„Er hat Freude am Dasein.“ In der Stimme von Sylvia Stotz schwingt dasselbe Gefühl mit, als sie von ihrem Mann Karl erzählt. Spazieren gehe er auch noch immer gern. Zweimal in der Woche kommen zwei starke Burschen zu ihnen nach Hause in Seefeld in Tirol, die ihn dabei unterstützen. Seit einem Schlaganfall vor sechs Jahre ist Karl Stotz linksseitig gelähmt und im Alltag auf einen Rollstuhl angewiesen. „Und jetzt kommt halt langsam die Demenz dazu“, sagt Sylvia Stotz. „Er hat gute und schlechte Tage. Er liest Zeitungen, schaut sich Fußballspiele im Fernsehen an.“ Mit einem Lächeln ergänzt sie: „Meistens schläft er zur Halbzeit ein.“
558 Spiele bestritt Karl Stotz von 1951 bis 1963 für die Wiener Austria, als Aktiver wurde er viermal mit den Wienern Meister und zweimal Cupsieger. 42-mal trug er das Teamtrikot, 1982 führte er Österreich als Teamchef zur WM, ehe er noch vor Turnierbeginn von ÖFB-Präsident Karl Sekanina entlassen wurde. Leicht hatte es Karl Stotz nicht immer, doch beschwert hat er sich selten. Am 27. März feierte er seinen 90. Geburtstag.
Vergessener Violetter
„Ich habe ihn vor der EM 2008 zum letzten Mal interviewt“, sagt Kurier-Journalist Wolfgang Winheim im ballesterer-Gespräch. „Da hat er gemeint: ‚Glauben Sie denn wirklich, dass meine Person für die Leser interessant ist? Mich kennt doch keiner mehr.‘“ Ganz unrecht hat Stotz mit dieser Einschätzung wohl nicht gehabt, tatsächlich ist er aus dem öffentlichen Gedächtnis weitgehend verschwunden. Anlässlich der 90-Jahr-Feier der Austria wurde er 2001 noch ins violette Jahrhundertteam gewählt, beim 100-jährigen Jubiläum 2011 war er bei der Wahl unter den Fans schon kein Thema mehr. Dabei ist die Geschichte des Karl Stotz untrennbar mit der Wiener Austria und Favoriten verbunden.
1927 wird er im zehnten Wiener Gemeindebezirk geboren. Mutter Barbara arbeitet als Köchin im Hotel Imperial, Vater Andreas stirbt früh. In der Talenteschmiede von Leopold „Papa“ Watzinger beim FC Wien lernt Karl Stotz das fußballerische Handwerk. Der Trainer wird zum Ersatzvater, nach seinem Tod wird Watzinger sogar im Stotz-Familiengrab begraben. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wird der 18-jährige Karl Stotz eingezogen und an die Ostfront geschickt. In Polen gerät er in Kriegsgefangenschaft. 30, 40, 50 Tage seien sie in Viehwaggons gen Osten transportiert worden – das habe ihm Karl Stotz erzählt, sagt Winheim. In Stalingrad kommt er in ein Kriegsgefangenenlager und arbeitet in einer Traktorenfabrik am Fließband. Von den 5.000 Gefangenen sollte rund die Hälfte an Krankheiten sterben. Stotz, abgemagert auf 48 Kilo, rettet vermutlich der Fußball das Leben. Als im Lager eine Fußballmannschaft gegründet wird, nutzt Stotz seine Chance. Er kommt in die Mannschaft und erhält bessere Verpflegung. Doch erst 1948 kehrt er aus der Kriegsgefangenschaft zurück.
Auf der Bank
Beharrlich trainiert sich der 1,79 Meter große Verteidiger auf sein Idealgewicht von 70 Kilo zurück. Zum Saisonstart der Staatsliga 1948 scheint Stotz dennoch nicht im Kader des FC Wien auf. Dann revoltieren vor dem Auftaktmatch gegen die Austria sieben Spieler der Kampfmannschaft. Trainer Watzinger lässt die halbe Jugendmannschaft auflaufen, mit Karl Stotz in der Innenverteidigung. Die 1:2-Niederlage gegen den Favoriten wird in der Presse wie ein Sieg gefeiert. In der Sportschau von 31. August 1948 heißt es: „Von diesem Verteidiger Stotz wird man noch so einiges hören.“ Den Stammplatz macht dem damals 21-Jährigen danach niemand mehr streitig. Zwei Jahre später debütiert Stotz im Nationalteam. Beim 3:3 am 19. März 1950 gegen die Schweiz sind die Kritiken allerdings vernichtend. Erst zwei Jahre später, nach seinem Wechsel zur Austria im Winter 1951/52, kommt Stotz wieder zu Teamehren.
