BETRUGSFALL ZWEITE LIGA
Seine Heimat hat der 1. FC Union Berlin seit jeher in Köpenick im Süd-Osten von Berlin, 30 Fahrminuten mit der S-Bahn vom Stadtzentrum entfernt. Früher stand die Gegend vor allem für Handwerksarbeit und Stahlindustrie, heute ist sie ein begehrter Wohnbezirk. Neben kleinen, wohl gepflegten Häusern finden sich hier viele Fabriken, teils verlassen und leerstehend, alle im für diesen Stadtteil typischen Stil der Backsteingotik aus gelbem Ziegel. Der Weg zum Stadion an der Alten Försterei hält, was der Name verspricht: Über einen schmalen asphaltierten Pfad geht es durch einen Waldstreifen, vorbei an Gemeinschaftsgärten und entlang der Wuhle, einem kleinen Fluss, der in die Spree mündet. Nur die Rufe der Spieler und Trainer vom Trainingsgelände durchbrechen die Ruhe der Vorstadt.
Uwes Wunsch, dass alles bleiben möge, wie es ist, lässt sich aus der turbulenten Geschichte des Klubs erklären. 1966, fünf Jahre nach Baubeginn der Berliner Mauer, wurde Union Berlin aus mehreren Vorgängervereinen gegründet. Mit dem BFC Dynamo und dem FC Vorwärts gab es zwei weitere Klubs in der Stadt, die allerdings unter dem Einfluss der Stasi beziehungsweise der Nationalen Volksarmee standen. Union Berlin positionierte sich als ziviler Fußballverein. Im engmaschigen Kontrollsystem der DDR bot ein Stadionbesuch die Möglichkeit, sich auszutauschen und Stellung zu beziehen. Bei Freistößen riefen die Fans: „Die Mauer muss weg!“ Sportlich pendelte Union zwischen Oberliga und zweiter Liga, gewann 1968 den Pokal und 1986 sogar den Intertoto-Cup. Nachdem die Berliner Mauer am 9. November 1989 tatsächlich gefallen war, schaffte Union die Qualifikation für die gesamtdeutsche zweite Bundesliga. Ein Klubfunktionär fälschte jedoch eine Bankbürgschaft, der Betrug wurde entdeckt und Union zwangsrelegiert.
Der erstmalige Aufstieg in die zweite Liga gelang erst 2001, heute ist Union Berlin längst im Profifußballgeschäft etabliert. „Damit wir uns nicht alle in Selbstgefallen auflösen, gibt es eine Zielsetzung“, sagt Helmut Schulte, der seit eineinhalb Jahren Leiter der Lizenzspielerabteilung des Vereins ist. Der Klub möchte sich unter den besten 20 Klubs in Deutschland einreihen. „Wir wollen das nicht nur auf einen Tabellenplatz beschränken. Das betrifft den Umsatz, das Stadion, das Personal und die Struktur.“
SPAGAT AUF RASIERKLINGEN
Stefanie Fiebrig geht seit 2004 zu Union und betreibt mit textilvergehen.de einen Blog samt Podcast über den Verein. Skeptische Stimmen wie jene von Uwe kann sie gut verstehen. „Das sind typische Wachstumsschmerzen“, sagt sie. „Aber der Verein muss nach oben streben, um überhaupt in der zweiten Liga bleiben zu können.“ Sportlich betrachtet würden alle Fans den Aufstieg wollen, glaubt Fiebrig. „Was den Leuten Sorgen macht, sind die Begleitumstände. Bei einem Aufstieg werden die Tickets teurer, das Stadion muss umgebaut werden, und es kommen mehr Zuschauer“, sagt sie. Manche Fans hätten Angst, ihren jahrzehntealten Stammplatz an neue Anhänger zu verlieren. „Es kommen dann Leute mit einem anderen Hintergrund, die unsere Geschichte nicht mitgemacht haben.“
Doch wenn der Verein seine Ziele erreicht, wird er sich zwangsläufig verändern. Unions jährlicher Umsatz liegt seit 2015 bei über 30 Millionen Euro. Inklusive der Stadionbetriebs AG kommt der Verein auf rund 40 Millionen Euro. Stadtrivale Hertha BSC weist einen Umsatz von über 120 Millionen Euro auf, insgesamt machten die 18 Bundesliga-Vereine zuletzt einen Umsatz von über drei Milliarden Euro. „Wenn man sich dazu entscheidet, einen professionellen Fußballverein zu führen, hat man sich ja schon dafür entschieden, in dem System mit- zumachen“, sagt Schulte. Mitmachen könne man eben nur, wenn man ein gewisses Maß an Geld zur Verfügung habe. „Die Frage ist, wie komme ich an das Geld. Entweder über Investoren beziehungsweise einen Mäzen, oder ich vermarkte alles, was nicht schnell genug auf die Bäume kommt.“ Bei Union Berlin würde man versuchen, diese Herausforderung behutsam anzugehen. „Das ist ein Spagat auf zwei Rasierklingen“, sagt Schulte. „Fußball soll Sport bleiben, trotzdem dürfen wir uns den wirtschaftlichen Mechanismen nicht komplett versagen.“ Den kritischen Blick der Fans kann der Manager verstehen. „Wir wollen die Seele des Klubs aber nicht verkaufen“, sagt er. Bei den Mitgliederzahlen liegt Union mit etwas mehr als 16.000 Mitgliedern auf Platz 18 der deutschen Vereine – und damit schon jetzt in der Bundesliga.
ZEIT VERSUS GELD
Ein Spagat ist auch der Bezug zu den Wurzeln des Vereins, das Image als Ostklub wird gepflegt und abgeschwächt. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, sagt Schulte. „Wenn man bis zu 40 Jahre lang in der DDR etwas anderes erlebt hat als das, was heute ist, führt das natürlich dazu, dass man in manchen Bereichen anders tickt.“ Im Osten hätten die Menschen zeitlichen und im Westen materiellen Wohlstand gehabt, sagt Schulte, der selbst aus dem Sauerland im Westen Deutschlands stammt.