Verliert eine Ultragruppe ihre Zaunfahne an eine gegnerische Gruppe, muss sie sich auflösen. So zumindest die ungeschriebene Regel. Die kennt auch die Polizei, sie nannte ihre großangelegte Operation gegen Juventus-Fans „Last Banner“. Am Morgen des 16. September führten Beamte der Spezialeinheit Digos quer durch Italien Hausdurchsuchungen an 39 Orten durch, dutzende Fans werden als Verdächtige geführt, zwölf wurden direkt verhaftet oder unter Hausarrest gestellt. Dazu gehörten die Capos der Gruppen „Drughi“, „Viking“, „Tradizione“ und „Nucleo 1985“. Ihnen werden gleich mehrere Straftaten vorgeworfen, darunter die Bildung einer kriminellen Vereinigung, Erpressung, Geldwäsche und Gewaltdelikte.
Ende der Fahnenstange
Laut der Rekonstruktion der Polizei sollen die Ultras die militärische Kontrolle über die Kurve ausgeübt haben. Die Vorwürfe werden mit Videos aus dem Juventus Stadium untermauert. Sie zeigen, wie Ultras sich Freigetränkecoupons an der Stadionbar abholen, wie sie ihren Bereich mit Absperrband eingrenzen, Kartenbesitzer aus diesem Bereich vertreiben und Fans auffordern, soeben aus dem Spiel gefangene Bälle an die Capos abzugeben. Dieses Verhalten mag nicht sehr sympathisch sein, den Straftatbestand der Bildung einer kriminellen Vereinigung erfüllt es allerdings wohl nicht. In der Substanz geht es den Ermittlern aber ohnehin um etwas, das auf den Videos nicht dokumentiert ist, nämlich den Vorwurf, dass die Fans vom Verein hunderte Freikarten oder zumindest vergünstigte Tickets erpressen wollten, um sie gewinnbringend zu verkaufen.
Die Ermittlungen sind Resultat einer Anzeige des Klubs vom Juni 2018, die Vorgeschichte reicht aber mindestens bis 2016 zurück. Damals sorgten Verbindungen zwischen der Vereinsführung und Vertretern der organisierten Kriminalität für Schlagzeilen. Juventus hatte einige Fangruppen mit vergünstigten Tickets versorgt, am Weiterverkauf auf dem Schwarzmarkt soll die ’Ndrangheta mitgeschnitten haben. Derartige Absprachen über Kartenkontingente zwischen Vereinen und Fangruppen sind in Italien nicht ungewöhnlich, aber gemäß den Ligastatuten verboten. Also rückte auch Juventus-Präsident Andrea Agnelli in den Fokus der Untersuchung – er wurde im Dezember 2017 zu einer dreimonatigen Funktionssperre und einer Geldstrafe von 100.000 Euro verurteilt. Der Klub musste 600.000 Euro zahlen und bei einem Spiel die Curva Sud sperren.
Eine Schlüsselfigur in den Ermittlungen war damals Raffaello Bucci. Er gehörte früher zum Führungskreis der „Drughi“ und hatte später als Juventus-Fanbeauftragter eine Vermittlerrolle zwischen Klub und Fanszene, gleichzeitig diente er zunächst der Digos, später dem Geheimdienst als Informant. Er soll über rechtsextreme Umtriebe und Verbindungen zur ’Ndrangheta berichtet haben. Am 7. Juni 2017, einen Tag nach einer Unterredung mit der Turiner Staatsanwaltschaft, starb Bucci unter mysteriösen Umständen. Er stürzte in Fossano von einer Autobahnbrücke. Im Zuge der Operation „Last Banner“ wurde nun bekannt gegeben, dass die Staatsanwaltschaft in diesem Fall nicht mehr von einem Suizid ausgeht, sondern wegen Mordes ermittelt.
