13. Juni 2000, 18 Uhr, Charleroi. Schiedsrichter Vitor Melo Pereira pfeift die Vorrundenpartie zwischen der Bundesrepublik Jugoslawien und Slowenien an. Es ist ein geschichtsträchtiger Moment für das slowenische Team, zum ersten Mal bestreitet es ein Spiel bei einem Großturnier. Bei der EM in Belgien und den Niederlanden befindet sich der Neuling in einer durchaus attraktiven Gruppe, neben dem Auftaktgegner warten noch Norwegen und Spanien.
DIE BUNDESLIGA-AUSWAHL
Das EM-Team von 2000 wird in Slowenien heute noch verehrt, es gilt als die beste Mannschaft, die das junge Land jemals hervorgebracht hat. „Das war ein unglaubliches Team, ein richtig starkes Kollektiv“, sagt Zlatko Dedic, Stürmer des FC Wacker Innsbruck. Star der Mannschaft war Zlatko Zahovic, der bei dem Turnier drei Treffer erzielte und anschließend von Olympiakos Piräus zum Valencia CF wechselte. Das Grundgerüst der Mannschaft bildeten aber Spieler aus der österreichischen Bundesliga. Mit Zeljko Milinovic und Sasa Udovic vom LASK, Ales Ceh vom GAK, Aleksandar Knavs vom FC Tirol und Kapitän Darko Milanic von Sturm standen sechs Kicker im Aufgebot, die ihr Geld in Österreich verdienten. Es war der größte Block im 23-Mann-Kader, aus der slowenischen Liga schafften fünf die EM-Teilnahme.
Slowenien musste nach der Gruppenphase die Heimreise antreten, dennoch konnten sich die Leistungen für eine Turnierpremiere sehen lassen. Beim Debüt lag Slowenien nach 57 Minuten sogar 3:0 in Führung, ehe Jugoslawien innerhalb von zehn Minuten ausgleichen konnte. Einer 1:2-Niederlage gegen Spanien folgte ein torloses Remis gegen Norwegen.
Schon zwei Jahre später erreichte das Team den nächsten Meilenstein: die erste WM-Teilnahme. In Japan und Südkorea traf die von Ceh als Kapitän angeführte Mannschaft auf Paraguay, Südafrika und erneut Spanien. An ihre Erfolge bei der EM konnten die Slowenen jedoch nicht anschließen, sie schieden punktelos aus. Neben Ceh, der immer noch für den GAK aktiv war, stand mit Zoran Pavlovic von der Wiener Austria nur noch ein weiterer Spieler aus Österreich im Aufgebot.
LANGE DURSTSTRECKEN
In den folgenden Jahren hatte der slowenische Fußball einen Durchhänger, acht Jahre sollte es dauern, bis sich das Nationalteam mit der Qualifikation für die WM 2010 zurückmeldete. „Gleich hinter dem 2000er-Jahrgang kommt unsere Generation“, sagt Dedic, der zwischen 2004 und 2013 48 Spiele für Slowenien bestritt. „Heutige Mannschaften werden oft mit diesen Teams verglichen. Das ist aber etwas unfair, es hat sich sehr viel verändert.“ Zwar war auch bei der dritten Turnierteilnahme bereits nach der Vorrunde Schluss, mit dem 1:0 über Algerien feierte Slowenien aber immerhin den ersten Sieg bei einem Großturnier. Es folgten ein 2:2 gegen die USA und eine 0:1-Niederlage gegen England.
Legionäre aus Österreich fanden sich im Kader von 2010 keine mehr, doch schon bald konnten sich Bundesliga-Fans wieder von der Qualität slowenischer Kicker überzeugen. 2012 wechselte Kevin Kampl zu Red Bull Salzburg und entwickelte sich schnell zu einem der besten Spieler der Liga. 2013 wurde er Sloweniens Fußballer des Jahres. Beim Match am 7. Juni gegen Österreich wird Kampl, der nach Stationen bei Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen mittlerweile bei RB Leipzig spielt, jedoch nicht auf dem Platz stehen. Im November des Vorjahres beendete der 28-Jährige seine Teamkarriere. „Kevin ist die Belastung zu viel geworden“, sagt Dedic. „Spielerisch ist das ein großer Verlust für Slowenien.“
Ihn auszugleichen, ist die Aufgabe zweier früherer GAK-Spieler: Teamchef Matjaz Kek und sein Assistent Ales Ceh. Kek war bereits von 2007 bis 2011 Teamchef und führte Slowenien zur WM. Er übernahm das Traineramt, nachdem der Auftritt in der Nations League unter Tomaz Kavcic in einem Debakel geendet hatte. In einer Gruppe mit Bulgarien, Norwegen und Zypern hatte Slowenien nur drei Unentschieden geholt und war aus der Division C abgestiegen.
KOLLEKTIV GESUCHT
Die sportlichen Enttäuschungen der letzten Jahre haben Wirkung gezeigt, Slowenien steht aktuell auf Rang 63 der FIFA-Weltrangliste. Auch der Start in die EM-Qualifikation war mit den Unentschieden gegen Israel und Nord-Mazedonien durchwachsen. „Einige Spieler müssen ihre Rolle in der Mannschaft erst finden“, sagt Dedic. Nun sei mit Kek aber der richtige Trainer gekommen, um das Kollektiv zu stärken. „Das Team hat ja sehr gute Spieler.“
Dazu zählt etwa Jan Oblak, der sich bei Atletico Madrid zu einem der besten Tormänner der Welt entwickelt hat. Der 26-jährige blieb in der spanischen Liga bis Redaktionsschluss bereits 20-mal ohne Gegentreffer – öfter als jeder andere. In der Offensive ruhen die Hoffnungen auf den beiden Kreativspielern Jasmin Kurtic von SPAL und Josip Ilicic von Atalanta, die jedoch beide schon über 30 sind. „Ilicic ist ein großartiger Spieler, er hat ein gutes Spielverständnis, einen super linken Fuß und erkennt Pässe, die sonst niemand sieht“, sagt Dedic. Ilicic verhalf Atalanta heuer zu einem Höhenflug, an dessen Ende neben dem Cupfinale auch die erstmalige Teilnahme an der Champions League stehen könnte. Im Nationalteam hat Ilicic seine Leistung jedoch nicht immer abrufen können. Man könne nicht alles auf einen Spieler abwälzen, sagt Dedic. „Ilicic wird auch im Nationalteam überzeugen, sobald sich die gesamte Mannschaft stabilisiert hat.“Ein Spieler mit Österreich-Vergangenheit findet sich im slowenischen Kader auch noch: der ehemalige Rapid-Stürmer Robert Beric. Nach schweren Verletzungen und missglückten Leihen konnte der 27-Jährige heuer mit sieben Toren in 19 Spielen für die AS Saint-Etienne wieder aufzeigen. „Robert kann für Slowenien noch sehr wichtig sein“, sagt Dedic. Zuletzt musste Beric jedoch auf der Bank Platz nehmen, im Sturmzentrum spielte Andraz Sporar. Der 25-jährige hatte mit seinen Toren wesentlichen Anteil am Titelgewinn von Slovan Bratislava.
Teamchef Kek und sein Assistent Ceh können also auf einen starken Kader setzen, der das große Ziel erreichen soll. Zehn Jahre nach der letzten WM-Teilnahme und 20 Jahre nach dem Juniabend von Charleroi soll die Durststrecke endlich enden, im Jubiläumsjahr 2020 will Slowenien wieder an einem Großturnier teilnehmen. Zlatko Dedic glaubt daran: „Wir haben gute Chancen.“