In seinen ersten Ligaspielen für den Wolfsberger AC hat Shon Weissman gleich einmal einen rund 30 Jahre alten Rekord geknackt. Mit sieben Toren aus vier Spielen überflügelte er die Bestmarke, die Oliver Bierhoff 1990 mit Austria Salzburg aufstellte. Den guten Start in die Saison verdankt der WAC nicht zuletzt seinem Neuzugang aus Israel.
Stark, schnell, positiv
Danach sah es im vergangenen Herbst ganz und gar nicht aus, damals schwebte ein großes Fragezeichen über Weissmans Karriere. Fred Rutten, sein damaliger Trainer bei Maccabi Haifa, schätzte die Qualitäten des Stürmers nicht allzu hoch ein. Weissman pendelte zwischen Bank und Tribüne. Der Trainerwechsel Anfang November verbesserte seine Situation nicht, denn auch der frühere israelische Teamchef Eli Guttman setzte nicht auf ihn. Als während der Wintertransferzeit dann noch das Stürmertalent Jarden Schua von Bne Jehuda Tel Aviv zu Maccabi Haifa wechselte, schien die weitere Profilaufbahn des 22-Jährigen in Gefahr.
Doch dann wendete sich das Blatt. Guttman verließ nach nur einem Monat den Klub aufgrund von gesundheitlichen Problemen, und sein Nachfolger Marco Balbul kannte Weissman aus dem U21-Nationalteam. Er vertraute auf ihn und wurde dafür belohnt. „Durch Marco hat sich alles verändert“, sagt Weissman. „Er hat mich immer ermutigt, auch wenn ich einmal nicht getroffen habe. Jetzt weiß ich, dass ich Tore schießen kann.“ Shon Weissman beendete die Saison mit neun Treffern aus 26 Spielen und wurde im Juni von Teamchef Andreas Herzog nominiert – eine Verletzung verhinderte das Debüt.
„Shon hat Qualitäten, über die nicht viele israelische Fußballer verfügen“, sagt Herzog. „Er ist körperlich stark, sehr schnell und ein guter Kopfballspieler. Außerdem denkt er sehr positiv. Er muss sicher noch an sich arbeiten, aber ich glaube an ihn.“ Seine Meinung über Weissman hat Herzog auch den Vertretern der Austria mitgeteilt, als die vor einiger Zeit eine Verpflichtung in Erwägung zogen. Im Juli kam der Israeli nach Österreich, allerdings nicht nach Wien, sondern nach Wolfsberg.
Neue Schuhe bei Maccabi
Shon Weissman galt schon während seiner Jugendzeit bei Hapoel Haifa als großes Talent. Geboren wurde er in Kirjat Chaim, einem nördlichen Vorort von Haifa. Er begann als Fünfjähriger mit dem Fußball, seine Mutter Varda meldete ihn im Verein an. „Sie hat mich immer motiviert und mir die Kraft gegeben weiterzumachen“, sagte er später. Mit 15 wechselte er zum Lokalrivalen Maccabi. „Ich hatte Hapoel um zwei Paar neue Schuhe gebeten. Die wollten sie mir nicht geben, da habe ich beschlossen, zu Maccabi zu gehen“, sagt er.
Mitverantwortlich für den Wechsel war auch Trainer Jossi Tsarfati. „Das erste Mal habe ich Shon gesehen, als ich an einer Schule unterrichtet habe“, sagt er. „Er war technisch sehr gut und hat die richtige Einstellung gehabt – er war jemand, der nicht verlieren wollte. Als ich zwei Jahre später Trainer bei Maccabi war, habe ich von seinem Wechselwunsch erfahren. Ich habe ihn und seine Mutter überzeugt, dass er zu uns kommt.“
Weissman wuchs nach der Scheidung der Eltern mit seinem jüngeren Bruder bei der Mutter auf. Schon früh wurde ihm klar, dass er als Profi eine finanzielle Stütze für seine Familie sein könnte. Die Aussichten darauf seien bei Hapoel deutlich schlechter gewesen. Noch heute, sagt Weissman, sei er dem Eigentümer von Maccabi, Ja’akow Schachar, dafür dankbar, dass er ihm beim Kauf eines Hauses geholfen habe.
Zweifel und Durchbruch
In seiner Zeit als Jugendspieler machte Weissman sowohl bei Hapoel als auch bei Maccabi durch viele Tore auf sich aufmerksam. Einer der Nachwuchstrainer des Klubs, Avraham Abukarat, erinnert sich, dass Weissman auch dem Vergleich mit älteren Spielern gewachsen war. „Als er einmal kurzfristig für ein Spiel in einen höheren Jahrgang einberufen worden ist, hat er gleich das Siegestor erzielt“, sagt er. „Er war den anderen immer einen Schritt voraus. Aber der Sprung in die Kampfmannschaft ist noch einmal eine andere Sache.“
Und auch für Weissman war der Start im ersten Team von Maccabi alles andere als einfach. 2014 unterzeichnete er einen Fünfjahresvertrag – und wurde gleich verliehen, um Erfahrung zu sammeln. Während seiner halben Saison bei Hapoel Akko traf er bei 18 Einsätzen gar nicht, bei Zweitligist Maccabi Netanja trug er zwölf Tore zum Aufstieg in die erste Liga bei. Es folgte ein Jahr bei Hapoel Ironi Kirjat Schmona mit nur drei Treffern. „Das war eine schwierige Zeit“, sagt Weissman. „Ich war häufig verletzt und habe nicht kontinuierlich spielen können. Das hat mich sehr frustriert. Ich habe immer gewusst, dass ich mehr Potenzial habe, aber es hat einfach nicht funktioniert.“ Irgendwann seien ihm schließlich Zweifel an seinen Fähigkeiten gekommen. „Ich habe schon geglaubt, dass ich den Durchbruch nie schaffe.“
Doch unter dem neuen Maccabi-Trainer Marco Balbul gelingt er schließlich – und das ebnet Weissman den Weg in die Bundesliga. „Marco hat sich sehr um mich bemüht, das hat mir enorm geholfen“, sagt Weissman. „Er hat mich zwei Jahre im U21-Team betreut und dann bei Maccabi. Er ist der wichtigste Trainer meiner Karriere.“ Die Zeit in der U21 ist für Weissman nun vorbei, im September wurde er für die EM-Qualifikationsspiele in den Kader des A-Nationalteams einberufen. Bei der 2:3-Niederlage gegen Slowenien kam er zu seinem ersten Einsatz, beim Spiel gegen Österreich im Oktober könnte er die nächste Chance erhalten.
„Ich bin glücklich in Österreich“, sagt Weissman. „Ich habe viel Grund zum Lächeln. Der WAC vertraut mir, und ich freue mich, wenn ich das mit Toren zurückzahlen kann.“ Die Tore werden ihm vielleicht noch weitere Türen öffnen. „Mein Traum ist es, einmal in Deutschland zu spielen, am liebsten für Borussia Dortmund. Munas Dabbur hat mir gesagt, dass die österreichische Liga ein gutes Sprungbrett für israelische Talente ist. Wie gut, dass ich auf ihn gehört habe.“
Übersetzung: Nicole Selmer