern weiß kaum jemand, was in den Sportvereinen geleistet wird. Nicht nur im Fußball“, sagt Matthias Sodl. Dem Sektionsleiter geht es nicht allein um Anerkennung, sondern um Wünsche nach dem ganz Grundsätzlichen: die Instandhaltung von Fußballplätzen. „Die Stadt hat dafür kein Geld, aber das ist notwendig, wenn die Kinder weiterhin Sport machen sollen“, sagt er. „Es gibt auch zu wenige Plätze. Und uns fehlen Trainer – Leute, die ihre Freizeit in die Arbeit mit Kindern stecken.“
DER TRAUM VOM AUFSTIEG
Von solchem Engagement hat auch Ümit Korkmaz, der berühmteste Sohn des Vereins, profitiert. In der Kantine hängen seine Trikots von Slovan, Rapid und Eintracht Frankfurt an der Wand. „Er ist unser Aushängeschild“, sagt Sektionsleiter Sodl über den früheren Nationalteamspieler. Korkmaz wuchs als Sohn türkischer Einwanderer im 15. Bezirk auf. „100 Prozent Gastarbeiterfamilie“, sagte er einmal im ballesterer-Interview – und dass er schon immer gewusst habe, dass er Fußballer werden wolle. Auch wenn die Eltern sich etwas anderes vorgestellt hätten. Was Korkmaz für Slovan ist, sind David Alaba und Aleksandar Dragovic für die Austria. Geboren in Wien, Kinder von Eltern nicht-österreichischer Herkunft und Teamspieler – sie verkörpern den Traum vom sozialen Aufstieg durch Fußball. Der Traum, der sich im Fußball so leicht träumen lässt, weil es der Nationalsport ist, für den es keine teure Ausrüstung, keine Berge und keinen Skipass braucht. Kicken kann man im Park, auf der Straße, im Käfig und mit dem Segen der Eltern sogar in der Wohnung.
„Der Fußball ist ein offenes Feld. Dort ist egal, wo du her bist“, sagt Ralf Muhr. Er arbeitet an dem Ort, wo die talentierten Träumer Alaba und Dragovic ihre Jugend verbrachten: in der Akademie von Austria Wien. Der Verein betreut hier etwa 180 Kinder und Jugendliche. Von den 66 Spielern zwischen U15 bis U18 haben 28 einen Migrationshintergrund, elf eine ausländische Staatsbürgerschaft. Was Austria-Sportdirektor Muhr zum Thema Integration sagt, klingt wie bei Matthias Sodl in der Wiener Liga: „Integration ist bei uns eine gelebte Geschichte. Es ist ganz normal für jeden Trainer, Spieler unterschiedlicher kultureller und religiöser Backgrounds zu haben.“ Das präge den Umgang und den Speiseplan, doch ohne großes Aufheben. „Ein Menü ohne Schweinefleisch gibt es bei uns genauso wie ein veganes Menü.“ Auch Muhr kann von Diskussionen mit Eltern über die Einhaltung der Fastenregeln berichten, von Gesprächen und dem Versuch, zu einem gegenseitigen Verständnis zu kommen. Und er berichtet vom Ehrgeiz der Jugendlichen, insbesondere jener, die, wie er sagt, vielleicht nicht so wohlbehütet aufwachsen. „Das ist ein Klischee, aber es wird auch oft bestätigt: Spieler, für die nicht alles im Umfeld schon erledigt wird, wollen es mehr und strengen sich mehr an.“
KEINE ARNAUTOVICS GESUCHT
Vielleicht werden es Austrianer aus dem heurigen U15-Jahrgang einmal ins Nationalteam schaffen. Den Slovan-Spielern, den Asylwerbern in Enzenskirchen und den Buben und Mädchen von „Kicken ohne Grenzen“ wird das eher nicht gelingen. Auch wenn aus dem Fußball für sie keine Karriere wird, ist er eine Hilfe, ein Anker in der neuen Heimat. „Es geht nicht darum, dass die Arnautovics in 15 Jahren aus Syrien und Afghanistan kommen“, sagt Landesrat Anschober. „Es geht um das Verbindende.“
Das österreichische Nationalteam verrät viel über die Geschichte von Gastarbeitern, Ausländern, Migranten und Geflüchteten. Ebenso wie andere europäische Mannschaften spiegelt es die Realität der Gesellschaften wider: die Vielfalt, zu der ein evangelikaler Schwarzer, der Wienerisch redet, ebenso gehört wie ein Ersatzkapitän, der die Rolle des Jugo-Proleten perfekt beherrscht, und der Sohn eines Gemeindebediensteten aus einem 300-Einwohner-Dorf in Kärnten.
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