„Merci Barea, merci Barea“, tönt es von hunderten Fans trotz der 0:3-Niederlage gegen Tunesien. „Barea“ ist der Spitzname des Teams aus Madagaskar, benannt nach einem lokalen Buckelrind. Dann nimmt die Mannschaft vor dem Sektor Aufstellung und stimmt den „Hu“-Chant an. Die Ausführung ist nicht ganz so perfekt wie bei den Isländern, die wie Madagaskar bei ihrem ersten großen Turnier, der EURO 2016, sensationell ins Viertelfinale vorgedrungen ist. Doch wer hätte überhaupt gedacht, dass es für den Newcomer überhaupt was zu feiern gibt?
Madagaskars Märchen
Anfang 2017 lag Madagaskar im FIFA-Ranking auf Platz 135. Um überhaupt an der Qualifikation für den Afrika-Cup teilzunehmen, musste das Team zu einer Vorausscheidung gegen Sao Tome e Principe antreten. Was dann in Ägypten folgte, war beispiellos: Nach einem 2:0 gegen Nigeria wurde Madagaskar Gruppensieger, dann im Achtelfinale der Aufstieg gegen die Favoriten Kongo-Kinshasa. Und das alles mit Spielern, die sich ihr Geld in La Reunion, Thailand und Saudi-Arabien sowie bei unterklassigen Vereinen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich verdienen. Gegen die gut organisierten Tunesier geht das Fußballmärchen im Al-Salam-Stadion von Kairo nun zu Ende.
Die Anreise in das außerhalb des Zentrums gelegene Stadion gestaltet sich als anspruchsvoll. Es gilt, eine 35 Kilometer lange Taxifahrt während der abendlichen Rushhour in der Megacity Kairo zu organisieren. Ich habe das Glück, einen englischsprachigen Taxifahrer zu erwischen, der muss sich zwar fünfmal nach dem Weg erkundigen, genießt aber offensichtlich die Konversation mit mir. Ali bewundert die Deutschen und die deutsche Automobilindustrie und hat nicht viel übrig für die Militärregierung unter Präsident al-Sisi: „Vor der Revolution war es schlecht, aber nach 2011 wurde es noch schlimmer.“ Schon lange vor der Ankunft beim Stadion, das eigentlich Military Production Stadium heißt, deutet er auf die hohen Mauern, an denen wir vorbeifahren: „Das gehört alles dem Militär“. Und das behagt dem Taxler offenbar gar nicht: „Sie zahlen für nichts, weder für Strom noch für Wasser, wir müssen das bezahlen!“ Nach eineinhalb Stunden Fahrt haben wir unser Ziel endlich erreicht, und ich bezahle den vereinbarten Fahrpreis von 150 ägyptischen Pfund, umgerechnet 8,50 Euro. Vom ersten Sicherheitscheck sind es noch 20 Minuten zu Fuß bis zum Stadion – vorbei an gepanzerten Fahrzeugen und Spalier stehenden Polizisten.
Da die Pressetribüne überfüllt ist, wird mir und den anderen Journalisten als Alternative ein staubiger Sitzplatz direkt neben dem Madagaskar-Sektor zugewiesen. Zu meiner Überraschung ist dort plötzlich Fotografieren erlaubt. Bei den Spielen davor wurde darüber gewacht, dass niemand der schreibenden Zunft auch nur sein Handy zückt.
Ägyptens Aus
Besonders penibel mit der Überwachung waren die Volontäre auf der Pressetribüne in Ismailia. Was den gechillten Eindruck der mit 400.000 Einwohnern kleinsten Host City am Sueskanal aber nur leicht trübte. Im Achtelfinale behielt Tunesien erstmals in der 62-jährigen Geschichte des Bewerbs gegen Ghana die Oberhand. Ein Fersler-Tor von Andre Ayew wurde zu Unrecht wegen Handspiel aberkannt. Da der Videoreferee erst mit dem Viertelfinale eingesetzt wurde, blieb eine Korrektur aus. Schon wieder mussten die „Black Stars“ nach einem Elferschießen die Koffer packen. Vermutlich wurden bei Asamoah Gyan & Co traumatische Erinnerungen an die WM 2010 und das Finale 2015 in Äquatorialguinea wach.