„Stoisch heißt im Lexikon ‚ganz beherrscht‘. Stopper heißt die Verteidigerposition, die man heute Libero nennt. Und ein Austrianer verkörperte beides bis zur Perfektion: Karl Stotz.“ So charakterisiert Dietmar Chmelar den Verteidiger in seinem Buch „Ballett in Violett“. „Eine unglaubliche Ruhe am Ball. Immense Übersicht. Und am allerwichtigsten: ein weltklasse Stellungsspiel“, sagt Journalist Winheim. Wenn Stotz von sich selbst sprach, klang das wesentlich bescheidener. „Ich spielte ja Verteidiger. Ganz vorne ist es viel schwerer“, sagte er in einem Interview. „Meine Stärke war es stets, die Zusammenhänge zu erkennen und das Spiel zu durchschauen.“
Im Zweikampf ist er eine Macht. Am Boden, wie in der Luft. Nur selten muss er zum Sliding Tackling greifen. Sein Talent bringt Stotz 1955 eine Einberufung ins FIFA-Weltteam. Zum Einsatz kommt er in der von seinem Teamkollegen Ernst Ocwirk angeführten Mannschaft gegen England aber nicht. Der Stoiker nimmt es hin – wie auch seine Ausbootung vor der WM 1954. In beiden Qualifikationsspielen gegen Portugal 1953 und bis zum letzten Testspiel vor der WM gegen Norwegen ist Stotz mit Ernst Happel und Gerhard Hanappi in der Verteidigung gesetzt. Bei der Endrunde vertrauen Teamchef Walter Nausch und Trainer Eduard Frühwirth aber dem zwei Jahre älteren Leopold Barschandt vom Wiener Sport-Club, der vor dem ersten Gruppenspiel gegen Schottland lediglich zwei Teamspiele absolviert hatte. Obwohl er nicht zum Einsatz kommt, steuert er für das WM-Buch des ÖFB einen Bericht unter dem Titel „Vom Reservistenbankerl gesehen“ bei.
Der Sir
Im Sommer 1954 bekommt Stotz ein Angebot des Bologna FC. Zum Wechsel kommt es allerdings nicht, denn die Regeln des ÖFB besagen, dass Spieler erst ab 28 ins Ausland gehen dürfen, er ist 27. Stotz trauert dieser Chance nie nach. Auch wenn der Fußball seinen Alltag bestimmt, wagt er früh den Blick über den Tellerrand hinaus. „Vormittag Trainings, Nachmittag frei. Das war mir zu fad“, wird er in Chemlars Buch zitiert. Stotz geht ins Burgtheater, um an seiner Aussprache zu feilen. Bei der Firma Tonko heuert er als Vertreter an – zunächst für den Verkauf von Rechenmaschinen, später von Computern. Seit dieser Zeit spricht er nach der Schrift und wählt seine Worte mit Bedacht. Was für ihn später auch als Trainer charakteristisch wird: „Von Trainern wie Otto Baric und Hans Krankl hast du oft schlagzeilentaugliches Material bekommen“, sagt Winheim. „Bei Stotz war das nie der Fall.“
Der introvertierte Stotz passt ohnehin nicht recht in die raue Welt des Fußballs. Seinem eleganten Spiel und seinem Auftreten verdankt er früh den Spitznamen „Sir Karl“. Bei der Austria wird er nach dem Abgang von Ocwirk 1956 Kapitän. Mit seinem einzigen Länderspieltor beim 3:2 gegen die Niederlande schießt Stotz Österreich zur WM 1958, bei der er ein Spiel bestreitet. Erst jenseits der 30 sollte er eine zentrale Rolle im Nationalteam einnehmen. „Wir brauchen einen zweiten Mann im Abwehrzentrum neben mir“, soll Stotz 1958 dem jungen Teamchef Karl Decker gesagt haben. „Hol den Koller zurück.“ Stimmt die Legende, ist Stotz damit für das 4-2-4-System mitverantwortlich, mit dem in der Decker-Ära das österreichische Team von Sieg zu Sieg eilen wird. Teamkollegen wie Rudi Flögel kommen heute noch ins Schwärmen, wenn sie vom Abwehrspieler Stotz sprechen: „Was der allein beim berühmten 1:0-Sieg in Moskau gegen die Sowjetunion geleistet hat, ist nicht zu beschreiben“, sagt Flögel.
