„Das ist beim Hanappi daheim. Da haben wir den Plan besprochen, der Hanappi hat mein Haus gebaut.“ Ein Blick ins Fotoalbum reicht, um die Erinnerungen hervorzurufen. Immer wieder blättert Ernst Kozlicek in dem Album, das er zum ballesterer-Interview bereitgelegt hat. Seit vielen Jahren wohnt der frühere Teamspieler in einem Wiener Altersheim, wenige Autominuten von seiner früheren Wirkungsstätte entfernt. In den 1950er Jahren gehörte er ebenso wie sein jüngerer Bruder Paul zu den Stützen der Meidlinger Wacker.
ballesterer: Wie sind Sie zum Fußball gekommen?
Ernst Kozlicek: Die Familie Wagner hat auf der Wienerbergstraße gewohnt, wir in der Pottendorferstraße. 1945 habe ich eine Lehre als Metallschleifer beim Vater vom „Turl“ Wagner angetreten, und dann hat mich der „Turl“ einmal auf den Wacker-Platz mitgenommen. Davor habe ich als Kind nur auf der Gasse gespielt. Ich habe dann mit der Lehre aufgehört und bin Profispieler geworden.
Zwischen Ihnen und Ihrem Bruder sowie den Wagner-Brüdern hat sich eine ganz besondere Freundschaft entwickelt.
Ja, der Fredi Wagner und mein kleiner Bruder Paul haben immer bei der Frau Wagner in der Küche mit Knöpfen Tipp-Kick gespielt. Da ist es zugegangen, da sind richtige Meisterschaften ausgespielt worden. Wir haben dann später alle vier in der Ersten von Wacker gespielt und sind einige Male gleichzeitig auf dem Platz gestanden.
Wie würden Sie sich als Spieler beschreiben?
Ich war technisch gut und konnte dribbeln. Der Trainer hat gesagt, ich sei zu verspielt. Ich habe das teilweise nicht so ernst genommen, wie es sich für einen Profi gehört hätte. Einmal habe ich es übertrieben. Bei einem Spiel auf dem Wacker-Platz habe ich den eigenen Tormann überspielt. Mitten im Spiel bin ich aufs Tor zugelaufen und als er gewartet hat, dass ich ihm den Ball zuspiele, habe ich ihn überdribbelt. Da habe ich schon den Edi Frühwirth heranlaufen gesehen, er hat mich sofort aus dem Spiel genommen.
War das auch der Grund, dass er Sie nicht zur WM 1954 mitgenommen hat?
Nein, das hat damit nichts zu tun gehabt. Der Frühwirth hat viel auf mich gehalten, er hat damals gesagt: „Du bist ein junger Bub und kommst schon noch dran.“ Das hat gestimmt, aber da war er nicht mehr mit dabei. Er hat mir dann eine sehr schöne Geburtstagskarte geschrieben.
Als Gerhard Hanappi zu Rapid gewechselt ist, war es Ihre Rolle, ihn zu ersetzen.
Ja, man hat mich als seinen Nachfolger gebracht, obwohl ich in der Jugend Stürmer war. Ich habe dann alles gespielt, aber meine Stammposition war Mittelläufer.
Wieso haben Sie im Nationalteam nicht auf dieser Position gespielt?
Da war die Konkurrenz mit Ernst Ocwirk, Karl Koller und Hanappi zu groß, deswegen habe ich fast nur Außendecker gespielt. Da hat man weniger zu tun gehabt und hat nur den Flügel decken müssen, in der Mitte hat man viel mehr mitspielen müssen. Mein Bruder hat immer Stürmer gespielt, trotzdem bin ich der Schützenkönig in der Familie, weil er hat ein Tor erzielt, ich zwei.
Wie sind Ihre Erinnerungen an die WM 1958?
Ich hätte das Turnier fast verpasst. Im Qualifikationsmatch gegen Luxemburg ist mir der Tormann aufs Bein gesprungen: Seitenbandriss. Da war die Frage, ob ich rechtzeitig fit werde. Ich war der letzte, der eingekleidet worden ist. Ich habe mir beim Tlapa auf der Favoriten-straße meine Sachen geholt und bin gleich nach Schweden geflogen. Die anderen haben schon trainiert. Das Flair bei der WM war schön, wir waren in einem großen Hotel untergebracht, aber weit weg vom Rummel. Sportlich war in der Gruppe aber nichts zu holen.
Bei der Niederlage gegen Brasilien haben Sie nicht gespielt, sondern beim Spiel gegen die Sowjetunion Ihr WM-Debüt gefeiert.
Bei dem Spiel haben wir beim Stand von 0:1 einen Elfmeter gehabt, den der Hans Buzek leider verschossen hat. Lew Jaschin war eine Erscheinung, der hat das ganze Tor ausgefüllt. Wenn du den gesehen hast, hast du dir gedacht: „Da bringen wir nichts rein“. Gegen England haben wir gut gespielt, das war dann das 2:2.
Wie erinnern Sie sich an die Tourneen mit Wacker zurück?
Wir waren viel fort. Davon haben die Vereine gelebt und wir auch. Wir haben in Südamerika 20 Spiele gehabt und wirklich gut verdient. Da hat man ungefähr 1.000 Schilling bekommen. Als ich heimgekommen bin, habe ich mir einen Grund kaufen können, ein Jahr später ein Auto. Wir waren in Peru, Kolumbien und Ecuador. Wenn wir von einer Reise zurückgekommen sind, haben die Buben aus dem Grätzl am Wienerberg schon am Bahnhof gewartet, und wir haben gleich alle Geschichten erzählen müssen.
Was haben Sie dann erzählt?
„Das Fliegen war rückblickend beängstigend, aber als Junger sieht man das nicht so eng, wenn ein Motor ausfällt.“ Das waren teilweise echte Abenteuer. Einmal waren wir an meinem Geburtstag in Lima. Da haben mich die Teamkollegen in der Nacht aufgeweckt und sind mit mir in eine Bar – ich bin gleich im Pyjama rausgegangen. Aber es waren auch weniger angenehme Sachen dabei. In Kairo war ein Umsturz, da ist alles angezündet worden. Unser Hotel ist nur verschont worden, weil wir Ausländer waren.
Was haben Sie nach Ihrer Fußballkarrieregemacht?
Als ich 1959 von der Wacker zum LASK gegangen bin, hat man mich bei einer Versicherung untergebracht. Ich habe in Wien gearbeitet und trainiert und bin zu den Spielen nach Linz gefahren. Das habe ich drei Jahre so gemacht, dann hat die Zentralsparkasse Leute gesucht, und ich bin dort hingegangen. Da waren einige Fußballer.
Wie war das beim LASK?
Ich habe in der Mitte gespielt, etwas später dann Stopper. Das war ziemlich die gleiche Mannschaft, die 1965 Meister geworden ist. Man hat schon gesehen, dass da etwas Großes heranwächst.
Sie haben dann noch bei Schwechat und dem SK Sturm gespielt.
Ich bin in der Winterpause zu Sturm gekommen. Da waren sie aber punktemäßig schon schlecht beieinander, wir sind dann abgestiegen. Ich habe dann aufgehört und mich nicht mehr so mit Fußball beschäftigt. Ich bin nur hin und wieder in die Südstadt gegangen, weil mein Bruder noch bei der Admira gespielt hat.
Verfolgen Sie den Fußball heute noch?
Heute schaue ich mir hauptsächlich die deutsche Bundesliga im Fernsehen an, aber da wird ja manchmal ein ganzes Spiel nicht aufs Tor geschossen.