Vom Täter zum Ankläger
„Mir fehlt ein Zwischenstück in der Kommunikation. Wie hat Juventus die Rolle so schnell wechseln können?“, sagt Kai Tippmann. Er betreibt den Blog altravita.com über den italienischen Fußball, hat mehrere Ultrabücher ins Deutsche übersetzt und vor etwas mehr als einem Jahr an der ARTE-Doku „Kampf um die Kurve“ mitgewirkt. Damals begleitete er das Kamerateam zu diversen Juventus-Ultras, einige von ihnen sind von den derzeitigen Ermittlungen betroffen. Die Rolle des Vereins sieht Tippmann kritisch „Vor ein paar Jahren war Juventus selbst noch auf der Anklagebank“, sagt er. „Jetzt sollen sie diejenigen sein, die knallhart für einen sauberen Fußball kämpfen.“ Der Verein erstattete zwar im Juni 2018 Anzeige, aber laut Recherchen des Corriere della Sera erst, nachdem der damalige Turiner Polizeichef den Klub zwei Monate zuvor massiv dazu gedrängt hatte. Die Frage, wie aus dem Naheverhältnis zwischen Verein und Fans plötzlich zumindest medial ein Konfliktverhältnis wurde, beantwortet sich Tippmann selbst. „Ein Wort: Agnelli“, sagt er. „Juventus ist kein normaler Verein. Die Eigentümerfamilie betreibt ja in Italien eine Art Parallelstaat. Da gehört auch eine gewisse Medienmacht dazu.“ Zu den Vorwürfen will Tippmann sich nicht im Detail äußern, das sei Gegenstand der Ermittlungen. „Sicher hat die Kurve eine ökonomische Macht gehabt“, sagt er. „Aber die ‚Drughi‘ und ‚Tradizione‘ haben zum Beispiel historisch so schlechte Beziehungen untereinander, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass die sich jetzt plötzlich den Markt aufteilen.“ Auch die Nähe zur organisierten Kriminalität zeichne nicht nur die Ultras aus. „Die ’Ndrangheta ist überall dort vertreten, wo es etwas zu verdienen gibt – auch in den Fankurven“, sagt Tippmann. „Man darf sich die Einschleusung aber nicht so einfach vorstellen. Du musst schon ein echter Ultra sein, um Capo zu werden.“
Der englische Traum
Während die Ermittlungen noch laufen und einige Beschuldigte aus der Haft beziehungsweise dem Hausarrest entlassen wurden, legte die Polizei Ende September nach. Sie verteilte an 34 Fans Stadionverbote zwischen vier und sieben Jahre. Vier Ultras, darunter die Capos der „Drughi“ und von „Tradizione“, bekamen sogar zehn Jahre – eine neue Höchststrafe in Italien. „Unabhängig davon, was bei den Ermittlungen herauskommt, ist die komplette Führungsriege abgesägt“, sagt Tippmann. Als großen Profiteur sieht er Juventus. „Das Stadion mit 39.000 Plätzen ist ständig voll, ohne Ultras können sie die Preise nach Belieben nach oben drehen.“
In den letzten sieben Jahren haben sich die Abopreise im Juventus Stadium fast verdoppelt. Nach einem Rekordanstieg von 30 Prozent in der Vorsaison wurden sie zu Beginn der aktuellen abermals um knapp elf Prozent erhöht. Die Ultras äußerten zarten Protest, der spätestens mit den Hausdurchsuchungen und Verhaftungen verstummte – die Juventus-Fanszene hat nun andere Sorgen. Die Operation „Last Banner“ wird damit zum Baustein einer alten italienischen Debatte, dem Traum vom englischen Modell. „Da sitzen alle, klatschen, kaufen und konsumieren“, sagt Tippmann. Dass der Rauswurf der Ultras bei Juventus beginnt, habe einen einfachen Grund – es ist der einzige Großklub, der schon ein eigenes Stadion hat. „Fiorentina, Inter, Milan und Roma planen neue Stadien“, sagt Tippmann. „Wenn das konkret wird, müssen sich deren Ultras auch Sorgen machen.“