Zwischen den Weltmeisterschaften
Doch die 0:6-Niederlage gegen die Tschechoslowakei im September 1962 bedeutet nicht nur das Ende der Decker-Ära, sondern ist auch das 42. und letzte Länderspiel von Karl Stotz. Mit 36 Jahren und nach dem vierten Meistertitel mit der Austria beendet er ein Jahr später seine aktive Karriere. Auf Wunsch von Funktionär Joschi Walter kehrt er 1972 zum Fußball zurück – als Austria-Trainer. Die Saison verläuft enttäuschend, im März 1973 wird er von Bela Guttmann abgelöst. Doch drei Jahre später bittet Walter Stotz neuerlich zurückzukehren. 1976 holt er den Meistertitel, 1977 den Cup. Eine neue berufliche Herausforderung lässt ihn dann sein Engagement bei seinem Herzensklub beenden. Präsident Leopold Böhm überträgt ihm die Leitung eines Wiener Modecenters, doch bald wird er sich wieder dem Fußball widmen. „Als Stotz 1978 ins Büro Böhms gerufen wurde, warteten dort ÖFB-Präsident Karl Sekanina und Gewerkschaftsboss Anton Benya. Böhm legte Stotz beim Teamchefangebot nichts in den Weg“, schreiben Peter Linden und Karl-Heinz Schwind in ihrem Buch „Highlights des österreichischen Fußballs“.
„Unter Stotz hat Österreich den schönsten Fußball gespielt, den man vom Nationalteam in der jüngeren Vergangenheit gesehen hat“, sagt Kurier-Journalist Winheim. Das Team ist nach der WM 1978 reifer geworden. Das beste Spiel in der vierjährigen Stotz-Ära ist der 4:3-Sieg gegen England im Praterstadion. Die Qualifikation zur EM 1980 in Italien verpasst seine Mannschaft knapp, für die WM 1982 in Spanien qualifiziert sich Stotz aber souverän. Und dennoch wird er nicht zur Endrunde fahren.
Spion im Teamcamp
Das 0:0 gegen Bulgarien am 11. November 1981 in Sofia bringt den nötigen Punkt zur Qualifikation. Direkt nach dem Spiel reisen ÖFB-Präsident Sekanina und Kapitän Hans Krankl per Learjet zurück nach Wien. Das Team folgt erst am nächsten Tag. Bis heute halten sich Gerüchte, dass Krankl bei Sekanina gegen den Teamchef intrigiert habe. Im Dezember 1981 gibt der ÖFB–Präsident Stotz bei einem als Jahresbilanz bezeichneten Pressetermin des Verbands zum Abschuss frei. Ein Psychologe war ins Teamquartier in Lindabrunn eingeschleust worden, er gab sich als Student aus, der an seiner Diplomarbeit schrieb. Der Bericht des vermeintlichen Studenten besagt, dass Stotz keinen Draht zur Mannschaft habe. Sekanina sucht weitere Gründe, um Stotz loszuwerden Er habe seine Funktion als Teamchef für persönliche Geschäfte genutzt, heißt es vom ÖFB-Präsidenten. Stotz hatte seiner alten EDV-Firma einen Geschäftstermin mit dem Bürgermeister von Ybbs für eine neue Computeranlage vermittelt und sich den Vortrag angehört. Der ÖFB entlässt ihn fristlos. Stotz zieht vor das Arbeitsgericht und bekommt Recht. 971.122 Schilling Schmerzensgeld können die WM in Spanien aber nicht ersetzen.
Stotz leidet und schweigt. Schlechtes über den ehemaligen ÖFB–Präsidenten sagt er öffentlich nie, er zieht es vor, gar nichts zu sagen. „Den Namen Sekanina hat man in unserm Haus lange nicht in den Mund nehmen dürfen“, sagt Sylvia Stotz. Sie verkörpert für ihren Mann die wichtigste positive Erinnerung an seine Zeit als Teamchef. „Wir haben uns am 30. März 1980 kennengelernt“, sagt sie. Das Team logierte vor einem Länderspiel gegen Deutschland in München im Hotel President, dem sie als Direktorin vorstand. 1988, nach seinem letzten Trainerengagement bei der Austria, ziehen die beiden nach Seefeld.
Zum aktuellen Fußball hat sich Stotz danach nicht mehr geäußert. „Ich halte den Vergleich der unterschiedlichen Generationen für falsch“, hat er Winheim erzählt. Als Beleg dient ihm auch eine Anekdote von der WM 1954: „Der Teamchef hat uns eine Aufzeichnung aus der Wunderteam-Ära gezeigt – ein Spiel gegen Italien. Als einige Spieler zu lachen begonnen haben, hat er den Projektor abgedreht.“ In Seefeld frönte Stotz seinem neuesten Hobby: Golf. „Am Tag vor seinem Schlaganfall hat er 18 Löcher gespielt und ist dann sogar noch auf die Wildmooser Alm spaziert“, erzählt seine Frau. Seitdem ist vieles anders. Gejammert hat Stotz nicht. Sylvia Stotz lächelt: „Er ist froh, dass er da ist.“