Das südmährische Dorf Kozlov unweit der Regionalhauptstadt Jihlava hält relativ konstant eine Einwohnerzahl von 450. Lange Zeit hatte der Ort jedoch gleich drei Fußballvereine, die nunmehr alle im TJ Kozlov aufgegangen sind. Am 25. Juni 1995 kam es am örtlichen Fußballplatz zu einer seltsamen Begebenheit. Die Senioren von Slavia Prag trafen auf die Veteranen des TJ Kozlov. Unter den Zuschauern war der frühere österreichische und tschechoslowakische Teamspieler Josef Bican, auch ein Emissär der österreichischen Botschaft in Prag reiste an. Das Spiel war nebensächlich, interessant war der Anlass: Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs war Stadtarchivar Vlastimil Sverak die Geschichte eines gewissen Matthias Sindelar zu Ohren gekommen, der es in Wien zu Weltruhm gebracht hatte, dessen Wurzeln aber in der Gegend um Jihlava lagen. Ihm zu Ehren wurde am Sportplatz eine Gedenktafel enthüllt. Sindelars gibt es in Kozlov keine mehr. Die Geburtsurkunde eines Matej Sindelar, Sohn von Jan und Marie, vom 10. Februar 1903 in Kozlov allerdings ist noch erhalten.
Um Matthias Sindelar ranken sich bis heute Mythen. War er der größte Fußballer Österreichs? Oder doch nur Wiens? War der gebürtige Mährer im Dienste des österreichischen Nationalteams mit der feinen Ballbehandlung der Ungarn so etwas wie das Spiegelbild der vergangenen Monarchie? Oder als prominenter Werbeträger der Inbegriff der Zukunft des modernen Fußballs? Ganz sicher war Sindelar ein Geburtshelfer – des „Wunderteams“ und der schönsten Austria aller Zeiten.
Kinder aus Favoriten
Als Matej Sindelar drei Jahre alt ist, zieht seine Familie in den Wiener Arbeiterbezirk Favoriten. Der Vater ist als Hilfsarbeiter am Bau mehr schlecht als recht versorgt, die Mutter hält die Familie als Betreiberin einer Wäscherei mit über Wasser. Eine Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in der Quellenstraße 75, Tür 1. Zwei Fenster auf die Straße, zwei in den Innenhof. 1910 kommt Sindelar im Nachbarhaus in die Volksschule. Ein guter Schüler ist er nicht, Lehrer Karl Weimann wird aber eine zentrale Bezugsperson. Weimann war selbst Fußballer beim SC Rudolfshügel, neben der SPC Hertha der wichtigste Verein Favoritens. Das Gebiet hinter dem Südbahnhof ist in zwei Sphären geteilt. Westlich der Favoritenstraße sind die Fans vom SC Rudolfshügel zu Hause, östlich davon schwört man auf die Hertha. Weimann ermutigt die Heranwachsenden, sich dem noch jungen Sport anzunähern. Schon bald ist die Steinmetzwiese, eine Gstetten gegenüber der Wohnung der Familie, ein zweites Zuhause. Sindelars Schulzeit endet 1917 mit der Wiederholung einer Schulstufe in der Kaiser-Franz-Josef-Jubiläums-Bürgerschule für Knaben auf der Favoritner Kreta, dem damals berüchtigtsten Grätzl Wiens.
Am 20. August 1917 fällt Sindelars Vater im Ersten Weltkrieg. Der Schicksalsschlag lässt den 14-Jährigen noch enger an seine Mutter rücken. Die Alleinerzieherin kann sich, ihren Sohn und ihre drei Töchter finanziell kaum über Wasser halten. Der später umjubelte Star teilt damit das Schicksal seiner Umgebung. „Favoriten ist der Bezirk der Sorgen, in dem es Kinder gibt, die nie das Vorrecht der Jugend, unbesorgt andere für sich sorgen zu lassen, in Anspruch nehmen dürfen. Sie wissen schon, was der Kampf ums Leben bedeutet, bevor sie wissen, was das Leben ist“, schreibt das Wiener Sport Tagblatt später über den Werdegang Sindelars. Schon im Jänner 1917 hat das Favoritner Bezirksblatt bemängelt, dass viele Erwerbszweige seit Kriegsbeginn kaum noch Lehrlinge finden. Sindelar nutzt die Gelegenheit, er lernt in der Karosseriefabrik der Brüder Schafranek das Schlosserhandwerk. Später arbeitet er in der Automobilfabrik Arsenal.
