Bei einem Spaziergang durch die Wiener Innenstadt kann man einem ehemaligen Teamspieler begegnen, speziell wenn es Richtung Schottenkirche geht. Dort ist häufig ein älterer Herr anzutreffen, der die Sonne genießt. „Ich habe immer in der Innenstadt gearbeitet, heute wohne ich in Sievering. Der Rummel fehlt mir, also fahre ich jeden Nachmittag in die Stadt“, sagt Giuseppe Koschier. Zehn Saisonen absolvierte er in der höchsten Spielklasse, er wurde Meister und Cupsieger und bestritt zwei Länderspiele. Nach der Fußballerkarriere konzentrierte er sich auf das Berufsleben außerhalb des Sports, 2010 erhielt er für seine unternehmerische Tätigkeit das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien. Koschiers Herkunft ist dabei für einen Fußballer ebenso ungewöhnlich wie seine spätere Berufswahl.
Gegen Happel und Hanappi
Giuseppe Koschier wird 1936 in eine adelige Familie geboren, das Fußballspielen lernt er nicht auf der Straße. „Meine Vorfahren stammen aus Triest. Wir haben 9.000 Quadratmeter Grund und ein eigenes Fußballfeld mit Toren gehabt“, sagt Koschier beim Gespräch in einem Kaffeehaus am Wiener Graben. Vom Vater übernimmt er die Verbundenheit zum Wiener Sport-Club, wo er in der Jugend spielt. Während der Schulzeit stellen sich die Weichen für die berufliche Laufbahn. Eigentlich sei geplant gewesen, dass er nach der Matura ein Medizinstudium beginne, sagt Koschier. „Ich habe aber früh gesehen, dass ich ein Talent für das Schneidern habe, und mich dann entschlossen, Schneider zu lernen und nebenbei Fußball zu spielen.“ Auch damit folgt er dem Vorbild des Vaters. Nach der Gesellenprüfung geht Koschier für drei Jahre nach Belgien in die Meisterlehre. Dort spielt er in der Jugend des RSC Anderlecht. Als er die Meisterprüfung abgelegt hat, übergibt ihm der Vater die Leitung der Werkstatt in Wien mit 20 Schneidern.
Auf dem Rasen schwingt Koschier allerdings nicht die feine Klinge. Als Stopper setzt er seinen Körper voll ein. „Ich habe einen durchtrainierten Oberkörper gehabt. Ich habe eine Zeit lang neben dem Fußball auch Eishockey gespielt.“ Als kompromissloser und harter Verteidiger macht sich Koschier schnell einen Namen. Ab 1956 spielt er beim Simmeringer SC, bei der Erstaustragung des Stadthallenturniers trifft das Team auf Rapid – und Koschier auf einen der ganz Großen. „Den Happel habe ich über die Bande geschmissen. Da hat er gesagt: ‚Depperter Bua!‘ Ich habe ihm geantwortet: ‚Komm nur raus, dann bist im Gips.‘“ Es sei damals weniger streng zugegangen, nicht nur weil es noch keine Gelben und Roten Karten gab. „Die Schiedsrichter haben ein Bücherl mitgehabt. Wenn man dreimal aufgeschrieben worden ist, hat man vom Platz müssen“, sagt Koschier. Bei einem Spiel auf der Pfarrwiese habe er einen Gegner mit dem Oberkörper vom Platz gestoßen. „Der Hanappi hat beim Schiedsrichter reklamiert. Der hat gesagt: ‚Herr Ingenieur, noch ein Wort und ich werfe Sie raus. Sie scheinen nicht zu wissen, dass das Attackieren mit dem Oberkörper erlaubt ist. Wenn Ihnen das nicht passt, dann hören S’ mit dem Fußballspielen auf und gehen S’ tarockieren.“
1959 gewinnt Koschier mit dem Sport-Club, zu dem er zwei Jahre zuvor zurückgekehrt ist, die Staatsliga. Er trägt zwar nur mit wenigen Einsätzen zum Meistertitel bei, doch er hat die Aufmerksamkeit von Karl Decker geweckt. Am 27. März 1960 beruft ihn der Teamchef zur EM-Qualifikation gegen Frankreich ein. Am 1. Mai folgt im Test gegen die Tschechoslowakei der zweite Einsatz. Noch viermal steht Koschier im Kader, spielen wird er nicht mehr. „Es hat eine sehr große Konkurrenz auf meiner Position geherrscht“, sagt er. „Ich habe immer großartige Leistungen bringen müssen, um überhaupt nominiert zu werden.“
Stilberater
Aus seiner Vereinskarriere erinnert sich Koschier besonders gern an die Tourneen – und die dazugehörigen Freizeitbeschäftigungen. So erzählt er von Kamelritten in Kairo und Opernbesuchen in Mailand. „Der italienische Botschafter war Kunde in unserem Geschäft. Er hat mir einen tollen Platz reserviert“, sagt Koschier. „Ich habe mir mein Dinnerjackett mitgenommen. Das ist ein weißes Sakko, das man im Sommer in der Oper trägt. Das wissen aber nur die wenigsten Leute, die meisten tragen Grau oder Schwarz.“
Im Sommer 1960 wechselt Koschier zur Admira. Er bleibt dort bis 1964, verlängert seine Verträge aber immer nur um ein Jahr. „Jedes Mal, wenn wir einen neuen Vertrag ausgehandelt haben, hat der Verhandler vom Klub gesagt: ‚Na, Herr Baron, sind wir wieder teurer geworden?‘ Ich habe solche Federn gehabt, dass ich zu viel verlange“, sagt er. „Nach dem Unterschreiben haben sie immer gesagt: ‚Wir freuen uns, dass wir uns Ihre Dienste wieder gesichert haben und dann noch so günstig.‘ Und ich habe mir gedacht: ich Trottel.“ 1961 steigt er mit der Admira ab, wird jedoch nach dem direkten Wiederaufstieg Vizemeister und 1964 Cupsieger. Dann wechselt Koschier für drei Jahre zur Vienna, ehe er seine Karriere beim WAC und später in Kagran ausklingen lässt.
Der Fokus gehört nun der Privatwirtschaft, auch als Schneidermeister pflegt Koschier den direkten Umgang mit seinem Gegenüber. „Bei jedem Opernball habe ich Ausschau nach unseren Kunden gehalten, und wenn einer das Stecktuch falsch gehabt hat, bin ich hin – ‚Gestatten. Der Rest ist in Ordnung, aber können Sie kein Stecktuch falten?‘ Und habe ihm das zusammengefaltet. Da haben alle geschaut.“
Frühere Mitspieler sieht der 83-Jährige heute kaum noch. Die meisten seien schon gestorben. Ab und zu habe er Kontakt mit Walter Horak, seinem ehemaligen Mitspieler beim Sport-Club. Mit ihm verbindet vor allem Koschiers Ehefrau Hilde eine besondere Anekdote. „Wir waren beim Heurigen und frisch verheiratet. Da kommt er herein und sagt: ‚Geh, lass die Katz, ich habe eine andere für dich“, erzählt sie. „Mein Mann ist halb vom Sessel gefallen und hat gesagt: ‚Du bist ein Depp. Das ist meine Frau.‘“ Am Ende des Gesprächs trinkt Koschier seinen Tee mit Milch aus und sagt: „Was ich in meinem Leben alles erlebt habe, das glaube ich manchmal selbst kaum. An die Zeit, in der ich Fußball gespielt habe, erinnere ich mich aber besonders gerne zurück.“