Mit einem Minibus geht es von Ismailia zurück in die Megacity Kairo, dort stehen Interviews an. Zuerst mit einer lebende Ikone des ägyptischen Fußballs, Magdy Abdel Ghany, den hier jeder nur als Abdelghani kennt. Als Spieler wurde ihm die Ehre zuteil, bei der WM 1990 in Italien ein Tor für Ägypten zu erzielen. Da sich Ägypten in der Folge nie mehr qualifizierte, blieb sein verwandelter Penalty gegen die Niederlande für 28 lange Jahre das einzige WM-Tor. Erst mit den beiden Salah-Toren bei der WM in Russland wurde der Mythos gebrochen.
Abdelghani empfängt mich im engen Büro der Egyptian Professional Footballers Association, deren Präsident er ist. Er sitzt mit dicker Havanna in der Hand hinter seinem großen Schreibtisch, auf dem sich Fußball-Memorabilia aus mehreren Jahrzehnten türmen. Hinter ihm hängt ein Foto mit Machthaber Abdel Fattah al-Sisi. Am liebsten würde er nur über die fünf kontinentalen Titel mit dem Kairoer Klub Al-Ahly und seine glanzvolle Auslandskarriere bei Beira-Mar in Portugal reden. Angesprochen auf das schmachvolle Ausscheiden Ägyptens gegen Südafrika im Achtelfinale sagt Abdelghani: „Das ist Fußball, nehmen wir Brasilien … Als wir klein waren, haben wir zu Brasilien aufgeschaut und doch wurden sie bei der WM im eigenen Land eliminiert.“ Abdelghani, der auch im Vorstand der Egyptian Football Association (EFA) sitzt, musste nach der Niederlage gegen Südafrika so wie andere Funktionäre seinen Rücktritt bekannt geben. Für viele Beobachter ist dies aber nur ein Manöver, um den Volkszorn zu besänftigen. Als Grund für das Ausscheiden nennt Abdelghani ein grundlegendes Problem: „Wir wussten, dass wir keine Mannschaft haben, um das Turnier hier zu gewinnen, aber wir haben es mit Psychologie versucht, wir sagten ‚Wir haben eine gute Mannschaft, wir haben Mohammed Salah.‘“
Ein Grund für das sportliche Desaster ist für viele die Causa um den PAOK-Spieler Amr Warda. Nachdem der Mittefeldspieler aufgrund der sexuellen Belästigung mehrerer Frauen aus dem Kader suspendiert wurde, dauerte es nur 48 Stunden, bis die die Verbandsfunktionäre eine Kehrtwendung machten. Mithilfe öffentlicher Statements von Spielern wie Salah wurde Warda begnadigt und beim Achtelfinale gegen Südafrika eingewechselt. Das ambivalente Vorgehen lässt auf Kämpfe zwischen Verband, Spielern und Politik schließen. Am Samstag nach der Niederlage wurde der Hashtag #TeamofHarassers in Ägypten zum Twittertrend Nummer eins.
Am nächsten Tag treffe ich im Marriott Hotel den früheren Ghana-Kapitän und Fortuna-Düsseldorf-Spieler, Anthony Baffoe zum Interview. Er arbeitet mittlerweile für die Confederation African de Football (CAF) in Kairo und ist dort der stellvertretende Generalsekretär. Baffoes Prognose noch vor dem Semifinale: „Für mich hier im Turnier ist Algerien der absolute Favorit, sie haben bisher dominiert und sind technisch sehr, sehr versiert.“ Mehr von Baffoe dann später im ballesterer ...
Am Freitag steigt also das Finale. Seit 1965 hat sich Senegal für 14 Endrunden qualifiziert, aber noch nie den Pokal gewonnen. Seit dem verlorenen Finale 2002 in Mali war Senegal nie wieder so nahe daran. Der große Traum von Sadio Mane ist es, mit dem Cup durch die Straßen von Dakar zu paradieren. Dafür, so sagt er, würde er sogar seinen Champions-League-Titel mit Liverpool eintauschen.