Der Papierene kombiniert
Seine fußballerische Lehre macht Sindelar beim SPC Hertha, am 26. Mai 1918 wird er beim Wiener Fußballverband angemeldet. Mutter Marie soll darüber sehr erfreut gewesen sein, so bekommt der Bub doch festes Schuhwerk und zumindest bei den Trainings eine ordentliche Mahlzeit am Tag. Die Nachwuchsarbeit der Hertha hat den Ruf, die beste der Stadt zu sein. Der Wiener Fußball steht gerade kurz vor seiner Blütezeit. Sindelars Technik fällt bald auf, ebenso seine Schmächtigkeit, die auf die mangelnde Verpflegung während des Ersten Weltkriegs zurückgeführt wird. In zeitgenössischen Quellen wird er als Leichtgewicht tituliert, doch wiegt er bei einer Körpergröße von 1,78 Meter etwa 73 Kilo. Damit ist er in der Klasse späterer Stars wie Bobby Charlton, Michel Platini und Luis Figo und sogar schwerer als Neymar.
Doch die frühen 1920er Jahre sind noch nicht die Zeit der großen Techniker. Die tanks, bullige Spielertypen wie Josef Uridil von Rapid, gelten als Idealtypus des Fußballers, allerdings zunehmend mit Ablaufdatum. Ein Fußballfan namens Felix, so will es die Legende, soll Sindelar, nachdem dieser über den Haufen gerannt worden ist, abfällig einen „Papierenen“ genannt haben. Die Presse mokiert sich, wenn sie ihn kritisieren will, über Sindelars schlaksiges Aussehen. Karl-Heinz Schwind zitiert in seinem Buch „Geschichten aus einem Fußballjahrhundert“ jedoch auch eine andere zeitgenössische Meinung: „Sindelar spielte betont körperlos, weil er auf seine unübertreffliche Technik setzte. Er war aber in Zweikämpfen keineswegs zimperlich und ging ihnen auch absolut nicht aus dem Weg. Im Gegenteil, Sindelar konnte, wenn gefordert, sogar sehr hart einsteigen.“
Erstmalig in der Sportpresse erwähnt wird Sindelar im Wiener Sport-Tagblatt am 10. Oktober 1921, als er beim Spiel zwischen der Meidlinger Wacker und der Hertha ein unauffälliges Debüt in der Startelf gibt. Wenige Wochen später gilt Sindelar bereits als die Nummer eins in der Stürmerreihe der Favoritner, hat mit seinem ungewöhnlichen Spielstil aber noch Abstimmungsprobleme in der Mannschaft. Nach einer Niederlage gegen die Hakoah schreibt das Sport-Tagblatt im März 1922: „Sindelar kombinierte hin und kombinierte her, er fand jedoch keine Gegenliebe, und da zum Kombinationsspiel mindestens zwei gehören, fielen seine schönen Pläne ins Wasser. Wenn nun die Hertha wirklich die Absicht verfolgen sollte zu modernisieren, so müsste sie gerade auf das Können dieses Spielers aufbauen, um vorwärts zu kommen.“
Die Wiener Schule
Im Westen der Stadt hat die Modernisierung des Spiels bereits stattgefunden. Der Wiener Amateur-Sportverein aus Ober Sankt Veit fährt mit zwei Cupsiegen und dem Meistertitel von 1924 gerade seine ersten Titel ein – und hat ein Auge auf Sindelar geworfen. Bis vor wenigen Jahren war der Klub chronisch erfolglos. 1919 hat Sektionsleiter Hugo Meisl die Brüder Kalman und Jenö Konrad von MTK Budapest zu den Amateuren gelotst, später folgt ihnen Alfred Schaffer. Sie revolutionieren die Spielweise des Klubs. Bislang waren Kraft, Kampf und der Longpass die Leitideen des Spiels – hier profilierte sich insbesondere Bezirksrivale Rapid. Nun beginnen die ungarischen Spieler, ihre Gegner verrückt zu scheiberln. Aus dem Scheiberlspiel, gepaart mit der tschechischen Mala Ulica, dem Pass in die Gasse, entsteht die Wiener Schule. Die Gebrüder Konrad und Schaffer sollen auch zu den Lehrmeistern von Matthias Sindelar werden.
Den gesamten Artikel gibt es in der Printausgabe des ballesterer (Nr. 138 Jänner / Februar 2019) zu lesen. Die Ausgabe könnt ihr hier bestellen.